Kommentar: Michael Länge zu den Montag-Demos

Liebe „Spaziergänger“

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Michael Länge
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Michael Länge zu den Montag-Demos.

Seit Wochen begleite ich Sie bei Ihren „Spaziergängen“. Besser: Versammlungen. Ich behaupte: Wie Sie leiden die meisten Menschen in diesem Land unter den Corona-Maßnahmen. Haben genug. Wünschen sich ihren Alltag vor 2020 zurück. Menschen gehen damit unterschiedlich um. Manche beißen die Zähne zusammen. Andere ziehen sich in sich selbst zurück. Wieder andere, Demokratiefeinde, versuchen, Verunsicherte für niedrige Zwecke zu instrumentalisieren. Einige von all diesen finden ihr Ventil in „Spaziergängen“, die keine sind. Mich nerven dabei zwei Dinge: der wiederkehrende Vorwurf, wir lebten in einer Corona-Diktatur. Und die Verwendung der Parole von 1989, „Wir sind das Volk“. 

Ich bin 1959 auf der Schwäbischen Alb geboren, in Gomadingen. Nahe Grafeneck. Auf Schloss Grafeneck haben die Nazi-Diktatoren im Jahr 1940 10654 Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung ermordet und verbrannt. Warum erzähle ich das? Heute, in der Corona-Pandemie, erlässt die Regierung Corona-Auflagen. Sie tut dies zum Schutz der Schwachen. Der Senioren. Der Menschen mit Behinderung. Sie tut das Gegenteil dessen, was Diktatoren in den 30er- und 40er-Jahren getan haben.

Kurz nach der Wende habe ich in Thüringen gearbeitet. Fünf Jahre lang. Ich hatte bislang das Glück, in einer freien Gesellschaft leben zu dürfen. Meine Ziele verfolgen zu dürfen. Warum erzähle ich das? Ich habe in meinen Jahren im Osten nach der Wende Menschen getroffen, die in der DDR ihre Lebensziele verfolgen wollten. Aber nicht durften, weil diese Ziele nicht ins Bild der DDR-Machthaber passten. Die Menschen wurden gebrochen. Von einer Diktatur. Nicht von einem Virus. Die Stasi-Gefängnisse, in die viele dieser Menschen gesperrt wurden, auch solche, die auf die Straße gingen und „Wir sind das Volk“ riefen, habe ich nach der Wende kennengelernt. Deshalb kommen mir „Wir sind das Volk“-Rufe von heutigen „Spaziergängern“ wie Hohn vor, wie Spott für diejenigen, die sich vor gut 30 Jahren, um ihr Leben fürchtend, gegen eine echte Diktatur auf die Straße wagten.

Ich möchte Ängste von Menschen in dieser Corona-Pandemie ernst nehmen. Echte Ängste! Deshalb bitte ich Sie, sollten Sie sich an diesem Montag wieder zum „Spaziergang“ versammeln, einmal nachzudenken. Was eine Diktatur ist. Und ob Sie wirklich das Volk sind. 

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