Abitur 2022: Lange, alte Texte lesen? Nein, danke!

+
17 Seiten, Traubenzucker und fünfdreiviertel Stunden Zeit: Am Mittwoch war Deutsch-Abitur auf dem Programm.
  • schließen

Goethe, Hermann Hesse und die audiovisuelle Kommunikation: Was Prüflinge und eine Lehrerin aus der Region vom Deutsch-Abitur 2022 berichten.

Heubach/Lorch/Gmünd

Wenn man das Deutsch-Abitur als demokratische Abstimmung ansieht, dann heißen die Wahlverlierer 2022: Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse, E.T.A. Hoffmann. Das ist die Erfahrung von Christina Gößele, Deutschlehrerin am Rosenstein-Gymnasium in Heubach. „Das hat sich schon im Vorfeld herauskristallisiert: Die Schülerinnen und Schüler sind sehr gewillt, den Kommentar zu schreiben.“

Aus drei unterschiedlichen Textsorten sollten die Abi-Kandidaten eine zur Bearbeitung wählen: ein literarisches Werk (oder zwei im Vergleich), einen Kurzprosatext oder ein Gedicht – oder einen Text, der ein aktuelles Thema zum Inhalt hat. Der Neigung zur ersten Textsorte, den so genannten Sternchenthemen wie in diesem Jahr etwa Goethes Faust, ist Gößele wenig begegnet.

Luis Grau kann das aus Schülerperspektive voll bestätigen. Die meisten seiner Mitschüler haben sich wie er entschieden, erzählt er. Grau hat am Mittwoch am Lorcher Gymnasium Friedrich II. die schriftliche Abitursprüfung angepackt, er wollte lieber einen zeitgenössischen Text untersuchen und dann eigene Argumente dazu entfalten. Es ging um die „Folgen audiovisueller Kommunikation für Sprache und menschliches Selbstverständnis“. Mit seinen 14 Seiten dazu ist er um 12.30 Uhr fertig gewesen, erzählt Grau. Um 9 Uhr ging's los, bis maximal 14.45 Uhr hatten die Prüflinge Zeit. Die Prüfung ging eine halbe Stunde länger als gewöhnlich, es war ein Corona-Bonus für alle.

Zur Minderheit gehören Elena Kirchner vom Rosenstein-Gymnasium und Samantha Feifel, die am Gmünder Hans-Baldung-Gymnasium ihre Prüfung geschrieben hat. Beide haben Aufgabe eins genommen, Kirchner hat gut 17 Seiten zu Goethes Faust geschrieben, Feifel ebenso viel zum Vergleich von E. T. A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ und Hermann Hesses „Der Steppenwolf“. Ihr Argument für die Wahl ist dasselbe: „Man geht mit einem sicheren Gefühl in die Prüfung, weil man sich gut vorbereiten kann“, sagt Feifel. Die Texte vorher lesen zu können, die ausführliche Behandlung schon im Unterricht, das seien die Vorzüge der Sternchenthemen, sagt Elena Kirchner.

Dafür haben die zwei in Kauf genommen, mit Texten von 1808 beziehungsweise 1814 und 1927 zu arbeiten, die sie privat nicht lesen würden. Auch wegen der Themen: „Mit 50 in einer Lebenskrise, das ist schon sehr weit weg für mich“, sagt Kirchner über Hesses Helden Harry Haller.

Für Luis Grau war die Sprache Goethes, Hoffmanns, Hesses ein klares Ausschlusskriterium. „Für mich stand von Anfang an fest, dass diese veralteten Bücher nicht mein Thema werden.“ Lange, alte Texte lesen? Nein, danke! Er wolle lieber über Dinge „mit Realitätsbezug“ schreiben, bei denen man sein Alltagswissen einsetzen könne, sagt Grau. Und er gesteht, dass er begleitend zum Unterricht den Faust weniger gelesen denn gekuckt hat: „Man sollte es lesen, aber man kommt auch so durch. 90 Prozent der Schüler schauen sich dazu Videos bei Youtube an.“

Mit 50 in einer Lebenskrise, das ist schon sehr weit weg für mich.“

Abiturientin Elena Kirchner,, über Hesses „Steppenwolf“

Das war die Verpflegung im Deutsch-Abi 2022

Süßes hatten alle Prüflinge auf dem Tisch, bei denen die GT nachgefragt hat. „Ungesundes - und viel zu Trinken, damit der Kopf klar bleibt“, sagt Luis Grau. Bei Elena Kirchner gab's eine Brezel, Traubenzucker, Fruchtriegel und Wasser. Sie esse eher wenig bei Prüfungen, sagt Samantha Feifel; Schokolade und Traubenzucker hatte sie dabei - „und einen Glücksbringer“.

Zurück zur Übersicht: Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

Kommentare