Wenn Mensch und Maschine verschmelzen

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Mia Pittroff in Heubach.
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Mia Pittroff räsoniert über Rentner in der After-Work-Party und 35-Jährige in der Adoleszenz-Schleife.

Heubach. Es war ein Start mit Hindernissen im evangelischen Gemeindehaus, den Mia Pittroff mit Bravour meisterte. Weil die Technik, genauer gesagt das Mikro, nicht gleich mitspielte, machte die fränkische Kabarettistin auch daraus einen Gag, unaufgeregt, mit dem Techniker flirtend, begann das Programm „Wahre Schönheit kommt beim Dimmen“ schon vor dem eigentlichen Programm, in das die Künstlerin dann fließend hinüberglitt.Weil die schlagfertige Kabarettistin einfach nur sich selbst spielen muss, um unterhaltsam zu sein, blieben die knalligen Stöckelschuhe auf dem Tisch auf der Bühne stehen – in den abgetretenen Turnschuhen lässt es sich lockerer parlieren. Und so plauderte die forsche Wahlberlinerin aus dem Nähkästchen: Eineinhalb Jahre fast nicht auf der Bühne gewesen – einige Dinge verlerne man da, etwa in High-Heels zu laufen. Doch das nahmen ihr die rund 50 Gäste der Kultur-Mix-Tour-Veranstaltung nicht ab – zumal die 40-Jährige weder Dimmen noch schicke Schuhe braucht, um adrett rüberzukommen.

Fast zwei Stunden, mit einer kurzen Pause, unterhielt Pittroff ihr Publikum. Nicht bissig, aber mit Witz; das Ätzende ist auch nicht ihre Sache, sie räsoniert vielmehr, umkreist ihre Themen – gerne gesellschaftliche, stellt Fragen und trifft oft den Nagel auf den Kopf. Etwa, wenn sie Senioren beschreibt, die „Sportrentner“, die eine lebenslange After-Work-Party feiern. Eine Alpenüberquerung mit dem Rad kommt einem Rentnerinitiationsritus gleich. Praktisch, wenn sich der edle ergonomische Carbonlenker später als Prothese verwenden lasse. Die Kinder verharren derweil in verlängerter Adoleszenz. Wenn Frau mit 35 schwanger wird, machen sich die Eltern Sorgen: „Du bist ja selbst noch nicht aus dem Gröbsten“, und überhaupt, finanzielle Absicherung und so. Das Prekariat lässt grüßen.Ein anderes wichtiges Feld: die Digitalisierung. Mensch und Maschine verschmelzen. Anders kann sich Pittroff nicht erklären, wenn das Handy ständig am Ohr klebt. „Bist Du noch Mensch oder schon deine eigene Telefonzelle?“ Richtig gut singen kann die unaufgeregte Fränkin auch, etwa das Facebooklied, in dem es um Menschen geht, die kein Format, aber ein Profil haben, die „wenig zu sagen haben, aber davon viel.“ Es geht weiter mit Superfood wie Spirulina-Matcha-Pulver, kostet fast so viel wie 100 Gramm ungestrecktes Heroin. Ob dahinter wohl auch Warlords stecken? Die Fragen gehen ihr einfach nicht aus. Mia Pittroff sollte bald mal wieder nach Heubach kommen! Birgit Markert

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