Dilek Güngör in Gmünd: Keine Lösungen – „Ich zeige nur“

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Zu Gast bei den Zeitgesprächem in Gmünd: die Autorin Dilek Güngör, im Gespräch mit GT-Redaktionsleiter Michael Länge.
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Schwäbisch Gmünd. Ihr Name stand in den Nachrichten im vergangenen Sommer: Dilek Güngör war für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert. Nun war die Autorin, die in Gmünd aufgewachsen ist und in Berlin lebt, zu Gast bei den Zeitgesprächen von Kreissparkasse, Buchhandlung Osiander und Gmünder Tagespost. Zu Gast in ihrer - Heimatstadt?

Das Fragezeichen spricht Michael Länge, GT-Redaktionsleiter und Gastgeber, mit bei der Begrüßung. „Es ist auf jeden Fall eine Heimat“, findet Güngör.

Dilek Güngör ist 1972 in Gmünd geboren als Kind türkischer Eltern. Mit Kolumnen über ihre deutsch-türkische Familie in der Berliner Zeitung hat ihre literarische Karriere begonnen. Auch die Figuren in ihren jüngsten Romanen ähneln ihr biografisch. „Ich kann nur über deutsch-türkische Familien schreiben, ich könnte nicht über eine 80-jährige Frau schreiben“, sagt sie. Ihr zweiter Roman heißt „Ich bin Özlem“. An einer Stelle sagt die Ich-Erzählerin: „Ich entkomme dieser elenden Herkunft einfach nicht.“

Ihre Familie und deren Herkunft hat auch Güngörs Kindheit mit geprägt: „Ich bin nicht wie die anderen“, so drückt sie eine Grunderfahrung aus, „es wäre anders gewesen, wenn ich eine Monika gewesen wäre“. „Ich hatte das Gefühl, ich muss mehr erklären“, erzählt sie aus ihrer Jugend.

Was Dilek Güngör will, ist Schreiben. Was sie nicht will: Expertin sein für Integrationsfragen. Der Habitus des Großschriftstellers und Weltendeuters – Grass, Walser, Enzensberger -, immer bereit, zur gesellschaftlichen Debatte einen „Spiegel“-Essay zu produzieren - diese Haltung liegt ihr fern. Güngör möchte Romane schreiben und über Literatur reden. Oder sind Bücher wie ihre auch Beiträge eben dazu: zur Debatte?

Michael Länge, der Gastgeber, ist ein Journalist, der genau hinschaut auf die Stadt, über die er schreibt. Einer, der auch beim Thema Integration – gelingender, nicht gelingender – genau hinschauen will. Der nachfragt, verstehen will, wissen will, wo man ansetzen kann in dieser Gesellschaft. Es ist auch ein Abend zwischen: Wer, wenn nicht Sie? Und: Warum immer ich? Dilek Güngörs Schreiben wurzelt in ihrer eigenen Lebensgeschichte, aber sie will keine deutsch-türkische Welt-Erklärerin sein. Vielleicht auch, weil es zu oft von ihr erwartet wurde. „Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr viel über den Begriff nachgedacht und gesprochen.“ Die Kopftuch-Debatte zum Beispiel, das stellt sie klar, muss ohne sie auskommen. Sie habe „aufgehört, alles erklären zu müssen“, hat sie einmal gesagt. „Ich habe keine Lösungen, ich zeige nur.“

„In mein Herz gucken“

Dilek Güngör ist eine Weltenbeschreiberin. Die Lebenswelten ihrer Figuren, deren Innenwelten zeichnet sie mit großer Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit, mit einer schlichten, genauen, auch poetischen Sprache, die ihr Schreiben auszeichnet. Darum geht es ihr: „Ich schreibe Bücher, Romane und versuche Leute in mein Herz gucken zu lassen. Und das ist sehr mutig und sehr offen.“

„Vater und Ich“ heißt der neueste Roman von Dilek Güngör, erschienen 2021 im Verbrecher-Verlag, 104 Seiten.

Ich entkomme dieser elenden Herkunft einfach nicht.“

Özlem, Ich-Erzählerin, aus dem Roman „Ich bin Özlem“

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