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Häftling in Handschellen auf der Flucht

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Die ersten Fahrzeuge der Polizei hielten auf dem Parkplatz des Stadtgartens, wo die Beamten nach dem Geflüchteten suchten. Foto: GT-Archiv
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Nach einem Ausbruch in Gmünd wird die Polizei im ganzen Remstal in Alarmbereitschaft versetzt.

Schwäbisch Gmünd

Zahlreiche Uniformierte durchkämmen weite Teile der Innenstadt, sind  auch in den umliegenden Orten  präsent, selbst die Ordnungskräfte in den Nachbar-Landkreisern  sind  alarmiert.  Im Stadtgarten,  auf dem damals noch  neben der Stadthalle in großer Parkplatz war,  sammeln sich Einsatzwagen. An jenem Tag im Januar 1973 herrscht Ausnahmezustand in Schwäbisch Gmünd. Der Grund: Ein Häftling  ist auf der Flucht. 

Der 23-Jährige   war  zu einer Vorführung bei einem Vertreter der Staatsanwaltschaft ans Gmünder Amtsgericht gebracht worden und sollte nach diesem Termin mit einem VW-Bus wieder in  Haft gebracht werden.  Auf dem Weg zurück zum Fahrzeug geschieht es: Durch einen großen  Satz und einen anschließenden Spurt in Richtung Stadtgarten setzt er sich  ab - trotz Handschellen.  Der Beamte, der ihn begleiten soll und sofort hinterherrennt, sieht ihn das letzte Mal   beim Eingang der Gehörlosenschule St. Josef.  Zeugen berichten anschließend, dass sie einen Mann, auf den die Beschreibung des Flüchtlings passt, im Stadtgarten und in einer zuführenden Straße gesehen haben -  dann  ist der Häftling verschwunden. 

Es  ist nicht die erste Flucht  des Mannes  vor der Justiz: Von Gmünd aus sollte  er  nach Ellwangen gebracht werden, wo er und drei weitere Angeklagte sich unter anderem wegen Gefangenenmeuterei  vor Gericht verantworten sollten. Der Vorwurf der Anklage:  Das Quartett soll im Gefängnis des Ellwanger Landgerichts eine Meuterei inszeniert haben.  Dabei seien  sie sehr brutal gegen Wärter und nach ihren Ausbruch auch gegen Passanten vorgegangen.  Erst Tage später wurden die vier in Belgien wieder festgenommen.   Der 23-Jährige  kam danach in die Haftanstalt Stammheim und war erst  wenige Tage vor  dem erneuten Ausbruch  wieder nach Gmünd verlegt worden.  Dort, so berichtete die Justiz, versuchte er erneut auszubrechen: Er sei erwischt worden, als er mit dem Brotmesser das Gitter seiner Zelle durchzusägen versuchte.  Ursprünglich  sollte er eine siebenjährige Haftstrafe absitzen, weil er  einer Körperverletzung mit Todesfolge in Aalen für schuldig befunden worden war.  Das Gericht war davon überzeugt, dass er einen 37-Jährigen  so brutal zusammengeschlagen hat, dass  dieser an den Folgen seiner Verletzungen starb. 

Nun  ist  dieser Mann wieder in Freiheit.  Die Polizei sucht mit einem Spürhund sofort das Stadtgartengebäude  nach ihm ab und kontrolliert parkende Autos in der Umgebung.  Die Ufer der Rems werden durchkämmt, mit Spürhunden geht es auch in nahegelegene Waldstücke.   Die Ausfallstraßen werden kontrolliert.  Bald schon  wird  im ganzen Remstal nach dem Geflüchteten gefahndet - vor allem im Raum Böbingen, wo seine  Ex-Frau lebte. Wie die Tagespost damals erfuhr,  war die Konzentration auf Böbingen durchaus folgerichtig:  Der Geflüchtete soll seine ehemalige Ehefrau vor deren Haus abgepasst und ihr gedroht haben, sie und ihren Vater umzubringen. Der Vater hatte  im Aalener Fall, in dem der 23-Jährige schuldig gesprochen worden war, den entscheidenden Hinweis gegeben. Offenbar  schlägt  der Flüchtling  vom Haus seiner Ex-Frau aus   den Weg Richtung Mögglingen ein. Denn  mit  Einbruch der Dunkelheit  kann die Polizei ihn  zwischen Mögglingen und Heubach fassen. 

Einiges am Ablauf dieser Flucht beruht auf Vermutungen: Nicht ausschließen wollte die Polizei, dass er einen Fluchthelfer hatte. Ob er die Strecke von Gmünd bis Böbingen und später Mögglingen zu Fuß bewältigte oder den Zug benutzte, blieb ebenso offen. Letztlich kann die Polizei auch nur vermuten, dass er von Mögglingen aus Richtung Heidenheim wollte. Denn dort lebte ebenfalls ein Verwandter von ihm. 

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