Editorial

Danke, lieber Erzengel Dr. Gabriel – und ade!

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Seit Oktober 2016 ist Damian Imöhl Chefredakteur von SchwäPo und Gmünder Tagespost. Er verlässt das Haus mit Ablauf des Jahres. Mit seiner Krebserkrankung hat er sich auf ein Remis geeinigt. Archivfoto: opo

Chefredakteur Damian Imöhl verlässt SchwäPo und Gmünder Tagespost zum Jahresende. Im Editorial erzählt er vom Remis mit Castor, wie er seinen Krebs nennt, vom Oberarzt aus Schwäbisch Gmünd, der ihn rettete, seiner Verbundenheit zur Ostalb und seinen Plänen für die Zukunft.

Mit Castor – meinem Krebs – und mir, das ist für mich wie Schach. Wir, mein bösartiger Begleiter und ich, haben uns jetzt nach drei knallhart umkämpften OP-Partien zunächst auf ein Remis geeinigt. Ich bin aktuell krebsfrei. Castor hat sich irgendwo unter seiner Tarnkappe verkrochen. Ich verzichte derweil auf weitere fiese Chemo-Attacken, deren beißenden Geschmack ich jetzt noch oft im Mund schmecke – wie auch den von Nitro und anderem ekeligen Zeugs ...

So ein überraschendes Remis – das ist gar nicht so übel. Denn Castor führte die weißen Steine, ich die schwarzen; er war also im Vorteil. Jetzt eröffne ich mit Weiß. Bin zuerst am Zug. Zieh dich warm an, mieser Bursche! Meine mutigen Ruhrpott-Bauern, die unerklimmbaren Staufertürme, die flinken VfL-Läufer und die sprungstarken DRK-Feldköche, der tapfere König und Stauferkaiser, über den die Welt staunt – und natürlich die elegante, mächtige Dame mit den vielen Möglichkeiten auf dem Feld: Sie alle haben dich echt auf dem Kieker, Castor! Kennst du die überfallartige, sauerländische Eröffnung? Ich auch noch nicht. Aber sie wird dich auf dem falschen Fuß erwischen. Versprochen. "Die Mütze voraus und frisch ihr nach, so kommt man über den Bach", schreibt mein westfälischer Lieblingsdichter Friedrich Wilhelm Weber. Recht so...

Castor habe ich Castor genannt, das hatte ich Ihnen schon erzählt, weil er der sterbliche Bruder von Pollux ist, dem unsterblichen Zeussohn. Es hat mich überwältigt und gerührt, wie viele Menschen das bewegt hat, wer mir alles schrieb. Denn ich wollte doch eigentlich nur mitteilen, dass ich krank geworden und deswegen auf Tauchstation gegangen bin, um etwas mehr Ruhe zu finden.

Es war richtig, alles zu sagen, das gab mir viel Kraft: Seid mutig und fragt Kranke und Notleidende nicht: "Wie geht's?" Sagt ihnen: "Erzähl mir was. Von dir und deinem Leben. Das interessiert mich." Es ist so einfach, sich gegenseitig ein gutes Gefühl zu geben. Im Guten. Im Jetzt. Und eben gerade auch im Bösen und in allergrößter Not. Dann, wenn man es am meisten braucht.

Danke an den hohen Stapel Post und die gesendete Nächstenliebe in meinem Herzen! Castor und Pollux, die zwei unzertrennlichen Brüder, die lieber zusammen in den Tod gehen wollten als ohne den anderen sein zu müssen – sie faszinierten die Menschen mit ihrer unbändigen Liebe seit Urzeiten. Schon die babylonische Mythologie kannte die Dioskuren, dann auch die griechische und die römische Kultwelt. Und der Legende nach lebt ihr Ideal auch bei uns Christen weiter, als Kosmas und Damian. Sie sind die Schutzpatrone der Ärzte und Apotheker.

Damian heiße ich, weil mein Vater, den ich so sehr vermisse, Kinderarzt war. Und so wählte ich Castor als Namen für den Krebs in mir, weil er wie ein Bruder zu mir gehört in meinem leidenschaftlichen Leben – und so auch zu dessen Endlichkeit.

Castor und Pollux: Schauen Sie ans Firmament, hoch oben im Sternbild Zwilling. Da leuchten sie so gigantisch strahlend, die zwei innig verbundenen Brüder, die mir immer so viel bedeuten. Und: Wenn Sie mal etwas Ruhe im hektischen Rom suchen: Nicht weit vom Kolosseum steht ihre Kirche. Einer meiner besinnlichen Lieblingsorte in dieser Welt. Nicht weit entfernt vom Castor-und-Pollux-Tempel der Römer auf dem Forum ...

Nun, warum erzähle ich das? Als ich Ostersamstag nach der dritten, 14 Stunden langen OP auf der Intensivstation in Mannheim lag, da redete ich mit dem Jesuskreuz an der Wand. Klagend. Jammernd. Hadernd. Zornig. Wütend. Betend. Hoffend. Dieses ständige Gepiepse, Blinken, Brummen und Dröhnen. Diese vielen Narben, Handicaps und starken Schmerzen zwischen rasenden Notarztteams, Totenscheinen und Reanimationen. Pure Angst.

Doch ich dachte in größter Not auch an die Bergpredigt, die recht simple Betriebsanleitung für ein anständiges Christenleben. Und dann, so im Gleißlicht und im betäubten Vor-sich-hin-Dämmern, stand ein großer Mann vor meinem Kabelsalatmonitorbett.

"Das ist also der Erzengel Gabriel", dachte ich. So hager habe ich ihn mir immer vorgestellt, meinte sogar, die Flügel über den Schultern zu erkennen. Wie damals als Messdiener, wenn man bei der Predigt nicht so wirklich zuhörte, aber sich die ganzen Figuren und Bilder drumherum anschaute aus Langeweile. Aber warum, stutzte ich, trägt so ein Erzengel einen Corona-Mundschutz? Hat der das wirklich nötig im Himmel? Und warum steckt er lässig die Hände in seine Kitteltaschen?

"Hallo, lieber Herr Imöhl", sagte der Engel tief und sanft, der für mich wirklich einer war, "Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Ich bin hier Oberarzt, habe Sie mitoperiert – und ich komme aus Schwäbisch Gmünd." Da war es wieder da, das Leben. Der Wille. Der Mut. Die Zuversicht. Jeder Damian braucht mal einen Kosmas ...

Ja, Erzengel Dr. Gabriel hat mein Leben gerettet. Oder besser: Er hat mich ins Leben, das ein Wunder ist, zurückgeholt. Er redete dann öfters mit mir in den nächsten Tagen, ganz ehrlich. Wie knapp alles war. Wie eng. Und dass ich dennoch lebe. Mir gab das den Glauben zurück, dass alles wieder gut werden kann.

Mit der Erbsensuppe für unsere Hilfsaktion "Advent der guten Tat" schloss sich für mich zu Weihnachten einen Kreis. Nicht umsonst ist eine Erbse eine runde Sache. Hart und weich. Jeder weiß, wie wichtig mir das ist. Jetzt, bei meinem letzten Einsatz mit meinen geliebten DRK-Feldköchekumpels, gab es viele berührende Begegnungen und Wiedersehen nach langer, harter Zeit.

Sogar ein Nachfahre meines "Ostalb-Matrosen" kam zu mir, dessen rätselhaftes U-Boot-Schicksal mir so nah und wichtig geworden war. Auf den Tag genau vor einem Jahr war ich ganz nah dran am Tod – und hatte unfassbares Glück.

Eigentlich hat eine Weihnachtsbaumeinwickelmaschine mein Leben gerettet. Ich hatte mal wieder keine Zeit. Aber für ein originelles Spendenfoto krabbelte ich dann doch in das Wortungetüm mit 31 Buchstaben. Dabei knackte der Blinddarm auf, in dem der bis dahin unentdeckbare Tumor sich so lange versteckt hatte. Nur deshalb darf ich diese Zahlen schreiben. Ein Zufall. Glück.

Zwei Tage später starke Schmerzen bei einem Uni-Vortrag. Not-OP. Dann Krebs-Diagnose. Dreimal durch die Hölle, bis Erzengel Dr. Gabriel vor mir stand. Am Ostersamstag 2020. Unvergessen. Für immer. Der 11. April 2020. Mein zweiter Geburtstag. Ich lebe. Voller Optimismus, Gottvertrauen und meiner unkaputtbaren Fröhlichkeit. Bäume kann ich auch wieder ausreißen. Auch wenn ich erst mal mit Bonsais beginnen musste... Nun, es tut mir weh und zerreißt mich, das schreiben zu müssen, weil ich auf der Ostalb und im Remstal meinen Traum leben durfte. In jeder Beziehung. Kurz und knapp: Dies sind meine letzten Zeilen als Ihr Chefredakteur von SchwäPo und Gmünder Tagespost, der Sie alle und diese wunderschöne Heimat in sein großes Westfalenherz geschlossen hat.

Ich nehme mir jetzt eine kurze Auszeit und verwirkliche ein Herzensprojekt, bevor ich zu neuen Ufern aufbreche. Alles, so viel Gutes, nehme ich in Gedanken mit in mein Refugium. Genauso wie die vielen herrlichen Erinnerungen an die Zeit, in der ich Ihnen, meinem Team und meinem Verlag dienen durfte. Und das mit großem Erfolg. Es fällt mir so extrem schwer, aber es ist der richtige Zeitpunkt.

Wir – SchwäPo und Gmünder Tagespost – stehen dank Ihrer Treue sehr gut da in stürmischen Zeiten. DANKE!!! Vergelt's Gott! Und: Leben Sie wohl, liebe Verbündete! Castor und Pollux, die mutigen, legendären Brüder, sie strahlen weiter am Himmel. Und jeder von uns ist ein Löwenherz wie sie. Jeder kann das fühlen. Glauben Sie mir. Hand drauf. Spüren Sie es?

Bleiben Sie SchwäPo & GT gewogen, unterstützen Sie guten Lokaljournalismus, der so wichtig ist wie nie. Sie sind der wichtigste Ansporn für jeden Tag voller Freude an unserer Arbeit im Dienste der Demokratie. Ade!

Herzlichst, Ihr Damian Imöhl

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