Demenzzentrum Villa Rosenstein: Manchmal reicht eine Umarmung

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Pflegekraft Sandra Gasic im Demenzzentrum Villa Rosenstein in Heubach.
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Tagespost-Weihnachtsaktion: Sandra Gasic macht eine Ausbildung zur Pflegefachfrau im Demenzzentrum Villa Rosenstein in Heubach. Was sie für ihre Arbeit braucht und was sie sich von der Politik erhofft.

Heubach

Wer Sandra Gasic an ihrem Arbeitsplatz im Demenzzentrum Villa Rosenstein besuchen will, muss ein Tor passieren, das mit zwei Türgriffen doppelt gesichert ist. Nach der Anmeldung geht's zum Corona-Schnelltest. Der ist negativ. Erst dann berichtet die 29-Jährige von ihrem Arbeitsalltag und seinen Herausforderungen.

Frau Gasic, wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Sandra Gasic: Da ich alleinerziehende Mutter von zwei Kindern bin, starte ich meistens um 7.30 Uhr und habe um 15 Uhr Feierabend. Dank den Kollegen und unserer Geschäftsleitung funktioniert das zum Glück gut.

Was sind Ihre Aufgaben im Demenzzentrum?

Es ist fast ein bisschen wie das, was ich sowieso zu Hause bei den Kindern auch mache. Also mich kümmern, das Essen machen, für Streicheleinheiten sorgen, zu Bett bringen. Nur eben bei älteren Menschen, die durch ihre Demenzerkrankung ganz besondere Zuwendung brauchen. Wir übernehmen, sofern sie das wünschen und es auch objektiv nicht mehr anders geht, die Grundpflege. Also wir waschen sie, sorgen für die Körperpflege. Ziel ist aber immer, ihre Ressourcen zu fördern, wir wollen sie soviel wie möglich selbst tun lassen und ihre Selbstständigkeit soll gewahrt bleiben. Ja, die Bewohner sind hier, weil sie Hilfe und Unterstützung brauchen, die sie hier bekommen. Sie sind aber immer noch wertvolle, eigenständige Menschen.

Das klingt ja fast wie Ihr Traumjob?

Ist es eigentlich auch. Ich freue mich jeden Tag, hierher zur Arbeit zu kommen.

Wieso haben Sie sich für den Pflegeberuf entschieden?

Ich habe im Jahr 2014 im Kloster Lorch mit einem Bundesfreiwilligendienst angefangen, weil ich gerne älteren Menschen helfe. Man muss einfühlsam sein und spüren können, was die Menschen bewegt, was sie bedrückt oder was ihnen fehlt. Ich denke, das kann ich ganz gut. Und das bereitet mir sehr viel Freude.

Was unterscheidet die Arbeit in der Villa Rosenstein von anderen Einrichtungen?

Zunächst einmal unsere Bewohner. Die sind einfach ganz besonders. Und anders als im Krankenhaus, herrscht hier auch kein stetiges Kommen und Gehen, nicht so eine anonyme, vielleicht kalte Atmosphäre. Eine Pflegekraft ist ungefähr für 15 Bewohner zuständig. Dank der überschaubarer Größe mit 90 Bewohnern geht es hier sehr familiär zu, wir können als Pflegekräfte eine ganz enge Bindung aufbauen. Wenn etwa mal einer gestürzt war, nimmt man das in Gedanken mit nach Hause und hofft, dass es ihm schnell wieder besser geht. Wenn ich dann zur Arbeit komme und angestrahlt werde, vielleicht sogar umarmt, weiß ich, dass meine Arbeit wertvoll ist und sich die Bewohner bei mir gut aufgehoben fühlen.

Was sind die beruflichen Herausforderungen im Demenzzentrum?

Demenziell Erkrankte sind kognitiv eingeschränkt, können ihren Schmerz nicht äußern, ihnen fehlt die örtliche und zeitliche Orientierung. Wir versuchen, durch Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Abendessen für Struktur im Tagesablauf zu sorgen. Manche haben so einen Bewegungsdrang, dass sie bis zu 16 Kilometer am Tag auf den Füßen sind. Da müssen wir gut aufpassen. Und: Die Realität dringt nicht immer zu den Bewohnern durch. Sie ziehen im Winter nur ein T-Shirt an. Wir zeigen dann zum Fenster raus auf den Schnee und fragen, ob nicht vielleicht doch ein Pullover besser wäre. Manchmal spielen wir Pflegende aber auch bei den „Fantasien“ mit. Schließlich geht es darum, dass nicht die Bewohner sich uns anpassen, sondern umgekehrt.

Wie geht das?

Zum Beispiel sucht eine Bewohnerinnen immer nach ihrer Mutter, die schon tot ist. Wir sagen ihr nicht: Hör auf damit. Sondern bieten ihr an, bei der Suche mit zu helfen. Alles andere würde sie nicht akzeptieren wollen, es würde sie aggressiv machen. In anderen Fällen müssen wir vorsichtig widersprechen und jemanden auf andere Gedanken bringen. Wir sind für unsere Bewohner die ständigen Bezugspersonen. Es geht immer darum, sich in die Menschen einzufühlen, sozusagen den Schlüssel zu ihren Herzen zu finden. Das klingt vielleicht etwas übertrieben, aber ich finde, genau darum dreht sich unsere Arbeit.

Wie wirkt sich Corona auf Ihre Arbeit aus?

Schlimm war, dass wir das Virus letztes Jahr im Haus hatten. Durch strikte Trennung und Isolierung gelang es damals, das einzudämmen. Wir tun alles, um zu verhindern, dass sich das wiederholt. Aber die Schutzmaßnahmen sind anstrengend. Gerade Demenzkranke sind auf Mimik angewiesen, viele lesen von den Lippen. Mit Masken ist das natürlich unmöglich. Ganz zu schweigen von den Schutzanzügen, die haben ihnen Angst gemacht. Die regelmäßigen Schnelltests kosten auch viel Überredungskunst. Und für uns Pflegende sind Acht-Stunden-Schichten mit Maske grenzwertig.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Arbeit?

Die meisten haben Respekt davor, viele sagen, das könnten sie nicht machen. Es gibt aber auch welche, die meinen, naja, du wischt halt alten Leuten den Hintern ab, mehr ist das ja nicht. Dieses Unverständnis ist manchmal schon heftig.

Wenn Sie einen Weihnachtswunsch an die Gesellschaft oder die Politik hätten, wie sähe der aus? Eine bessere Bezahlung?

Nein, darum geht es nicht in erster Linie. Ich meine, natürlich, jeder hätte wohl gerne mehr Geld. Aber ich würde den Job ehrlich gesagt auch für 50 Euro weniger machen wollen. Was wir dringend brauchen, ist mehr Personal. Bei uns funktioniert alles, solange alle da sind. Aber sobald jemand mal ausfällt, kommen wir schnell an unsere Grenzen. Ich fürchte, dass eine Impflicht für Pflegekräfte hier die Situation noch verschärft, weil es doch Kolleginnen und Kollegen gibt, die dann mit dem Job aufhören.

Wie kann Abhilfe aussehen?

Die Politik müsste dafür sorgen, dass es für Pflegekräfte aus dem Ausland einfacher wird. Die Schulen und die Ausbildung sind teuer und die Anforderungen an die Deutsch-Kenntnisse sind zu hoch. Da muss die Politik unseren Beruf dringend zugänglicher machen.

Sandra Gasic hat im August mit ihrer dreijährigen Ausbildung zur Pflegefachfrau begonnen. Im Demenzzentrum tätig ist die 29-Jährige seit September 2020.

Das Demenzzentrum Villa Rosenstein in Heubach beherbergt rund 90 Bewohner. Es ist eine private Einrichtung, die nach eigenen Angaben mit allen Pflegekassen und den Sozialverbänden des Landes abrechnet. Im Herbst 2020 wurde ein Neubau eingeweiht, derzeit plant Geschäftsführer Bernd Winkler einen weiteren Anbau. „Wir sind dazu mit einem externen Investor aus der Region im Gespräch, der den Bau bezahlt. Die Villa Rosenstein wird den Neubau dann pachten“, so Winkler, der derzeit von einem Baubeginn im Sommer 2022 und von einem Bezug Ende 2023 ausgeht.

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