Ein bisschen Kalifornien im Remstal

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Die Innenausstattung lässt keine Wünsche offen, erinnert schon an den GTO.

Oldtimer (3). Der Pontiac Catalina von Hans-Peter Kuhnle. Ein "American Dream" für Freunde gemütlicher Fortbewegung.

Schwäbisch Gmünd / Mögglingen

Es ist das Jahr, in dem sich Passanten nach den ersten Porsche 911 umdrehen. NSU (später Audi) versucht sich mit dem Wankel-Spider und BMW erfindet die "Neue Klasse", schafft mit dem Modell 1600 die Wende zum Erfolg. Und Pontiac Catalina? Der spielt im deutschen Straßenbild 1964 keine Rolle, auch wenn er allein durch seine Ausmaße unübersehbar ist, wenn sein Motor Hubraum für zehn europäische Kleinwagen mitbringt.

Einige Exemplare dürften es dennoch schon damals nach Schwäbisch Gmünd geschafft haben, geparkt vor den Wohnanlagen der amerikanischen Soldaten auf dem Hardt. Ein Pontiac Catalina steht jetzt bei Hans-Peter Kuhnle vor der Haustüre. Der Mann mit lebenslanger Affinität zum Automobil erfüllt sich einen Jugendtraum. Beruflich war er bei der ZF Chef im Ersatzteilvertrieb. "Ich war weltweit bei Automobilherstellern unterwegs", sagt er und ist froh, die Stress-Zeit früh genug beendet zu haben.

In seinem neuen Beruf zeigt er keine ganzen Autos, wohl aber viele Accessoires zum Thema. Er betreibt in Mögglingen die "Retro World", in der vom Emailleschild bis zum Zweisitzer aus dem Heck eines Morris alles zu haben ist.

Der Pontiac, eine Marke aus dem Haus General Motors", ist ihm beinahe zugelaufen. Ein Lieferant steht immer wieder mit Oldtimern vor der Tür des Geschäfts und spürt das Interesse Kuhnles. Der lässt sich zur Probefahrt überreden und wird schwach: Der türkisfarbene Zweipluszwei-Sitzer – in Europa laufen diese Autos unter dem Begriff Coupé – wechselt den Besitzer.

Hans-Peter Kuhnle ist glücklich: "Es ist ein Auto von 1964 ganz ohne Rost", sagt er. Gefahren im Sonnenstaat Kalifornien, aber von der Sonne nicht ausgebleicht: Die Innenausstattung samt Armaturenbrett ist ohne Mängel. "Der Blick auf die Instrumente gehört zum Feinsten aus der Zeit", weiß der Oldtimer-Liebhaber. Die Verwandtschaft zum Pontiac GTO wird schon deutlich. Beide haben neben dem Bandtacho – der endet bei 120 Meilen – drei weitere zum Fahrer hin orientierte Rundinstrumente. Dazu selbstverständlich Zigarettenanzünder und zu der Zeit neu: Cupholder am Handschuhfach.

Nicht zum Schnellfahren

Die Verwandtschaft zur viertürigen Catalina-Limousine wird im Motorraum wie im Kofferraum deutlich. Ein Dutzend Kasten Bier lassen sich locker nebeneinander einladen. Und ganz vorne arbeiten 6,4 Liter Hubraum, verteilt auf acht Zylinder. Mit ein Grund, weshalb die Amerikaner den Pontiac Catalina in die Full-Size-Klasse einstufen. 235 PS gibt der Motor ab. "Aber ein Auto zum Schnellfahren ist es dennoch nicht", sagt der Besitzer. Und dafür gibt es mehrere Gründe.

Mein schönstes Erlebnis ist es, wenn mir Leute am Straßenrand zuwinken.

Hans-Peter Kuhnle

Die Straßenlage: "Weich abgestimmt" wäre untertrieben. Die Fünfeinhalb-Meter-Karosse schätzt die Geradeausfahrt wie ein Kreuzfahrtschiff. In Kurven neigt es sich so, dass Beifahrer schon mal nach einem Haltegriff suchen. Seitenhalt durch die Sitze gibt es damals noch nicht.

Der Verbrauch: die zweite Mahnung, sich mit mäßigem Tempo zu begnügen. Was ein Pontiac Catalina wirklich verbraucht, spricht Hans-Peter Kuhnle lieber nicht aus.

Die Sympathie: "Mein schönstes Erlebnis mit dem Pontiac ist es, wenn mir Leute am Straßenrand zuwinken und den Daumen nach oben strecken", sagt er. Ein Erlebnis nur für minimales Reisetempo.

Minimal sind die Verbesserungswünsche. Hier wurden lediglich die Bremsen umgerüstet, jetzt verfügt das Auto über vier Scheibenbremsen, die den Wagen auch ordentlich verzögern. Damit ist auch der TÜV zufrieden, der sich an einem anderen Manko nicht stört: Das Radio geht nicht. Hans-Peter Kuhnle ist da nicht unglücklich. "Man hört sich sowieso lieber den Klang des V8 an, lässt die Umweltgeräusche zu. Der Oldtimerfreund mit Hang zu amerikanischen Karossen liebt am Pontiac Catalina auch die noch zaghaft angedeuteten Heckflossen, die 1964 längst den Ausschweifungen von 1960 gewichen sind. Und er schätzt die Farbe Türkis, die vor Jahren ein zweites Mal aufgetragen wurde.

Den rostfreien Glanz will sich Hans-Peter Kuhle erhalten. Nur im Sommer und nur bei trockenem Wetter will er ihn aus der Garage holen. Bei kalifornischen Verhältnissen eben.

Der schonende Umgang mit dem Oldtimer hat auch einen anderen Grund. Trotz der Nähe zum Automobil hat sich Hans-Peter Kuhnle nie mit dem Schrauben angefreundet. "Da bin ich auf die Werkstatt angewiesen", sagt er. Vorteil für den, der am Pontiac wirklich Hand anlegen muss: Alle Teile sind extrem gut zugänglich, die Lichtmaschine vor dem Motor so montiert, als wollte man sie täglich wechseln. Unkompliziert eben. Auch das genießt der Oldtimer-Liebhaber.

Ein mächtiger Motor und dennoch Platz zum Schrauben im Pontiac Catalina.
Fünfeinhalb Meter Auto: Der Pontiac Catalina aus dem Jahr 1964 begeistert Hans-Peter Kuhnle.
Gute alte Zeit: Kurbel statt Elektromotor.
Ein bisschen Flosse ist noch da: Baujahr 1964
So ging einst Klimaanlage: Frischluft kommt direkt.

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