Hilfe von Menschen, die sich mit Krisen auskennen

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Weniger Kontakte, viel zu tun (v.l.): Britta Wertner-Penteker und Carola Hauck vom Kreisdiakonieverband und Angelika Grimmbacher von der Jugendmigrationsberatung.
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Wie soll Integration vorankommen ohne Kontakte? Der Corona-Stillstand trifft Menschen besonders, die noch nicht lange in Deutschland sind.

Schwäbisch Gmünd

Seit zwei Jahren hat der Mann seine Familie nicht mehr gesehen. Damals ist der Lehrer aus der Türkei geflüchtet, aus Angst vor den Repressalien der Regierung. Inzwischen hat er Bleiberecht in Deutschland, aber immer noch lebt der Mann ohne Frau und Tochter Gmünd. „Das ist oft so, dass nur einer kommt, weil das Geld nicht reicht“, erzählt Carola Hauck von der Migrationsberatung. „Die beiden sitzen immer noch in einem anderen EU-Land fest fest.“ Corona hat den Familiennachzug gestoppt, weil etwa Botschaften geschlossen haben. Es ist nur eines der Probleme, das die Menschen haben, die in Gmünd zur Migrationsberatung kommen.

Der Stillstand in der Pandemie wirkt sich für viele gravierender aus als bei der Mehrheit der Gmünder. Lockdown ist das Gegenteil dessen, was diese Menschen brauchen: „Eigentlich ist Integration ja, sich irgendwo eingliedern“, sagt Britta Wertner-Penteker. Jetzt ist vieles weg, was es sonst in den Räumen der Migrationsberatung gibt: Chor, internationale Sprachgruppe, Kommunikationsangebote. „Vor Corona haben sich hier 20 Frauen getroffen“, erzählt sie. Die Beratung an sich war aber nie unterbrochen: „Die Türen schließen geht nicht, es braucht persönliche Hilfe“, sagt Britta Wertner-Penteker.

Sie und Carola Hauck kümmern sich im Stadtteilzentrum Ost um erwachsene Migranten mit Bleiberecht, Angelika Grimmbacher ist für Jugendliche und junge Erwachsene da. Ihre Klientel hat es so getroffen wie alle Schüler, nur dass junge Migranten das Lernen noch mehr brauchen als der Rest. Die Bildungsförderung funktioniert nicht, die Kinder kommen nicht voran: „Es gibt Probleme mit dem Homeschooling, Mütter, die verzweifelt sind, weil sie nicht helfen können, fehlende Technik, enge Wohnungen“, so Grimmbacher. Zudem seien Betriebe bei der Ausbildung zurückhaltend. „Die jungen Menschen verlieren mindestens ein Jahr, vielleicht sogar mehr. Es wird ein großes Thema, das nachzuholen“.

Es gibt die großen Fragen bei der Migrationsberatung, aber auch viele kleine Probleme. Formulare zum Beispiel. „Es kann sein, dass jemand wegen Kurzarbeit weniger verdient, dann geht es los“, erzählt Carola Hauck. Es, das ist der sprichwörtlich gewordene Papierkrieg. Mit Ämtern, die Unterstützung finanzieren. Allein fühlen sich Migranten da oft überfordert, sie bitten um Hilfe, die viel Zeit kostet. „Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Zeit in sinnvollere Bereiche investieren können“, sagt Hauck. Wohltuend, dass es auch Positives gab, trotz Corona: Zum Beispiel eine 20-Jährige, die im letzten Jahr unbedingt ihren Schulabschluss machen wollte. Also hat Angelika Grimminger ihr einen Nachhilfelehrer organisiert: „Dann haben sich die beiden zum Lernen auf einer Parkbank getroffen.“ Sie habe aber auch viel zurückbekommen, erzählt Grimmbacher: „Ich habe viel Solidarität erlebt, viele waren mir gegenüber sehr hilfsbereit.“ Vielleicht, weil sich Migranten mit Krisen auskennen: „Viele Geflüchtete kennen es besser, wie es ist, wenn plötzlich alles unsicher ist.“ Und sie bewundere, dass sie „trotzdem den Mut haben, vorwärts zu gehen.“

Rund 800 Gespräche mit mehr als 300 betreuten Menschen haben Carola Hauck und Britta Wertner-Penteker vom Kreisdiakonieverband im vergangenen Jahr geführt. Die Jugendmigrationsberatung, in der Angelika Grimmbacher (Jugendmigrationsdienste IN VIA) arbeitet, hat in Gmünd und Aalen zusammen rund 120 Klienten, 70 Prozent davon sind geflüchtet.

Sie haben den Mut, vorwärts zu gehen.“

Angelika Grimmbacher, Migrationsberatung

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