Ukraine-Krieg: Hilfe in der Muttersprache

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Irina und Walter Kimmel aus Heubach sind ununterbrochen im Einsatz für Flüchtlinge aus der Ukraine, unter anderem arbeiten sie mit Listen, die Sohn Anton angelegt hat, um Geflüchtete an Wohnplätze zu vermitteln.
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Irina Kimmel aus Heubach unterstützt mit all ihren Möglichkeiten Flüchtlinge - im Buskonvoi, als Übersetzerin, bei der Suche nach Wohnraum.

Heubach

Wie geht‘s einem Menschen, dessen eigene Leute bombardiert werden?“ Irina Kimmel macht eine  Gegenfrage zu ihrer ersten Antwort in einem Telefongespräch, in dem sie sich mit dem ukrainischen „Tak?“  -  „Ja?“ meldet, weil sie gerade jederzeit mit Anfragen ihrer Landsleute rechnet. Die in Heubach lebende 51-Jährige stammt aus der Ukraine. Und konnte  nicht tatenlos zusehen, als der Krieg über ihre Heimat kam.

„Wir haben diese Idee gehabt, Hilfe zu organisieren“, erzählt Irina Kimmel, was sie, ihren Mann Walter und ihren Sohn Anton angetrieben hat. Zahlreiche Sachspenden sind auf ihre Initiative zustande gekommen. Und Birgit Grötzinger, Chefin des gleichnamigen Busunternehmens in Bartholomä, die auch nach einer Möglichkeit zu helfen suchte, hat Kontakt zu Irina Kimmel aufgenommen. Die erstere hat die Busse, um ukrainische Flüchtlinge zu transportieren, die letztere die Kontakte. So sind Irina und Walter Kimmel mitgefahren in dem Konvoi aus drei Bussen und einem LKW, der 60 Tonnen Hilfsgüter von Bartholomä zur ukrainischen Grenze gebracht und 155 Menschen von dort zur Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Ellwangen mitgenommen hat.

Irina Kimmel hat in dieser Zeit kaum geschlafen. Vier Tage waren die Busse für die 3800 Kilometer von Bartholomä zur südwestukrainischen Grenze in Rumänien und wieder zurück unterwegs. Bereits auf der Rückfahrt hat Irina Kimmel sich darum gekümmert, einige der Geflüchteten unterzubringen. Ihr Sohn Anton hatte in der Zwischenzeit von Heubach aus nach möglichem Wohnraum gesucht und führt mittlerweile ganze Listen.  So haben bereits sechs Familien während der Reise erfahren, wo sie hinkönnen, darunter etwa eine junge Frau mit Kind, für die Platz bei Freunden gefunden wurde, sagt die Helferin, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt.

 

„Die Leute sind verstört und wissen nicht wohin“, überlegen verzweifelt, wo sie Bekannte oder Verwandte haben, erzählt Irina Kimmel von ihren Erfahrungen auf der Rückreise. In den Bussen befanden sich Angehörige von Klinikpersonal eines Kiewer Krankenhauses. Und Irina Kimmels 76-jährige Mutter, die im grenznahen Czernowitz lebte und jetzt bei der Familie ihrer Tochter untergekommen ist. Für die ihr Einsatz mit dieser Fahrt noch nicht beendet ist.

Nachdem die Menschen des Bartholomäer Konvois am späten Sonntagabend in Ellwangen untergebracht sind, ist Irina Kimmel mit ihrem Mann am nächsten Morgen schon wieder dorthin unterwegs. Bis zum Abend  übersetzt, vermittelt, tröstet, organisiert sie als ukrainische Muttersprachlerin. Und macht sich noch am späten Abend Gedanken, wie eine Familie am nächsten frühen Morgen weiterkommen könnte. „Das ist herzzerreißend, zu sehen, wie Leute mit ihrem bisschen Gepäck von der LEA zum Bahnhof gehen.“ Viel ist es in der Regel nicht, weiß Irina Kimmel. Einen Koffer, manchmal nur einen Rucksack  haben die Menschen für die Flucht gepackt.

Kein Vertrauen in Fluchtkorridore

Irina Kimmel weiß aber auch von Ukrainern, die sich gar nicht trauen, aus ihrem Land zu fliehen, oder die unterwegs steckengeblieben sind. Verwandte aus Kiew hätten sich um die Hauptstadt herum versteckt, müssten nun zu einer Landesgrenze gelangen. Es gibt zwar Fluchtkorridore, „aber die Menschen trauen dem überhaupt nicht“. Viele ihrer Freunde und Bekannten in der Ukraine machen sich nicht auf den Weg, „bleiben lieber im Keller“. Es sind nicht nur die Gefahren auf der Flucht, „sie haben auch Angst, dass sie nicht mehr zurückdürfen“.

Spenden brauchen Verwaltung

Irina Kimmel versucht weiterhin, zusammen mit ihrer Familie zu helfen, dafür opfert die Pharmareferentin gerade ihren Urlaub. Die zahlreichen Sachspenden, die beim Busunternehmen Grötzinger und bei anderen Unterstützern gelagert wurden, „müssen wir jetzt an die Leute bringen“. Gut fände sie, wenn die Flüchtlinge in den Orten, in denen sie Zuflucht finden, eine zentrale Stelle hätten, wo sie Lebensnotwendiges bekommen. „Die Sachen sind da, jetzt muss jemand sie verwalten.“  

Über den Krieg in der Ukraine sagt Irina Kimmel: „Die Anzeichen waren schon lange da, wir haben das alles verschlafen.“ Nun sehe man, was daraus entstanden ist, eigene Interessen über die der Ukraine zu stellen: „Man hat einen total verrückten Menschen einfach machen lassen.“                   

„Die Anzeichen waren schon lange da, wir haben das alles verschlafen.“

Irina Kimmel,, Flüchtlingshelferin

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