„Mehr Gemeinsinn, weniger Ignoranz“ in Lautern gefordert

+
Blick auf Lautern vom Albtrauf aus, links der Mitte die Kirche St. Mariä Himmelfahrt.
  • schließen

Leser aus Lautern sind nicht einverstanden damit, dass der Ortschaftsrat den Prozess, an dessen Ende eine Gestaltungssatzung hätte stehen können, abgelehnt hat. Wie geht's hier weiter?

Heubach-Lautern. Bislang gibt es in Lautern eine „Bau-Fibel“, in der unverbindliche Leitlinien festgelegt sind. Ortsvorsteher Bernhard Deininger und Bürgermeister Dr. Joy Alemazung wollten dem Ortschaftsrat eine Gestaltungssatzung schmackhaft machen. Diese hätte verbindlichere Regeln festlegt. Die Details und den Geltungsbereich hätten Ortschafts- und Gemeinderat selbst definiert. Dies hätte Instrumente an die Hand gegeben, Einfluss auf Bebauung im unbeplanten Innenbereich zu nehmen. Denn hier gelte „nur“ der Paragraf 34 des Baugesetzbuches, der wenig Gestaltungsraum lasse. Nach einem „Ja“ des Ortschaftsrats hätte das Büro „Landsiedlung“ den Prozess mit einer Bestandsaufnahme gestartet, an dessen Ende hätte nach rund einem Jahr, vielleicht, ein Beschluss der Satzung gestanden.

Meinungen von Lesern

Hätte. Denn der Ortschaftsrat lehnte das Ansinnen vor rund einem Monat ab. In der Redaktion sind dazu Lesermeinungen eingegangen. „Fakt ist, Lautern weist im Ortskern einen hohen Anteil an Gebäuden mit Sanierungsbedarf und Leerständen auf, um den Charakter des Dorfkerns – den wir alle so schätzen – wäre die Gestaltungssatzung von Nutzen gewesen“, meint die frühere Ortschaftsrätin Marie-Luise Zürn-Frey. Sie frage sich schon sehr, was der Grund für die Ablehnung gewesen sei. „Ich bin mir sicher, es fehlte weder an guter Kommunikation und intensiver Beteiligung der Bürgerschaft, es gab eine Informationsveranstaltung, zu der alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen waren, fehlender Überzeugungskraft der Planer noch an der Überzeugungskraft der Argumente dafür“, so Zürn-Frey.

Verfahren verhindert

Auch der Vorwurf, es fehle an klarer Abgrenzung des Gebiets oder finanziellem Anreiz seitens der Stadt war zu hören. Dies könne jedoch erst im Laufe der Verfahrensschritte diskutiert und festgelegt werden – dass es überhaupt zu einem solchen Verfahren kommt, wurde jedoch verhindert, meint Zürn-Frey und ergänzt: „Wir freuen uns alle an einem harmonischen Dorfbild, an einem Mittelpunkt des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Ich bin davon überzeugt, dass bei dem Vorschlag – eine Gestaltungssatzung voranzutreiben – die Weiterentwicklung von Lautern das Ziel unseres Ortsvorstehers war und eine 'Gängelung, Knebelung und Trickserei' der Bürgerschaft eine haltlose Unterstellung darstellt.“

Auch Helmuth Braun, Architekt aus Lautern im Ruhestand, hat sich nach der Ablehnung des Ortschaftsrats an die Redaktion gewandt.

Keine „Trickserei“

„Vielleicht wäre es gar nicht so falsch gewesen, zuerst den Bestand aufzunehmen, damit der eine oder andere Ortschaftsrat erfahren hätte über, was er zu entscheiden hatte“, meint Braun. Meinungen würden zu Argumenten gebosselt, oder zur „anderen Wahrheit“. Die Sanierung und Vergrößerung der Mehrzweckhalle etwa sei keine „aufgedrängte Bereicherung durch die Verwaltung“, sondern Erfüllung einer langjährigen Forderung der Vereine und des Ortschaftsrates an die Verwaltung. Die Wiedervorlage eines abgelehnten Antrages sei keine „Trickserei“ sondern üblich und legal, also normaler Verwaltungsvorgang, betont Braun.

Auch die Aussage eines Ortschaftsrats, „die Satzung habe keinen Mehrwert, aber werde als Heilsbringer gegen eine nicht vorhandene Gefahr“ mit Eingriff in das Eigentumsrecht gerechtfertigt, scheint für den Architekten eher ein Irrtum zu sein, wie er sagt. „Der fehlenden Satzung geschuldet, wird bei künftigen baulichen Veränderungen weiterhin das verhandelbare Unterordnen zur Art und Nutzung, dazu noch mögliche Ausnahmen und Befreiungen.“ Bis zur Genehmigung werde noch manches „G'schmäckle“ erzeugt, denn es sei ja noch nie das Gleiche gewesen, wenn zwei dasselbe taten, formuliert es Braun. „Also im krassen Gegensatz zu dem das Dorf umschließenden Neubaugebiete, in denen doch sehr vieles geregelt ist: von der Höhenlage des Geplanten, der Bau-, Dachform, Dachdeckung, Haus- und Dachfarbe, überbaute Fläche, Baumasse, Nutzung, Grünanlage und Bepflanzung, Erdaufschüttung und -abgrabung, private Regenrückhaltung. All dies schafft mehr Rechtssicherheit, es riecht nicht mehr, Gleichbehandlung für alle“, so Braun.

Gebäude „menschlich“ sehen

Er appelliert: „Begreifen wir die Satzung aus vielen Gründen als Chance, um die aus den verschiedensten Gründen erforderlichen Veränderungen des baulichen Bestands angemessen und dadurch sinnvoll zu bewältigen. Das vorhandene Dorfbild zu bewahren und wo erforderlich zukunftsfähig weiter zu entwickeln, mit den bisher bereits im Dorf vorhandenen Bau-Dachformen, -farben und Nutzungen.“ Nicht als Sammelsurium und Raritätenkabinett, ob in den Neubau- und Gewerbegebieten oder der ehemaligen dörflichen „Hüttenwerke“. Deren Neuauflagen, auch in modernen Baumaterialien-Farbe, modisch aber nicht modern, dorfunüblich, haben deshalb nichts im Dorf verloren, so Braun. „Ebenso die Flach- oder Pultdächer, in unterschiedlichen Neigungen, die deformierten, abgeschleppte Satteldächer, in Liaison mit deren 1-hüftigen Verkrüppelung. Die Gefahr lauert, kann umgangen werden, wird Mehrwert, bei weniger Egoismus und Ignoranz des Einzelnen, dafür mehr Gemeinsinn und Ausrichtung am traditionellen, vielfältigen, dörflichen Formenkanon. Vieles und Anderes, Passenderes, Besseres, Interessantes ist für den, der sucht möglich.“, meint Braun. „Sehen wir die alten Gebäude durchaus menschlich, lassen wir diesen ihre Geschichte und Charme, wie den Nachbarn und Mitbürger. Wenn wir sanieren aber nicht abbrechen, bewegen wir uns sogar mit leichtem ökologischem Fuß. Wir bauen nicht einmal scheinbar besser als die Vorfahren, aber allemal viel teurer als diese.“ Auch das spreche für eine Gestaltungssatzung. Braun appelliert: „Wagen Sie diese, sehen Sie diese als Hilfe, als für alle verbindliche, verbindende Leitlinie, nicht als Last, die Nachkommen werden es danken.“

Das sagt der Bürgermeister

Der damalige Bürgermeister Frederick Brütting wollte die Gestaltungssatzung ursprünglich auch für die Stadt Heubach anwenden. Wie sieht es Nachfolger Dr. Joy Alemazung, ist das Projekt vom Tisch? Man wolle das Nein aus Lautern erstmal sacken lassen und das Thema nicht wieder aufgreifen, auch nicht für Heubach, so der Bürgermeister. Er setze aber seine Hoffnung schon darauf, dass mehr und mehr Bürger den Sinn einer solchen Satzung vielleicht von selbst erkennen, sagt Alemazung.

Die Gefahr (...) kann umgangen werden bei weniger Egoismus und Ignoranz des Einzelnen.“

Helmuth Braun,, Architekt im Ruhestand
Wie kann der Ortskern Lauterns erhalten bleiben?

Zurück zur Übersicht: Rosenstein

Mehr zum Thema

Kommentare