Ein langes Leben mit vielen Reisen

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Anna Schäfer, Kleindeinbach, 100. Geburtstag am 10.2.
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Mit ihrem 100. Geburtstag an diesem Donnerstag geht für Anna Schäfer ein großer Wunsch in Erfüllung. Die einstige Grundschullehrerin hat in ihrer Freizeit die ganze Welt bereist.

Schwäbisch Gmünd-Großdeinbach

Sie ist oft müde und schläft gerne etwas länger. Mit ihren 100 Jahren steht dies Anna Schäfer aus Großdeinbach auch zu. Aber wenn sie wach ist, blitzt ihr Verstand und ihr Gesicht zeigt ein freundliches Lächeln. Seit vergangenem August lebt Anna Schäfer im Großdeinbacher Seniorenzentrum Haus Deinbach. Mit nahezu buddhistischer Gelassenheit gibt sie kund: „Ich bin zufrieden.“

Anna Schäfers Leben verlief fast nie in gewöhnlicher Bahn. Schon bei ihrer Geburt zeigte sie ihren Kampfwillen und die Stärke, die sie später zu der Frau machen sollte, die sie heute ist. Als Frühchen kam Anna Schäfer am 10. Februar 1922 in Düsseldorf mit ihrem Zwillingsbruder Ernst zur Welt. Eine weich ausgepolsterte Kiste, die vor den Ofen geschoben wurde, diente als Brutkastenersatz. Die vom Vater in der Sorge um das Leben der Zwillinge beauftragte Nottaufe erwies sich im Nachhinein als unbegründet.

Alles, was Anna Schäfer in ihrem Leben anpackte, meisterte sie mit Energie, Mut und Innovation. Als alleinerziehende Mutter war sie auf sich gestellt. Als „selfmade woman“ („selbstständige Frau“) bezeichnet die Tochter Barbara Esser ihre Mutter. Arbeiten gehen und Geld verdienen: So lautete damals die Devise für die junge Anna, die doch so leidenschaftlich gerne Lehrerin geworden wäre. Als in den 1960er-Jahren der damalige nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat Quereinsteigern auf dem zweiten Bildungsweg die Möglichkeit gab, den Lehrerberuf zu ergreifen, nutzte Anna Schäfer sofort diese Chance. „Ich war ein Mikätzchen“, schmunzelt sie. So wurden damals die auf diese Art ausgebildeten Lehrkräfte genannt. Während Anna mit knapp 50 Jahren ihr Staatsexamen ablegte, war Tochter Barbara gerade dabei, ihr Abitur zu schreiben. Als Grundschullehrerin mit Leib und Seele vermittelte Anna Schäfer den Kindern in nahezu allen Fächern ihr Wissen. Rückblickend spricht sie von der „schönsten Zeit ihres Lebens“. Kunstverliebt und begeisterungsfähig brachte sie schon damals mit innovativen Ideen frischen Wind in die leicht angestaubten Klassenräume und Lehrpläne. Um Kunst erlebbar zu machen, standen bereits für die Erstklässler Besuche im Düsseldorfer Museum in Anna Schäfers Klassenbuch. Der Beruf der Pädagogin ermöglichte es ihr, dank der vielen Ferien, weitere Träume zu erfüllen. Ihr Fernweh und ihre Reiselust schickten die heute 100-Jährige um den kompletten Globus. Immer neugierig und weltoffen bereiste sie Länder wie Indien, China, Afrika, Syrien oder den Jemen. Dabei lernte sie immer wieder etwas Neues über das jeweilige Land, die Leute, deren Kunst und Kultur. Verständigungsschwierigkeiten habe sie nie gehabt. Gestik und Mimik hätten sie immer ans Ziel geführt. „Man kann sich über das Herz mit fremden Menschen unterhalten.“

Mit 86 zur Familie gezogen

In Düsseldorf besaß sie einen großen Garten, den sie mit Hingabe hegte und pflegte. Auch die Kunst des Alleinseins beherrscht die Seniorin vorzüglich. Hier kommt wieder ihre Liebe zum Buddhismus durch: „Ich bin mit allem eins.“ Ihren Wunsch nach vielen Kindern erfüllte sich die Pädagogin in der Schule. Bis zu ihrem 86. Lebensjahr lebte Anna Schäfer in Düsseldorf. Ein schwerer Sturz veranlasste die Familie, sie nach Kleindeinbach zu holen. Obwohl das Schwäbische für sie zuerst wie eine Fremdsprache klang, wurzelte sie in ihrer neuen Heimat gut an. Hier sei sie umgeben von allen ihren Lieben. Ein weiterer Sturz hatte zur Folge, dass sie mit 95 Jahren ein neues Hüftgelenk erhielt. Einen kleinen Schlaganfall überwand die Frau mit Mut, Energie und Willen. An diesem Donnerstag erfüllt sich Anna Schäfers Wunsch, 100 Jahre alt zu werden. Müde sei sie, aber nicht des Lebens überdrüssig. Sie liebt die wärmenden Sonnenstrahlen und taucht gerne ab in ihre Erinnerungen. Auf liebevolle und freundliche Art versteht sie es heute noch, ihre Wünsche zu äußern und durchzusetzen.

Man kann sich über das Herz mit fremden Menschen unterhalten.“

Anna Schäfer, Jubilarin

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