„Gottes Geist bricht aggressives Nebeneinander auf“

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Petrus meinte es gut mit den Gläubigen und Dekanin Ursula Richter an der Spitze, die vor der Augustinuskirche ihren Pfingstgottesdienst feierten.
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Pfingsten Dekanin Ursula Richter analysiert in ihrer Predigt wie Corona die Menschheit zum Nachdenken bewegt.

Schwäbisch Gmünd. Den Gläubigen diesmal an Pfingsten viel Flexibilität abverlangt. Denn zunächst traf man sich im Außenbereich der Augustinuskirche bei Sonnenschein zum Festgottesdienst. Und mitten in der Predigt, die via Live-Stream auch in die Wohnzimmer gesendet wurde, musste wetterbedingt ins Gotteshaus umgezogen werden. „Hier machen wir einen Cut“, forderte Dekanin Ursula Richter mit Blick gen Himmel.

Eiligst wurden die Gesangbücher und die technische Ausstattung für die Live-Übertragung eingepackt – und wenig später in der Kirche wieder platziert. Kirchengemeinderätin Martina Häusler, die für die Übertragung sorgte, hatte flugs zusammen mit dem persönlichen Referenten der Dekanin, Pfarrer Reiner Kaupp, sowie dem Prädikanten in Ausbildung, Alexander Relea-Lindner und Mesner Nic Limbourg, alles Nötige veranlasst, dass nach einer kurzen Unterbrechung der Gottesdienst im Inneren der Augustinuskirche wieder aufgenommen werden konnte. Die Besucher hatten dort ebenfalls ihre Plätze eingenommen.

Im Chorraum fand sich das Flötenquartett rund um Ursula May wieder. Mit von der Partie Petra Proske sowie das Ehepaar Doris und Wolfgang Müller. Einzig Bezirkskantor Thomas Brückmann, der von Anfang an der Orgel saß, und dessen Klänge in den Innenhof mittels Lautsprecher gesandt worden waren, konnte gelassen sitzen bleiben.

Doch zum Inhalt: Die Dekanin sprach in ihrer Predigt von der guten Kraft des Heiligen Geistes: „Mit uns will eine gute Kraft sein, die von Gott kommt.“ Und rief die Gläubigen dazu auf, „nicht unterwegs die Menschlichkeit zu verlieren“, vor allem wenn es eines langen Atems bedürfe. Wie etwa bei Corona.

Prädikant zur Ausbildung, Alexander Relea-Lindner, ging in der Schriftlesung auf den Turmbau zu Babel ein. Wo es das große Ziel war, einen Turm zu bauen, der so hoch ist, dass er bis in den Himmel reicht. Damals von einem Volk in einer Sprache. Doch Gott habe dem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, verwirrte die Sprache der Menschen und Zerstreute sie in alle Himmelsrichtungen.

Auf die Schriftlesung bezogen, verdeutlichte Ursula Richter, dass der Turmbau zu Babel zeige, dass Einheit kein Garant für Gutes ist. Es komme darauf an, wie der Geist ticke. Die Dekanin nannte auch Beispiele ganzer Nationen, die sich über andere erhaben fühlten. Und benannte Schlagworte wie „America first“, erinnerte an „Kommandosprache“. Etwa während des Zweiten Weltkriegs, als menschenverachtende Wortkreationen genutzt wurden wie „lebensunwert“. Es gehe um die Ideologie der Seele, „denn Worte schaffen Wirklichkeit“, mahnte sie ihre Zuhörer, eines guten Geistes zu sein. Worte verrieten etwas über des Geistes Kind, den Menschen.

Technische Entwicklungen und Digitalisierung hätten mittlerweile Worte wie „Gott“ oder „Schicksal“ ersetzt. Große Fähigkeiten würden dazu genutzt, hohe Türme zu bauen, die alles kontrollierten. Aber Gott verpasse den Menschen eine Bremse, bewahre sie vor maßloser Macht und Geltungsstreben. Jetzt, in der Pandemie, und damals beim Turmbau zu Babel. „Gott schützt die Menschheit vor sich selbst.“ Es sei ein Akt der Fürsorge, wenn ein gigantisches Einheitsprojekt scheitere. „Gott greift ein und setzt Grenzen. Er bewahrt vor Größenwahn.“

Richter hakte nach, ob das Coronavirus nicht ähnliche Folgen habe wie der Turmbau. Denn der Planet atme auf und die Menschheit denke nach. „Werden Grenzen gesetzt, um uns vor uns selbst zu bewahren?“, fragte sie. Denn das Ergebnis sei „die „Sehnsucht nach Verstehen und Nähe“. Es gehe nicht um ein Einheitsdiktat, schließlich habe die Schöpfung Diversität. „Jeder hat seine Sprache, und die soll nicht zur Spaltung führen.“ Gottes Geist beziehe alle ein. „Das Pfingstfest kommt wie gerufen, denn Gottes Geist bricht aggressives Nebeneinander auf.“ Anja Jantschik

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