Tschernobyl und die Folgen

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Messstellen für Radioaktivität im Ostalbkreis. Die Höhe der äußeren Strahlung wird in der Einheit μSv/h (Mikrosievert pro Stunde) angegeben. Die natürliche ODL bewegt sich in Deutschland zwischen 0,05 μSv/h und 0,2 μSv/h. Genaue Werte gibt es zum Klicken unter https://odlinfo.bfs.de. Grafik: BfS/CA
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Vor 35 Jahren treffen die Auswirkungen der Katastrophe Landwirte, Gärtner, Jäger und Pilzsammler. Was es heute noch zu beachten gilt.

Mögglingen. Ihn traf die Katastrophe gleich doppelt: Otto Weiß, Landwirt und Jäger. „Das war ein prägendes Erlebnis für uns, für mich.“, sagt er. Fast 80 Jahre alt ist der Seniorchef des Sixenhofs bei Mögglingen heute. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist 35 Jahre her – erinnern kann sich der Landwirt trotzdem noch lebhaft daran. Hört er Tschernobyl, „kommt alles wieder hoch“.

Es ist der 26. April, 1.23 Uhr Ortszeit, als im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl einer der Reaktoren explodiert. Es ist das passiert, was man wenig später in Europa als den Super-GAU, den größten anzunehmenden Unfall, bezeichnet. Zunächst wird der gedeckelt, verharmlost. Zwei Tage dauert es, bis die Tagesschau am 28. April erstmals darüber berichtet. Einen Tag später erreicht die radioaktive Wolke aus Russland Tschechien, Österreich, Süddeutschland und Norditalien. Von einem Tag auf den anderen ist dann auch auf der Ostalb alles anders.

Bauern und Jäger: „Wir durften die Tiere nicht auf die Weide lassen, weil es hieß, da ist alles verseucht“, erzählt Otto Weiß. Sein Betrieb hat damals schon 60 Milchkühe, die plötzlich im Stall bleiben müssen. „Und wir haben das Wild nicht mehr losbekommen“, sagt Weiß. Wild schießt Weiß, der auch Jäger ist, vorläufig keines mehr. „Das machte keinen Sinn, weil wir es danach vergraben mussten.“

Der Pilzsammler: „Erst mal war ich ziemlich geschockt und dachte, die Welt geht unter“, erinnert sich Willy de Wit, Pilzführer aus dem Schwäbischen Wald. „Die Angst war immer da und man wusste von gewissen Pilzen wie den Maronen, dass die stark belastet waren.“ Willy de Wit schränkt nach dem Unglück seinen Pilzkonsum stark ein, weil bekanntwird, dass sich die radioaktive Belastung in den Pilzen auch lange hält.

Die Gärtner: „Wir waren damals die Versuchskaninchen“, sagt der Essinger Manfred Holz. Die Feuerwehr habe jeden Tag die Strahlenbelastung des Salats gemessen. Den dürfen die Gärtner nicht mehr abernten, später wird das Gemüse auf dem Ellert vernichtet. Drei bis vier Wochen geht das so, erinnert sich Holz. Jeder habe Angst gehabt, „ähnlich wie jetzt bei Corona“. Auch anderes Gemüse lässt sich zunächst nicht gut verkaufen, auch wenn es aus dem Gewächshaus kommt. Die Messergebnisse erfährt die Gärtnerei nicht.

Hohe Werte von Radioaktivität

Dafür veröffentlicht die Schwäbische Post am 6. und 7. Mai allgemeine Werte des Umweltministeriums und des Landratsamtes. Becquerel ist die Einheit, in der die Radioaktivität gemessen wird. Und 5700 Becquerel werden im Gras in Aalen gemessen. Das 200- bis 400-fache des normalen Werts. Ab 17 000 Becquerel könne es für die Gesundheit gefährlich werden, so die Experten. Die Niederschläge haben die radioaktive Belastung in der Luft verringert, dafür ist die im Boden angestiegen. Jod-131 wird mit einer Halbwertszeit von acht Tagen angegeben, Caesium-137 dagegen mit einer von 30 Jahren.

Kinder baden und „abschrubben“

Landwirten, Gärtnern und Hobbygärtnern ist per Polizeigesetz ein Ernte-, Verzehrs- und Verkaufsverbot von Freilandgemüse, -salaten und -kräutern erteilt. Vorausgesetzt, die Strahlenbelastung übersteigt den Wert von 250 Becquerel pro Kilogramm Frischgemüse beim Jod-131. Gemüse aus Gewächshäusern wird kurz darauf als „gefahrlos verzehrbar“ eingestuft. Vorausgesetzt, es ist ab dem 1. Mai nicht mit Regenwasser in Berührung gekommen. Gewarnt wird auch weiterhin vom Abholen der Milch beim Bauern, wenn dieser nicht ausschließlich Heu verfüttert hat. Kinder sollen nach dem Spielen draußen gebadet, die Haut dabei „leicht geschrubbt“ werden, der Sandkasten gilt als Gefahrenzone. Wirtschaftskontrolldienst und Feuerwehr rückten weiter aus, um mit dem Geigerzähler radioaktive Strahlung zu messen.

Ab Mitte Mai sinken die Messwerte. In einer am 26. Mai 1986 veröffentlichten Erklärung des Gesundheitsamts heißt es, dass nun wieder Salat und Gemüse ohne Bedenken verzehrt werden könne. Die Jägervereinigung lässt an der Hochschule die Belastung der Rehe testen und lädt zum Rehessen ins Schützenhaus. „Da haben dann alle wieder zugegriffen“, erinnert sich Weiß.

Willy de Wit macht auch heute noch andere Pilzsucher darauf aufmerksam, dass die Menge das Gift mache. „Wir reden hier von Kilos und nicht von den geringeren Mengen, die jeder vernünftige Pilzsammler mitnimmt.“ Das Caesium sei eben erst zur Hälfte zerfallen. „Aber ich lebe noch und esse gerne Pilze.“

Messstellen für Radioaktivität

„Das Gebiet wurde extrem wenig betroffen“, sagt Dr. Martin Steiner, Fachgebietsleiter Radioökologie beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf die Frage, wie es um den Ostalbkreis bestellt ist. Getroffen habe die Wolke vor allem den Bayerischen Wald und die südliche Donauregion.

Nur das radioaktive Caesium 137 spiele heute noch eine Rolle, sei aber im Tonboden gut gebunden. Nur in den damals stark betroffenen Gebieten sei weiterhin Wachsamkeit geboten. „Wo wir ein wenig darauf achten sollen, sind die Dinge, die wir dort selber sammeln oder dort Wildbret selbst erlegen“, sagt Steiner. Auch er verweist auf die Menge, die man verzehre.

Die Messtrupps der Feuerwehr sind nach dem Reaktorunglück noch einige Jahre auf der Ostalb unterwegs. Erst ab dem Jahr 2007 wird dann das Ortsdosisleistungs-Messnetz – kurz: ODL-Messnetz – vom Deutschen Bundesamt für Strahlenschutz für die Messung von Radioaktivität aufgebaut.

Rund 1800 Messsonden gibt es zurzeit bundesweit. Auch einige auf der Ostalb. Sie sollen sofort anschlagen, wenn es jemals wieder gefährlich Strahlung geben sollte.

Radioaktivität ist auch natürlich

Die Ortsdosisleistung (ODL) wird in der Einheit Mikrosievert pro Stunde (μSv/h) angegeben. Der Mensch ist ständig einer äußeren Strahlenbelastung durch natürliche Radioaktivität ausgesetzt. Diese hat ihren Ursprung in den im Boden und in Baustoffen vorkommenden natürlichen radioaktiven Stoffen wie zum Beispiel Uran, Thorium oder Kalium (K-40). Die natürliche ODL bewegt sich in Deutschland ungefähr zwischen 0,05 und 0,18 μSv/h. Diese äußere Strahlenbelastung ist an einem Ort weitgehend konstant. Überschreitet der gemessene Radioaktivitätspegel an zwei benachbarten Messstellen eine gewisse Zeit bestimmte Schwellenwerte, wird automatisch eine Meldung ausgelöst. Quelle: BfS

Ladenhüter: Gemüse aus dem Gewächshaus.
Hobbygärtner lassen ihren Salat untersuchen.
Die Messaktion der Zeitung an der Hochschule.

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