Ein „Giftcocktail“ für die Immobilienwirtschaft

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Diskutierten über die Hürden in der Bauwirtschaft (v.l.): Dr. Inge Gräßle, Celestino Piazza, Uwe Müller und Dieter Popp.
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Mischung aus Zinserhöhung, Subventionsausfall und Teuerung schlägt auf den Preis fürs Wohnen.

Schwäbisch Gmünd. Von einer „Tsunami-Welle, die auf uns zurollt“ spricht Celestino Piazza, Chef der Vereinigten Gmünder Wohnungsbaugesellschaft (VGW) und Uwe Müller vom gleichnamigen Immobilienunternehmen nimmt für die aktuelle Entwicklung auf dem Bausektor das Wort „Giftcocktail“ in den Mund. Sie reden mit der Gmünder CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Inge Gräßle über die Folgen der aktuellen Entwicklung für Häuslebauer und Mieter. Mit in der Runde ist Dieter Popp, stellvertretender Leiter des Amts für Stadtentwicklung. Sie alle lassen keinen guten Faden an den jüngsten Entscheidungen der Regierung. Zwei Punkte nimmt Inge Gräßle am Ende nach Berlin mit: Es geht um den Verlust der Verlässlichkeit und die künftigen Energiestandards, die auf den Prüfstand müssten. Einhellige Meinung: sie dienen nicht der Klimaverbesserung, weil sie aus Kostengründen für immer weniger Menschen umsetzbar sind.

Für Inge Gräßle ist es ein fatales Zeichen, wenn junge Leute nicht mehr bauen können, denn „das ist wichtig für ihre Lebensperspektive“. Dagegen arbeiten die Fakten wie  der verdreifachte Hypothekenzins, die höheren Baupreise, die Gesetzgebung rund um die Förderung von Energiestandards. Celestino Piazza spricht von 15 Prozent höheren Baukosten seit Jahresbeginn. Er kritisiert vor allem die Habeck-Entscheidungen und um die Förderung von KfW55- und KfW-40 Standards. Weil am Ende die KfW55-Förderung ganz und die  KfW40 zum großen Teil gestrichen wurden, wirble das die Kalkulationen von Bauträgern wie von privaten Wohnungsbauern durcheinander. „Wenn wir das bei kommenden Neubauten realisieren müssen, ergibt sich eine Kaltmiete von 15 Euro, zusammen mit den ebenfalls steigenden Energiekosten koste eine 100-Quadratmeter-Wohnung dann mehr als 2000 Euro im Monat. Hohe Hürden sieht er auch für den Kauf von Eigentumswohnungen: „Da kommen wir auf 6000 Euro je Quadratmeter.“ Und an den Bau eines Einfamilienhauses könnten viele gar nicht mehr denken. 800 000 Euro und mehr seien dafür nötig.

Wohin das führt, sagt Uwe Müller: Statt 378 000 neuer Wohnungen wird es 2022 nur rund 100 000 geben. „Und im Koalitionsvertrag ist von 400 000 neuen Wohnungen im Jahr die Rede“, betont Inge Gräßle. Uwe Müller sieht durch die sinkende Zahl von Neubauten Auswirkungen aufs gesamte Wohnangebot. Denn jede Familie, die baue, mache in der Regel eine Mietwohnung frei. Schon jetzt spürt er Auswirkungen. „Wo sich bisher 50 Interessenten für eine Dreizimmerwohnung gemeldet haben, sind es jetzt schon 80“. Er selbst habe jetzt ein Neubauprojekt mit 38 Mikrowohnungen in der Mozartstraße auf Eis gelegt, weil das unter den neuen Umständen nicht mehr realisierbar sei. Die VGW will begonnene Projekte fortführen, „auch wenn da schon gewaltige Teuerungen auf uns zukommen“. Aktuell entstehen zum Beispiel rund 40 Wohnungen auf dem Hart, 30 in den Käppelesäckern Straßdorf, 35 in der Oberen Halde. Weil der Betrieb mit Erdgas zu teuer kommen werde, will Piazza jetzt auf dem Hardt Erdtanks für Flüssiggas  bauen. Damit könne man günstiger einkaufen und habe eine Versorgungssicherheit. Trotz widriger Umstände werde die VGW aber das Dienstleistungszentrum auf dem Rehnenhof bauen, mit Räumen fürs Bezirksamt, die Kreissparkasse und Arztpraxen.

Noch haben Grundstückskäufer bei der Stadt keine Bauplätze wegen gestiegener Baukosten zurückgegeben. Dieter Popp geht aber davon aus, dass sich dies in den kommenden Jahren ändern wird. „Ab 2023 wird es spannend“, sagt er. Denn  die Plätze sind mit Bauzwang verkauft, innerhalb von zwei Jahren muss also begonnen werden. Bis zu 100 Plätze, die zu Preisen zwischen 180 und 330 Euro verkauft wurden, sind noch nicht bebaut. Einzig am Vogelhof rechnet die Stadt nicht mit Rückgaben. Für die hochpreisigen Plätze – verkauft zwischen 500 und 700 Euro – habe es viele Interessenten gegeben. Was wollen die Immmobilien-Fachleute? „Die Rückkehr zu früheren Förderungen“, sagt Uwe Müller. Also die klassische Eigenheim-Förderung, den Erlass der Grunderwerbssteuer und einfach verlässliche Vorgaben. Jetzt die Altbausanierungen zu Lasten von Neubauten zu fördern, sei kaum sinnvoll. Menschen über 70 könnten in den meisten Fällen die hohen Investitionen gar nicht schultern. „Wenn wir wollen, dass Wohnungen gebaut werden, muss sich die Politik darauf einstellen“, davon ist Dr. Inge Gräßle überzeugt. 

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