Brauchtum oder Rassismus?

+
Die Mutlanger Sternsinger verzichten bewusst auf schwarz geschminkte Könige als Stellvertreter Afrikas und folgen damit einer Empfehlung des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, der argumentiert, Hautfarbe sei nicht gleichzusetzen mit Herkunft.
  • schließen

Wie das schwarz angemalte Gesicht eines der Heiligen Drei Könige in die Kritik gerät und wie Sternsinger, Kirchenvertreter und Betroffene damit umgehen.

Schwäbisch Gmünd/Mutlangen

Wo habt ihr denn den Mohr?“ Diese Frage habe sie öfters gehört, als sie mit den Sternsingern unterwegs war, erzählt Nina Wamsler, Oberministrantin in Mutlangen. Dort haben die Sternsinger bei der aktuellen Aussendung bewusst auf geschminkte Könige verzichtet und damit auf entsprechende Empfehlungen reagiert. So rät der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) als ein Träger der Sternsingeraktionen, einzelne nicht schwarz zu schminken. Dieser Brauch sei auf die Darstellung der Heiligen Drei Könige als Repräsentanten der damals bekannten Erdteile Asien, Afrika und Europa zurückzuführen, wobei der schwarze König für Afrika stand. „Die Gleichsetzung von Hautfarbe und Herkunft geht nicht auf“, heißt es vom BDKJ weiter. Der Sinn der Tradition werde besser deutlich, wenn die Kinder „so gehen, wie sie eben sind: vielfältig in ihrem Aussehen“.

Tradition überdenken

In einem guten Dutzend von etwa 100 Haushalten seien die Sternsinger darauf angesprochen worden, dass kein geschminkter König dabei sei, erzählt Nina Wamsler. „Manche Leute haben’s schon angenommen“, sagt die 18-Jährige über ihre Argumente. „Die ziehen nicht“, habe sie bei vielen anderen gespürt. Doch, „nur weil es Tradition ist, muss man nicht Sachen machen, die andere verletzen.“ Sie hat sich über Blackfacing informiert. Der Begriff geht zurück auf rassistisch geprägte, varietéartige Shows, die im 18. und 19. Jahrhundert in den USA aufkamen. Dabei schminkten weiße Künstler ihre Haut dunkel, ihre Lippen betont wulstig und verhöhnten so Plantagenarbeiter oder Hausangestellte als stereotyp naive, fröhlich singende Sklaven. Seit einigen Jahren wird auch in Deutschland die Verkörperung Schwarzer durch dunkel Geschminkte als Blackfacing kritisiert, doch wird in Bezug auf die Sternsinger auf die unterschiedliche Tradition des Gesichtsschwärzens in den USA und hierzulande hingewiesen. So legt der Gmünder Dekan Robert Koker Wert darauf, „die ganze Geschichte“ der Heiligen Drei Könige zu betrachten.

Produkte der Überlieferung

Ausschließlich im Matthäus-Evangelium sei die Rede von „Sterndeutern aus dem Osten“, weder Anzahl, Namen noch Alter werden genannt. Die Könige Caspar, Melchior und Balthasar seien im Lauf der Jahrhunderte etablierte „Produkte christlicher Überlieferung“. Es sei wichtig, dass ein Schwarzer an der Krippe stehe, sonst „würde ein wichtiger Teil der Menschheit fehlen“ – was „als neue Apartheit“ interpretiert werden könnte, sagt der Dekan. Und differenziert. Der so genannte „Nickneger“, wie es ihn an der Kapelle auf dem Rechberg gab, die stereotype Figur eines Schwarzen, der mechanisch nickt, wenn man Spenden einwirft, „darf in Kirchen nie mehr auftauchen“. Der entscheidende Unterschied: Der Schwarze an der Krippe sei ein königlicher, geschätzter Mensch. Wichtig sei, „dass wir das heute gut vermitteln“ - Kloker denkt an Gespräche oder Predigten. Würde sich ein Schwarzer trotz der Argumente schlecht fühlen, „müsste man das überdenken“, meint er. „Letztendlich geht es darum, nicht die Gefühle anderer Menschen zu verletzen.“

Karolin Schiebel ist im Rehnenhof aufgewachsen, war selbst als Ministrantin bei den Sternsingern dabei. Heute beobachtet sie das Sternsingen als Mutter einer neunjährigen Tochter, die nur darauf wartet, zu den Ministranten zu dürfen, sowie eines 14-jährigen Sohnes und von zwölfjährigen Zwillingen.

Die Perspektive wechseln

„Meine Jungs ministrieren sehr gerne“, sagt sie. Bloß vom Zweiten Weihnachtsfeiertag an bis nach Dreikönig am 6. Januar machen sie Pause. Dann werden die Sternsinger entsandt. „In der Zeit meiden wir die Kirche“, sagt Karolin Schiebel, denn „meine Kinder empfinden das als würdelos, wenn sich jemand schwarz anmalt“. Ihr Vater stammt aus der Karibik und der 14-Jährige sage zu dem Thema, „wir Dunkelhäutigen schminken uns doch auch nicht weiß“. Überhaupt, „schwarz, weiß – wir Menschen sind doch irgendwas dazwischen“, sagt Karolin Schiebel. Einerseits sehe sie durchaus das Gute in den Sternsingeraktionen. Andererseits erlebe sie bei ihren Versuchen, für das Thema zu sensibilisieren, „ein falsches Festhalten an Traditionen“ und „die Anmaßung, dass Weiße sagen, was richtig ist“. Tradition dürfe kein Argument mehr sein in Zeiten, in denen sich im Internet ganz einfach die Hintergründe des Blackfacing nachlesen lassen, findet Karolin Schiebel. Weiße sollten sich in Schwarze hineinversetzen, nennt sie als einfachere Alternative zur Recherche, „der Perspektivwechsel ist ganz wichtig“. Letztendlich, findet sie, sollte gelten: „Die Betroffenen entscheiden, was ok ist.“

  • Blackfacing im Theater
  • Blackfacing, entstanden in den US-amerikanischen Minstrel-Shows im 18. und 19. Jahrhundert, meint Gesichtsschwärzung mit grotesk hervorgehobenen Partien, heißt es auf Wikipedia. Sie unterscheide sich dadurch von den oft aus Holz modellierten Masken der Commedia dell’arte, die dem Sprecher dahinter Narrenfreiheit gewährte.
    Als “glasklar“ gegeben sieht Michael Schaumann, bekannt etwa vom Gmünder Kolping-Musiktheater als Schauspieler, Regisseur und Sänger, den rassistischen Hintergrund des Blackfacing. Das ihm selbst „noch nie begegnet“ sei. Bei der Aufführung des Musicals „Aida“ nicht, in dem „das ganze Spektrum der Ethnien vereint“ war. So habe etwa der Kolpingchor das nubische Volk dargestellt, ohne entsprechend geschminkt zu sein. Auch nicht bei der Staufersaga, in der Migranten, die diese spielen wollten, als Sarazenen besetzt wurden. Jemanden schwarz zu schminken, diese Frage stelle sich ihm als Regisseur nicht. Ihm gehe es bei einer Inszenierung darum, „den Charakter authentisch rüberzubringen“, unabhängig von Hautfarbe und Ethnie.⋌an

Zurück zur Übersicht: Schwäbisch Gmünd

Kommentare