Der KZ-Ausweis des Heubacher Gipsermeisters

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KZ-Ausweis Adolf Baumann

Der Heubacher Stadtarchivar Dr. Michael Hensle über ein einzigartiges Dokument Heubacher Familien- und Zeitgeschichte, das nun der Öffentlichkeit präsentiert werden darf.

Heubach

Private Dokumente in einem Stadtarchiv sind nach Angaben des Heubacher Stadtarchivars Dr. Michael Hensle nicht ungewöhnlich, jedoch eher die Ausnahme. Normalerweise werden im Stadtarchiv die Unterlagen der Stadtverwaltung verwahrt, um das Verwaltungshandeln über die Jahrhunderte zu dokumentieren. Dabei gelte, man kann nicht alles aufbewahren. Dies gelte umso mehr für Dokumente von Privatpersonen. Allerdings gebe es die hochgeschätzten Ausnahmen, die jeden Archivbestand bereichern.

Eine solche sei der „Sonderausweis KZ“ des Heubacher Gipsermeisters Adolf Baumann, ausgestellt am 15. März 1946 durch die „Rückführungsstelle für politische Häftlinge“ in Stuttgart. Am Anfang stand eine unscheinbare Akte von 1939/40 mit lediglich acht Blatt und dem nichtssagenden Aktentitel „Ansammlungen, Demonstrationen, Ordnung“,wie Hensle berichtet. Dahinter verbarg sich die Mitteilung über die „Inschutzhaftnahme“ von Adolf Baumann, die Geheime Staatspolizei (Gestapo) hatte ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen nahe Berlin überstellen lassen. Der Grund: Vergehen gegen das „Heimtückegesetz“. Eine Anfrage an die „Arolsen Archives“, dem weltweit größten Archiv zu Opfern des Nationalsozialismus im nordhessischen Bad Arolsen, brachte Gewissheit. Auf einer Auflistung über „Schutzhäftlinge“ fand sich auch der Name Adolf Baumann. Für Vergehen gegen das „Heimtückegesetz“ war das NS-Sondergericht Stuttgart zuständig, aber die Akten sind bei Bombenangriffen verbrannt. Blieb als letzte Hoffnung die Strafvollstreckungsakte. Tatsächlich fand sich im Staatsarchiv Ludwigsburg die Gefangenenpersonalakte von Adolf Baumann. Diese enthielt nicht nur die Abschriften der Untersuchungsakten und der Anklageschrift, sondern auch die des Sondergerichtsurteils vom 3. Mai 1940. Das Sondergericht Stuttgart, das in einer Art Schauprozess im Rathaus Heubach im Beisein des Heubacher Bürgermeisters Wilhelm Gayer getagt hatte, verurteilte den Angeklagten Baumann nach dem „Heimtückegesetz“ zu zehn Monaten Gefängnis. Dem Gipsermeister war „eine böswillige, abfällige Kritik“ vorgeworfen worden, die geeignet gewesen sei, „das Vertrauen des Volkes zu politischen Führung zu untergraben“.

Dabei hatte Adolf Baumann insofern noch Glück gehabt, dass seine Äußerungen nicht als „Wehrkraftzersetzung“ gewertet worden waren, mit entsprechend hohen Zuchthausstrafen oder gar der Todesstrafe. Wie dem auch sei, jedenfalls konnte der gesamte Vorgang „Adolf Baumann“ geklärt werden. Dessen Schicksal in der NS-Zeit wurde in der Gmünder Tagespost unter der Überschrift „Wilhelm Gayer und der Gipsermeister“ publiziert. Unmittelbar nach dieser Veröffentlichung ging im Stadtarchiv Heubach ein Telefonanruf ein – von einer in Berlin lebenden Enkelin des verstorbenen Gipsermeisters Adolf Baumann. Diese hatte Kenntnis von dem Zeitungsbericht der Gmünder Tagespost erhalten.

Der Nachwelt erhalten

Im Verlauf des Kontaktes stellte sich heraus, dass man in der Heubacher Familie Baumann nur lückenhaftes Wissen über das Schicksal des Großvaters in der NS-Zeit besaß. Nicht einmal das Sondergerichtsurteil war bekannt, vieles war in Vergessenheit geraten, vielleicht auch verdrängt oder beschwiegen worden. Jedenfalls kam in der Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte ein einzigartiges Dokument zum Vorschein: der „Sonderausweis KZ“ des Heubacher Gipsermeisters Adolf Baumann, ausgestellt am 15. März 1946 durch die „Rückführungsstelle für politische Häftlinge“ in Stuttgart. Im „Familienrat“ wurde beschlossen, diesen KZ-Ausweis der Nachwelt zu erhalten und dem Stadtarchiv zu überlassen. Demgemäß wurde der Ausweis von einer weiteren, in Heubach lebenden Enkelin dem Stadtarchiv übergeben – nicht nur ein einzigartiges Dokument der Heubacher Zeit- und Stadtgeschichte, sondern auch ein Vertrauensbeweis in das Stadtarchiv als „Gedächtnis der Stadt Heubach“, so Hensle.

KZ-Ausweis Adolf Baumann

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