Als die Kapelle einer Streichholzfabrik weichen sollte

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Gesang bei der Feier 400 Jahre Herrgottsruhkapelle.
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Ökumenische Feierstunde: Vor 400 Jahren ist die Herrrgottsruh-Kapelle gebaut worden.

Schwäbisch Gmünd. Es ist ein Ort der Volksfrömmigkeit, der Kultur, der Baugeschichte und ein Ort des Ehrenamts: Vor 400 Jahren wurde die Herrgottsruh-Kapelle gebaut, am Samstag feierten Kirche und Bürgerschaft gemeinsam.  Viele kamen zum ökumenischen Festakt mit Dekan Robert Kloker und Pfarrer Rainer Kaupp. Sie danken gemeinsam mit  Landrat Dr. Joachim Bläse und  Erstem Bürgermeister Christian Baron jenen, die eine solche Feier erst möglich gemacht haben: dem Arbeitskreis Alt Gmünd.  

Der Arbeitskreis steht für den Wandel von der fast baufälligen Kirche zum schmucken Kleinod vor den östlichen Toren der Stadt. Dach und Fassade sind gerichtet, die Feuchtigkeit im Bauwerk ist besiegt, im Inneren finden Besucherinnen und Besucher kein Stäubchen.      „Denkbar schlecht“ war der Zustand 1978, als der Arbeitskreis die Kirche von der Stankt-Franziskus-Gemeinde geschenkt bekam, wie sich Alfred Duijm erinnert. Hermann Hänle, Vorsitzender des Arbeitskreises, erinnert sich an viele tausend ehrenamtliche Arbeitsstunden der Mitglieder und weiß, dass „wir in diesen Jahren eine Viertelmillion Euro aus eigener Tasche finanziert haben“, zuschüsse von Land und Stadt nicht mitgerechnet. Allein für die im vergangenen Jahr abgeschlossene Innenrestaurierung wurden rund 60  000 Euro investiert.  

Restauratorinnen haben unter anderem den Altar, der noch aus der Erbauungszeit der Kapelle stammt, gereinigt und renoviert. Er ist   ein Alleinstellungsmerkmal für das Kirchlein an der vielbefahrenen Straße beim Tunneneingang: der einzige Altar aus der Renaissance in Gmünd. Diese Epoche definiert das 15. und 16. Jahrhundert und den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Zuvor schon wurde die Raumschale im Chor, mit ihren Malereien, wo notwendig, restauriert.   „Würde man in Gmünd eine Hitliste von Bauwerken erstellen, die jeder kennt, in denen aber kaum jemand drin war, stünde die Herrgottsruh-Kapelle sicher ganz vor“, meint Erster Bürgermeister Christian Baron. Das Kleinod lasse sich nicht so mit einem kurzen Halt besuchen. Dennoch bescheinigt Baron der Kirche große Bedeutung für die Stadt. Als Ort der Volksfrömmigkeit, als Ausdruck einer Gesellschaft, die vor 400 Jahren den Vorgängerbau durch diese Kapelle ersetzt hat. Baumeister Caspar Vogt  steht für diesen Renaissance-Bau, der kurz nach Vogts Werk am Salvator fertig wurde. Ein Ort mit mehrfacher Bedeutung: Zum einen, so Hermann Hänle, habe die Kirche am Wegrand dem Schutz der Reisenden gedient, die den damals nicht ungefährlichen Weg nach Aalen antreten mussten.

Gebaut wurde die Herrgottsruhkapelle aber als Ausgangsort für den Kreuzweg zum Salvator. Welche Stationen das Gotteshaus in 400 Jahren erlebt hat, darüber informierten Robert Kloker und Rainer Kaupp die Gäste der Feierstunde. In der Vergangenheit wurde die Kapelle nicht nur renoviert, sondern auch vor substanziellen Eingriffen bewahrt. So sollte die Kirche 1837 für den Bau einer Streichholz-Fabrik abgerissen werden. Franz Deibele ist es damals gelungen, gerade noch rechtzeitig – und zu überhöhtem Preis – das Gotteshaus zu kaufen und es so zu retten.

Den auch beim Jubliäumsfest sichtbaren Schulterschluss zwischen Kirche und Politik sieht Landrat Bläse als wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Wenn inzwischen weniger als 50 Prozent der Menschen in Deutschland einer Christlichen Kirche angehörten, müsse man von einem Wertewandel reden. „Ist Kirche bald nur noch Folklore?“, so Bläse.

Arbeitskreis will weitermachen

Auch wenn die Mitglieder des Arbeitskreises Alt-Gmünd in die Jahre gekommen sind, aufhören möchten sie noch nicht.  „Wir werden die Kirche weiter betreuen“, sagt Alfred Duijm, auch wenn man handwerkliche Arbeiten nicht mehr wie früher selbst übernehmen könne. Der Arbeitskreis Alt-Gmünd trägt aber die laufenden Kosten, etwa für den nach wie vor nötigen Luftentfeuchter. Die künftigen Schwerpunkte möchte der Arbeitskreis neu definieren, vielleicht in Zusammenarbeit mit der Bürgerstiftung. ⋌Kuno Staudenmaier

Die Herrrgottsruh-Kapelle wurde 1622 auf den Grundmauern einer älteren und kleineren Kapelle gebaut, nach einem Entwurf von Kirchenbaumeister Caspar Vogt. 1692 wurde das Gotteshaus nach Westen verlängert. 1980 begann die umfangreiche Renovierung durch den Arbeitskreis Alt-Gmünd, der inzwischen Besitzer der Herrgottsruh-Kapelle ist.

Die Herrgottsruh-Kapelle ...

... wurde 1622 auf den Grundmauern einer älteren und kleineren Kapelle gebaut. Entworfen von Kirchenbaumeister Caspar Vogt. 1692 wurde das Gotteshaus nach Westen verlängert. 1980 begann die umfangreiche Renovierung durch den Arbeitskreis Alt-Gmünd, der inzwischen Besitzer der Herrgottsruh-Kapelle ist.

Viele Gäste waren gekommen.
Ökumenisch feiern: Pfarrer Robert Kloker und Reiner Kaupp (r.).

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