Die Bargauer Mühle ist Geschichte

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Weil das Gebäude seit Jahren nicht mehr als Wohnhaus genutzt werden konnte, eine Sanierung kaum noch möglich war, wurde es jetzt zum Abriss freigegeben. Auf dem Grundstück soll ein Wohnhaus errichtet werden.

Das Haus wurde schon im 14. Jahrhundert in Dokumenten erwähnt. Dort spielte sich die Geschichte um den "Starken Josef" ab.

Schwäbisch Gmünd-Bargau

Fast 700 Jahre stand die Mühle in Bargau wie der Fels in einer Brandung. Jetzt wurde das Gebäude, das den 30-jährigen Krieg, Pest und Weltkriege überdauert hat abgerissen. Die Substanz des vermutlich ältesten Bauwerks der einst selbstständigen Gemeinde war offensichtlich nicht mehr ausreichend, um eine Sanierung zu wagen. Unter Denkmalschutz stand die alte Mühle nicht.

Erika Bendl kennt dieses Gebäude ganz genau, jeden Raum und jeden Stein: Sie ist dort zusammen mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Was ihr vor allem in Erinnerung geblieben ist: die Enge, die alle Bewohner aushalten mussten. "Für uns sechs Kinder gab es kein Kinderzimmer, wir alle schliefen im Elternschlafzimmer." Damit nicht genug: Auch die Großeltern waren noch in der Mühle zuhause. Dazu Vertriebene, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das Gebäude eingewiesen wurden. Entspannt hat sich die Situation erst 1963, als die Familie in einen gegenüberliegenden Neubau einziehen konnte – mit schon bald acht Kindern.

Die Mühle taucht früh in den Geschichtsbüchern auf. Josef Seehofer, Pfarrer und Heimatforscher, nennt in seinem in den 1970er-Jahren erschienenen Buch das Jahr 1365, in dem die Mühle schon bestand. Inzwischen gibt es Hinweise auf eine noch frühere Erwähnung: Da ist vom 21. November 1326 die Rede. In einem Lagerbuch von 1476 wird die Mühle wieder erwähnt, wonach die sie ein "fälliges Gut" sei, das dem jeweiligen Besitzer "auf seinen Leib sein Leben lang verliehen wurde". Im Lauf der Jahrhunderte wechselten die Besitzer. Noch 1365 gehörte lediglich eine Wiese zur Mühle. "1476 besaß der Müller Jörg Brendlin schon einen Garten, einen Baumgarten und vier Tagwerk Wiesen", wie Seehofer festgehalten hat. 1870 hatte die Mühle einen Gerbgang und zwei Malgänge. Der Gerbgang war nötig, um die Körner des Dinkels aus der Spreu zu lösen.

Anfang vom Ende

Jahrzehnte später dann ein Schicksalsschlag, der das Ende des Gebäudes einleitete: Ein schweres Hochwasser zerstörte 1928 den ganzen Zufluss zur Mühle, auch das Mühlrad war in Mitleidenschaft gezogen worden. Erika Bendl weiß aus Erzählungen, dass damals für die Reparatur kein Geld da war. Die Müllerfamilie Rieg beschränkte sich nun auf die kleine Landwirtschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bach, der an der Mühle vorbeiführte, verdolt und ist seither nicht mehr sichtbar. Das Mühlengebäude wurde noch Jahrzehnte als Wohnraum genutzt. In den 1960er-Jahren waren dort Arbeiter untergebracht, die damals aus Italien angereist waren. In den 1970er-Jahren kam vom damaligen Bargauer Ortsvorsteher Kuno Stütz der Vorschlag, in der Mühle ein Heimatmuseum einzurichten. Das lehnte die Gmünder Stadtverwaltung aus Kostengründen ab.

Verbunden mit der Mühle, auch daran erinnert Erika Bendl, ist die Geschichte des starken Josefs, der von 1709 bis 1739 gelebt hat. König Friedrich Wilhelm von Preußen wollte für seine Garde großgewachsene Soldaten haben. Seine Werbeoffiziere stießen in Bargau auf den starken Josef, Knecht in der Mühle. Er konnte zwei Zentnersäcke bis zum Birkhof tragen. Allen Werbeversuchen widersetzte er sich. Bis ihn die Preußen im Schlaf überraschten und zu einer Kutsche zerren wollten. Mit aller Kraft konnte er vier Soldaten abschütteln, zwei sind nach der Überlieferung schwer verletzt worden. Von diesem Schicksalsschlag hat sich Josef nicht erholt, konnte nicht mehr schlafen und starb im folgenden Jahr.

Immer engagiert

Mühlen-Besitzer widersetzten sich auch den Nazi-Machthabern, wie Hans Bendl berichtet. Als bekennender Christ schickte Alois Rieg seine Kinder am Sonntagmorgen nicht zu den HJ-Übungsstunden, sondern in den Gottesdienst. Weil er als Gemeinderat gegen sie beabsichtigte Umwandlung der katholischen Bekenntnisschule in die "deutsche Volksschule" stimmte, wurde er seines Amtes enthoben. 1945 hat ihn die amerikanische Militärregierung wieder in sein Amt als Gemeinderat eingesetzt. Später war er auch erster stellvertretender Bürgermeister. Schwiegertochter Inge Rieg setzte die Tradition des bürgerschaftlichen Engagements der Mühle-Bewohner fort. Als Mutter von acht Kindern wurde sie 1975 in den Ortschaftsrat gewählt.

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