Der Morgan ist gar nicht von gestern

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Oldtimerserie Morgan+8
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Der Morgan Plus 8 von Dr. Gerd Merinsky. Ein Auto für hart gesottene Genießer. Erst kommt hier das Erlebnis und dann der Fahrkomfort.

Schwäbisch Gmünd / Heubach. Die paradoxe Seite zuerst: Das Auto steht makellos so da, als hätte es gerade die Werkstore verlassen. Formal entstammt es aber den späten 1930er-Jahren. Insider bringen das zusammen: Es kann sich nur um einen Morgan Plus 8 handeln, jenen schrulligen Engländer, der schon lange keinen Automobildesigner mehr gesehen hat, der sich aber von einer umso größeren Fangemeinde getragen sieht. Ein Morgen Plus 8 ist ohne geschwungene Kotflügel, ein enges Passagierabteil und Komfortverzicht schlicht nicht denkbar.

Alles Attribute, die der Heubacher Arzt Dr. Gerd Merinsky an diesem Auto besonders schätzt. Sein Plus 8 trägt seit zwei Jahren stolz das H-Kennzeichen und gleicht schon wegen seines Pflegezustands eher einer Skulptur als einem Gebrauchsgegenstand.

Der ist es für den Oldtimer-Liebhaber ohnehin nicht. Ganze 7884 Kilometer hat er den Wagen in 32 Jahren bewegt. Vor allem für kleinere Ausfahrten. Die Sträßchen rund um die Schwäbische Alb und abseits der großen Verkehrsrouten sind dafür da, auch ein Ausflug nach Rothenburg stand schon auf dem Programm.

Für Dr. Gerd Merinsky erfüllt sich ein Kindheitstraum, als er den Morgan 1989 ersteht. „Ein Patient hatte das Auto bestellt, wollte es aber nicht mehr haben“, erinnert er sich. „Spontan habe ich den Kaufvertrag übernommen.“

Den roten Morgan Plus 8 begleitet ein umfangreiches Zubehörpaket. Auffällig die Kofferbrücke über dem offen liegenden Reserverad am Heck des Morgan. Damit – und einem kleinen Staufach hinter den Sitzen – könnte man schon eine kleine Urlaubsreise antreten.

Allein die technischen Daten versprechen angenehmes Reisen: Der 3,5-Liter-Achtzylindermotor von Rover unter der vorderen Haube hat mit seinen 160 PS und dem nur 889 Kilogramm schweren Wagen – auch dank der Alukarosserie – ein leichtes Spiel. Schwerer wird das für Fahrerin oder Fahrer. „Am Lenkrad muss man schon kräftig zupacken“, sagt Dr. Gerd Merinsky. Servounterstützung gibt es nicht. Aber der Morgan ist ja zum Fahren da, nicht zum ständigen Einparken. Beim Fahren dominieren andere Eigenschaften.

Am liebsten offen

Der Sound des Achtzylinder-Motors etwa. Den schätzen oft auch Außenstehende. „Kürzlich standen ein Vater mit seinem kleinen Sohn neben dem Auto“, erinnert sich Dr. Gerd Merinsky. „Ob ich nicht mal den Motor anlassen könnte, war dessen Bitte. Der Junge sollte doch einmal erleben, wie sich ein richtiges Auto anhört.“

Wie sich ein richtiges Auto anfühlt, eröffnet sich aber erst beim Fahren. Da ist der Blick auf eine lange und nicht enden wollende Motorhaube. Da ist die Dankbarkeit, dass es Sicherheitsgurte gibt. Sie halten fest, wenn Straßenunebenheiten allzu deutlich im Cockpit ankommen. Ein anderer Morgan-Fahrer hat das schon mal konkretisiert: „Wenn man über einen Zigarettenstummel fährt, spürt man, ob mit oder ohne Filter.“ Wichtig ist Morgan-Fahrern: Ohne Dach. Dr. Gerd Merinsky hat den Regenschutz zuhause in der Garage. Er fährt nur bei schönem Wetter. Alles andere wäre auch mühsam. Seitliche Steckscheiben und der Dachüberzug brauchen Zeit für die Montage.

Bei all dem wird schnell deutlich: Morgan-Fahren ist eine Philosophie. Sie heißt Eintauchen in eine Welt, die schon beim Serienstart des Plus 8 in einer völlig anderen Formensprache lebte. 1968 waren ausschweifende Kotflügel so richtig altmodisch, die später aufkommenden Flossen schon wieder passé. Und der Wunsch, einen Oldtimer zu besitzen, löste vor 50 Jahren bei Gesprächspartnern allenfalls Kopfschütteln aus. Vor den kleinen Garagen der 1960er-Jahre-Häuser standen die ersten Mercedes Strich 8, die Opel Rekord und VW 1500. Wohlstandssignale, an denen man die Nachbarschaft gerne teilhaben ließ. Freistehende Kotflügel signalisierten das Gegenteil. Morgen-Plus8-Fahrer standen immer über der Sache. Sie fühlten sich schon damals einem exklusiven Kreis zugehörig. Das ist bis heute so geblieben.

Tempo ist nicht alles

Den Plus 8 gibt es in der Form bis 2018. Der Nachfolger Morgan Plus Six hält sich dennoch streng an die Grundlinien, ist in Details mehr geglättet und verfügt über mehr als doppelt so viel Leistung. Aber schon der Plus 8 geht theoretisch bis über 200 km/h. Für die wenigsten am Steuer vorstellbar. „Die Vernunft riegelt bei 170 km/h ab“, sagt ein Gmünder Morgan-Fahrer und Dr. Gerd Merinsky lässt es so weit nicht kommen. „Ich cruise am liebsten mit 130, mehr ist nicht nötig.“

Das schont Fahrer wie Auto und ist vielleicht ein Grund, dass der Morgan Plus 8 immer noch aussieht, als käme er gerade aus der Manufaktur. Ein Wort, das auch die Herstellungsart beschreibt. Ein Fließband gibt es dort nicht. Bis heute bauen Spezialisten ein Gerippe aus Eschenholz, das mit Alu beplankt wird. Ein anders hergestellter Morgan ist für Kunden schlicht nicht vorstellbar.

Der Junge sollte doch einmal erleben, wie sich ein richtiges Auto anhört.“

Dr. Gerd Mernisky
  • Ohne Eschenholz geht nichts
  • Das Unternehmen wurde 1909 von Harry Frederick Stanley Morgan in Malvern Link, in der Grafschaft Worcestershire, West Midlands, gegründet.
  • Nach dem Tod des Gründers 1959 übernahm dessen Sohn Peter die Geschäftsführung. Peter Morgan verstarb 2003. Sein Sohn Charles leitet ab 1999 die Geschicke der Firma. 2019 übernahm der italienische Investor Investindustrial die Mehrheit an der Firma.
  • Morgan ist vermutlich das einzige Unternehmen weltweit, das bei Automobilen noch Aufbauten mit Rahmen aus Eschenholz einsetzt, eine Fertigungstechnik, die noch aus dem Kutschwagenbau stammt.
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