Der Förster als Leser: Humboldts Leben, Wohllebens Übertreibungen

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„Forstleuten ist es eigen, dass sie ihre persönlichen Interessen zur Profession gemacht haben.“ Jens-Olaf Weiher, Gmünds oberster Förster, mag auch als Leser Naturthemen.

Was lesen Sie in diesem Sommer? Einem großen Forscher auf der Spur: Jens-Olaf Weiher, Gmünds oberster Forstmann, schätzt auch als Leser Naturthemen.

Schwäbisch Gmünd. Jens-Olaf Weiher verbringt als Förster einen großen Teil seiner Arbeitszeit in der Natur – als Leser greift er in diesem Sommer zu einem Buch über einen großen Naturforscher: Alexander von Humboldt, die Biografie ist geschrieben von Andrea Wulf. „Das habe ich von einem Freund empfohlen bekommen, und ich war so neugierig, dass ich gleich angefangen habe“, erzählt der Leiter der Gmünder Forst-Außenstelle.

Wie sehr beeinflusst der Beruf das, was man in der Freizeit liest? In dieser Serie haben wir mit einer Politikerin gesprochen, einem Regisseur, einem Künstler, einem Fußballer und einer Pfarrerin. Es war einige, die erzählt haben von Berührungspunkten, von Schnittmengen zwischen dem Job und dem Leseinteresse.

Bei Jens-Olaf Weiher ist das auch so. Ganz logisch, findet er: „Forstleuten ist es schon eigen, dass sie ihre persönlichen Interessen zur Profession gemacht haben.“ Was nicht bedeutet, dass er „Sachbücher oder direkt notwendige beruflich Themen“ in der Freizeit lese. Aber einer wie Humboldt fasziniert Jens-Olaf Weiher, natürlich auch durch sein Tun, seine Forschung, seine Erkenntnisse über die Natur. „Das Buch passt wie die Faust aufs Auge, weil Humboldt der erste war, der Ökosysteme gedacht hat.“ Klima, Boden, Wasserhaushalt, Tier- und Pflanzenwelt, all das finde sich bei ihm. „Das schwingt bis heute mit in vielen Bereichen; Humboldt hat das naturwissenschaftliche Denken mitgeprägt.“

In einer Hinsicht geht es dem Oberforstrat Weiher wie vielen Menschen: Erst im Urlaub ist richtig Zeit zum Lesen. Gleich angefangen hat er die „faszinierende Lebensbeschreibung“, wie ein Buchkritiker die 2016 erschiene Biografie genannt hat, aber mehr nicht: „Ich bin im Alltag nicht dazugekommen.“

Materiell betrachtet, ist Weiher ein traditioneller Leser, er greift zu Büchern, die aus Bäumen hergestellt sind. „Ich lese ausschließlich auf Papier.“ Damit sich ein E-Reader lohnt, dafür lese zu wenig, argumentiert Weiher. „Rein technisch erreiche ich nicht den kritischen Punkt, wo sich von der Umweltbelastung her so ein Gerät lohnt.“ Und am Ende sei es ja „wieder eine Maschine mehr“.

Einen Lieblingsautor, eine Lieblingsautorin hat Jens-Olaf Weiher nicht, und er liest auch nicht nur Bücher, die mit Natur zu tun haben. „Ein Thriller ist auch mal dabei“, sagt er. Es gibt aber einen Verlag, über dessen Programm sich Weiher gelegentlich informiert: „Der Oekom-Verlag verlegt relativ viel, was einen interessieren könnte, wenn man versucht, die Welt zu verstehen.“

Und was hält der Gmünder Forst-Chef eigentlich von seinem Berufskollegen Peter Wohlleben, der in den letzten Jahren mit Millionenauflagen einer der erfolgreichsten Autoren auf dem deutschen Buchmarkt war? Als Privatmann greift er nicht zu Wohllebens Werken. „Aber ich musste mich ein Stück weit Kraft Amtes informieren, um mitreden zu können. Irgendwann wusste ich, was er schreibt.“ Weiher sieht den Förster, der zum Erfolgsautor wurde, differenziert: „Ich finde ihn insgesamt für den gesellschaftlichen Diskurs schon bereichernd. Was er macht, tut der gesellschaftlichen Stellung des Themas sehr gut.“ Aber Weiher sieht wie viele seiner Fachkollegen in Deutschland auch kritisch darauf, dass bei Wohlleben, so die Kritik, Publikumswirksamkeit manchmal vor wissenschaftlicher Genauigkeit geht. Weiher: „Ich finde es schon grenzwertig, wie er seinen Stellenwert zu Übertreibungen teilweise nutzt.“

Eine „faszinierende Lebensbeschreibung“ über Alexander von Humboldt.

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