Ein neues Haus? - unter 600000 Euro läuft nichts mehr 

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Eine aktuelle Baustelle der VGW im Straßdorfer Gebiet Käppelesäcker. Noch nicht angefangene, aber geplante Projekte werden definitiv teurer, sagt VGW-Chef Celestino Piazza.
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Baupreissteigerungen, Materialengpässe und Probleme mit den Fristen: VGW-Geschäftsführer Celestino Piazza im Interview zur Lage im Bausektor und dem Wohnungsmarkt.  

Schwäbisch Gmünd. Baumaterialien sind knapp, fast alles ist viel teurer als vor Jahren. Was das für die Bauwirtschaft, für Häuslebauer und Mieter bedeutet – davon erzählt Celestino Piazza, der Chef der Vereinigten Gmünder Wohnungsbaugesellschaft (VGW), im Interview.

Herr Piazza, was macht Ihnen im Moment am meisten Sorgen?

Ganz klar die Baupreisentwicklung, und damit die fehlende Verlässlichkeit der Angebote. Viele Firmen versuchen Gleitklauseln zu vereinbaren, als nicht festgesetzte Preise, und dann wird es Harakiri. Dazu kommt, dass man Materialien nicht bekommt, was sich wieder auf die Bauzeit auswirkt. Und ein halbes Jahr Verzögerung, das ist Geld.

Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?

Wir haben das Problem: Wenn man als Bauträger tätig ist, dann haben wir oft einen Notarvertrag mit Festpreis und Einzugstermin. Wenn es sich verzögert, dann kostet es uns doppelt Geld. Wir sind aber bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Das ist aber nur ein Punkt. Es sind drei Probleme zugleich: Baupreissteigerungen, Materialengpässe und Fristen.

Von welchen Steigerungen reden wir bei den Baukosten?

Das sind zwischen 10 und 15 Prozent innerhalb von einem Jahr. Ganz extrem ist es bei der Haustechnik, weil da die Anforderungen, zum Beispiel in Sachen Nachhaltigkeit, immer höher werden.

Zum Beispiel? Meinen Sie die Solarpflicht?

Das ist ein Beispiel. Schon richtig, so eine Anlage amortisiert sich nach sieben, acht, neun Jahren. Aber sie brauchen erst einmal 25000 Euro Kapital, und wer die nicht hat, dem nützt die Amortisation auch nichts. So läuft die Entwicklung auch der Idee zuwider, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das gilt natürlich gleichermaßen für Mieter.

Ist eine Trendwende beim Preisanstieg in Sicht? Immerhin sind die Holzpreise zuletzt gesunken.

Holz ist trotzdem noch teuer. Wir hatten auch Bauten aus Vollholz geplant, haben die Pläne aber wieder eingestampft, weil wir als VGW ja auch sozialen Wohnungsbau beitreiben und auf die Kosten für die Mieter schauen müssen. Und bei den Lieferanten, auch in der Industrie, herrscht teilweise Goldgräberstimmung. Wie soll ein Handwerker, wie sollen wir Angebote kalkulieren, wenn man die Holzpreise, wie es teilweise der Fall war, einen Tag vor Lieferung mitgeteilt bekommt?

Also doch keine Trendwende.

Noch nicht, aber die wird zwangsweise kommen. Die Bautätigkeit wird abnehmen, da bin ich mir sicher. Weil es sich weniger Leute leisten können: Wir haben Grundstücke in Deinbach, in Bargau, da müssen wir für Reihen- und Doppelhäuser fast mit 100000 Euro mehr kalkulieren als bei Häusern, die derzeit schon im Bau sind. Wenn sich außerdem die Zinsen nun verdreifachen, denke ich, wird der Neubau einbrechen. Auch wir werden jedes Projekt auf den Prüfstand stellen und etwas runterfahren müssen, aus kaufmännischer Vorsicht. Nur bei energiesparenden Modernisierungsplänen – Heizungen, Dächer - für unsere Bestandsbauten werden wir nichts aufschieben.

Kann man eine Summe nennen, wo Sie sagen: Darunter braucht eine Familie gar nicht über ein Eigenheim nachdenken?

Wenn man sich mit einer Doppelhaushälfte oder einem Reihenhaus anfreunden kann, dann ist auf jeden Fall ein Sechser vorne dran, also ab 600000 Euro. Und wer ein freistehendes Einfamilienhaus möchte, der ist mit 800000 bis einer Million Euro dabei, inklusive Bauplatz. Bei Eigentumswohnungen wird man sich an 5000 Euro je Quadratmeter gewöhnen müssen, also reden wir bei einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung mit 60 Quadratmetern von 300000 Euro – plus Steuern, Notarkosten, dazu kommt dann noch die erhöhte Zinslast. Es gibt immer noch Leute, die das Geld haben und das sicher anlegen wollen. Aber von den jungen Familien bekommen das die wenigsten hin, da braucht man schon solvente Omas und Opas.

Es wird also, realistisch betrachtet, in den kommenden Jahren mehr Menschen geben, die sich etwas Eigenes nicht mehr leisten können – und es vor fünf Jahren vielleicht noch gekonnt hätten?

Eindeutig ja.

Zumal Energie auch massiv teurer ist. Kann man denn noch guten Gewissens Gasheizungen einbauen in Häuser?

Das ist natürlich eine Kernfrage im Moment. Klar versucht man Gas zu vermeiden. Aber wer keinen Platz hat für Pellets oder im Altbestand, wo Wärmepumpen wegen der notwendigen Temperatur der Heizkörper nicht funktionieren – in diesen Fällen muss man wohl mit Hybridlösungen arbeiten und die Spitzenlasten mit Gas abdecken. Das sind komplizierte Entscheidungen.

Was halten Sie denn vom Vorschlag der Linken-Fraktion im Gemeinderat: dass man in Gmünd Balkonkraftwerke für Mieter fördert?

Das ist im Grundsatz eine gute Idee, wir werden das prüfen. Man muss es wohl im Einzelfall betrachten, denn das ist von der Gebäudesubstanz nicht überall möglich, etwa bei alten Elektroleitungen, da sind Überlastungen möglich. Wir setzen aber jetzt schon stark auf so genannte Mietstrommodelle, dass also die Photovoltaikanlage auf dem Dach für alle da ist, um die Mieter zu entlasten. Das machen wir schon jetzt sehr häufig, auf bislang rund 11500 Quadratmetern PV-Flächen.

Celestino Piazza.

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