Die Straße mit dem falschen X

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Unter dem Partnerschaftsbaum in ihrer Saleuxer Straße (v.l.): Helmut, Lore und Sabine Seng, Beate und Dieter Oefler.
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Straßennamengeschichten (2): die "Saleuxer Straße" in Mögglingen – eine Straße für die Völkerfreundschaft.

Mögglingen

Wenn Dieter Oefler am Telefon seine Adresse durchgibt, dann sagt er sie absichtlich falsch. Damit sie hoffentlich richtig wird. Falsch betont der Mögglinger die Aussprache der "Saleuxer Straße": mit deutlich betontem X, obwohl das im Französischen gar nicht gesprochen wird.

Seine Adresse hat Dieter Oefler trotzdem gern, die kleine Alltagskompliziertheit nehmen er und seine Frau Beate gelassen in Kauf. Weil sie gut zu ihnen passt: Die Oeflers gehören seit vielen Jahren zu den Mögglingern, die die Freundschaft zur Partnergemeinde Saleux pflegen. 1995 ist die damals neu gebaute Straße nach dem französischen Ort benannt worden, Beate und Dieter Oefler wohnen seit Anfang an dort. Noch eine zweite Partnerschaftspflegefamilie gibt es in der Straße: Helmut, Lore und Tochter Sabine Seng.

Gegengeschenk aus Frankreich

Über den Namen war man sich vor 25 Jahren schnell einig geworden. "Das war unstrittig im Gemeinderat", erinnert sich Ottmar Schweizer, der damalige Bürgermeister. 1991 war die Partnerschaft zum 3000-Einwohner-Ort in Nordfrankreich besiegelt worden; im ersten Baugebiet, das danach entstand, liegt heute die Saleuxer Straße. Die Franzosen brachten einen Baum mit, der dort als Partnerschaftsbaum gepflanzt wurde. Das Straßennamen-Gegengeschenk gab's bald darauf: "Als wir dort ein Jahr später zu Besuch waren, ist die ‚Rue de Mögglingen‘ eingeweiht worden", erzählt Schweizer.

Die Idee zur Partnerschaft war im Vorstand des Turnvereins entstanden, wo auch Ottmar Schweizer dabei war. Als der 1990 Bürgermeister wurde, wollte er die Sache vorantreiben, wusste aber erst mal nicht wie. Dann lief es wie bei manchen Menschen, die im Alltagsleben niemand finden: Schweizer las eine Kontaktanzeige. "In der Württembergischen Gemeindezeitung hatte ein Ort aus Frankreich eine Anzeige geschaltet." Das passte: Bei einer Umfrage unter den Mögglinger Vereinen hatten sich rund 80 Prozent für das westliche Nachbarland ausgesprochen. Die ersten Kontakte waren gleich sehr erfreulich, mit Besuch und Gegenbesuch. Und so ist es noch heute, alle zwei Jahre geht es hin oder her, trotz der 800 Kilometer Distanz, die bei Wochenendbesuchen schon anstrengend sind. "Da kommt man am Freitagabend um 17 Uhr an – und muss am Sonntagmittag wieder abfahren", erzählt Dieter Oefler. Trotz der Entfernung sind sogar private Freundschaften entstanden, "manche Familien sind miteinander in Urlaub gefahren", erzählt Helmut Seng.

Während es in Saleux einen Partnerschaftsverein gibt, sind die Aktiven in Mögglingen informell organisiert und werden von der Gemeinde unterstützt. Aber wie in Vereinen gilt: "Es braucht ein paar Leute, die den Motor spielen. Es ist kein Selbstläufer, das höre ich oft", sagt der Alt-Bürgermeister.

Quicklebendiger Gedanke

Denn auch der Quasi-Verein ist in die Jahre gekommen, wie andere Vereine auch. Viele Aktive sind jetzt im Rentenalter. "Und die Idee einer Partnerschaft ist heute vielleicht nicht mehr so in Mode wie damals", sagt Schweizer. Sinnbildlich ist der Partnerschaftsbaum inzwischen optisch ein wenig untergegangen: Er steht heute in einer Baumgruppe, wo ihn die anderen sogar überragen. Kein Schild weist auf ihn hin. Er könnte eine Aufwertung vertragen, finden die Sengs und Oeflers und fügen hinzu: "Ideen hätten wir schon." In der Saleuxer Straße ist er quicklebendig, der Gedanke der deutsch-französischen Partnerschaft.

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