Ein Faustschlag ins Gesicht - mit nachhaltiger Wirkung

+
Die Hans-und-Sophie-Scholl-Schule in Ulm. Auf deren Schulhof ist Dieter Lehmann brutal zusammengeschlagen worden.
  • schließen

Dieter Lehmann ist schwer verletzt worden, als er Jugendlichen helfen wollte. Jetzt will sich der frühere Gmünder öffentlich für Zivilcourage einsetzen.

Ulm/Schwäbisch Gmünd

Der andere hat sofort zugeschlagen statt zu antworten. Dieter Lehmann, der 14 Jahre in Gmünd gelebt und gearbeitet hat, war das Opfer: Der 65-Jährige hatte einen Betrunkenen zur Rede gestellt, als der zwei Jugendliche belästigte. Es passierte am helllichten Tag, auf einem Basketballplatz in Ulm, Lehmanns Heimatstadt. Dieter Lehmann hat sich schwere Schädelverletzungen zugezogen durch den Faustschlag ins Gesicht. Zur Zeit erholt er sich davon. Und das will er nicht in Untätigkeit machen: Lehmann, bis 2020 Sozialamtsleiter in Gmünd, plant mit Vorträgen über sein Erlebnis für Zivilcourage zu werben – und wie man sie aktivieren kann.

„Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht“, sagt Lehmann im Rückblick. Er hat, so sieht er es heute, zu spontan reagiert, als er den Randalierer zur Rede stellte. „Man muss Zivilcourage so aktivieren, dass nichts passieren kann.“ Aktivieren heißt für ihn: Wenn möglich nach Helfern schauen, diese „als Unterstützer mobilisieren“ und dazuholen. „Da hätte es welche gegeben in meinem Fall. Und dann hätte der keine Chance gehabt.“

Die richtige Reaktion sehe so aus: „Es muss immer eine Doppelstrategie sein aus a) die Polizei alarmieren und b) Solidarität organisieren.“ Die Kombination aus Fremd- und Selbsthilfe mache es aus. Die Einschränkung nimmt Lehmann selbst vor: „Man darf nicht zu euphorisch sein, und ich will niemand zum Harakiri motivieren.“ In Eins-gegen-eins-Situationen dürfe und solle jeder auf seine eigene Sicherheit bedacht sein.

Der Unfall ist inzwischen acht Wochen her, aber Dieter Lehmann leidet immer noch an den Folgen. Nach dem Faustschlag war er mit dem Hinterkopf auf den Steinboden geknallt und hat sich schwere Schädelverletzungen zugezogen. „Man sich das vorstellen wie eine Kaffeekanne, die auf den Boden fällt: Im schlimmsten Fall zerbricht sie - oder sie bekommt Risse.“ Am Anfang hätten die Ärzte im Krankenhaus ersteres bei ihm befürchtet, erzählt Lehmann, aber dann sah es doch besser aus, und eine Heilung ohne Operation schien möglich. Die Erholung von einer solchen Schädelverletzung dauert sehr lange, hat Lehmann gelernt. Er muss immer noch starke Medikamente nehmen, um die Heilung zu stabilisieren, er wird schnell müde, er darf sicherheitshalber noch nicht Auto fahren.

Untätig ist er aber nicht geblieben: Dieter Lehmann geht mit seinem Erlebnis um, wie er es in seinem Beruf immer wieder praktiziert hat: Er kümmert sich um das Problem. So wie er in Gmünd die Quartiersarbeit aufgebaut hat, für die er inzwischen landesweit als Experte gilt.

Lehmann hat nach seinem „Unfall“, wie er den Niederschlag auch nennt, den Beweis erfahren, dass man nicht bei Null anfangen muss im Werben um Zivilcourage. „Zwei junge Männer haben nach meinem Niederschlag den Täter auf den Boden gepresst bis die Polizei kam“, erzählt er. Und ein anderer hat, nachdem er schon mit dem Rettungswagen zum Krankenhaus unterwegs war, auf andere Art geholfen: „Er hat meinen Enkel, mit dem ich unterwegs war, unseren Pflegehund, mein Handy sehr fürsorglich zu meiner Frau gebracht und ihr berichtet, was mit mir passiert ist.“ Das mache ihm Hoffnung. „Es gibt da was, das man hoffentlich in den Menschen, auch und besonders den Jungen, verstärken kann.“

Lehmann will seine Geschichte erzählen, um die Menschen für mehr Zivilcourage zu gewinnen - in einer Reihe von Vorträgen. Der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch habe Unterstützung zugesagt, Lehmann will mit Polizei, Staatsanwaltschaft und einem Theater kooperieren. Und er sucht weitere Leidensgenossen, weil er findet, dass eigene Erlebnisse am besten geeignet sind, um von dem Problem zu erzählen. „Der Ausgangspunkt der Reihe sollen Menschen sein, die so etwas wie ich erlebt haben.“

  • Eingreifen oder wegbleiben? Das rät die Polizei
  • Kein Patentrezept: Was tun, wenn man sieht, wie jemand andere belästigt? Einen generellen Rat könne und wolle er nicht geben, sagt Holger Bienert, Polizeisprecher aus Aalen. „Es gibt keine Patentrezepte, jeder muss das im Einzelfall für sich bewerten.“
  • Was wichtig ist: Polizeisprecher Holger Bienert gibt Dieter Lehmann recht: Erstens solle man die Polizei alarmieren, zweitens andere Passanten ansprechen: „Gemeinsam kann man mehr erreichen.“
  • Auch wichtig: „Sich einprägen, wie jemand aussieht.“ Um einenpotenziellen Täter später der Polizei gut beschreiben zu können.Und wenn man beschließt, etwas zu tun, eine klare Botschaft sagen:„Den anderen direkt ansprechen und sagen, er soll aufhören.“
  • Keine Waffen: „Wir raten immer ab,sich zu bewaffnen“, sagt Holger Bienert. Nicht einmal mit Pfefferspray, betont der Polizist. Denn: „Im Ernstfall ist man nicht geübt beim Einsatz. Und im schlimmsten Fall nimmt es einem einTäter ab und setzt es gegen einen ein.“ Wer sich bewaffne, erhöhe die Gefahr, „dass es eskaliert“. Bienert: „Ich möchte nicht,dass wir uns als Gesellschaft weiter bewaffnen.“
Dieter Lehmann

Zurück zur Übersicht: Schwäbisch Gmünd

WEITERE ARTIKEL

Kommentare