Mehr als Jahrhundert-Regen

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Die Karte zeigt die Lage der Unwetterzelle über dem Gmünder Raum zwischen 20 und 21 Uhr. Der blaue Fleck über dem Wort Böbingen markiert Niederschlag von gut 100 Litern je Quadratmeter. Grafik: Deutscher Wetterdienst
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Der Deutsche Wetterdienst hat das Unwetter, das am Mittwochabend über Gmünd zog, genau analysiert.

Schwäbisch Gmünd

Der Dauerregen am Mittwochabend über dem Gmünder Raum war nicht einfach ein sehr starkes Sommergewitter. Er lag von der Stärke noch weit über der Kategorie von Unwettern, die statistisch gesehen nur einmal in 100 Jahren niedergehen. Das sagt Uli Kümmerle vom Deutschen Wetterdienst, der die Unwetterzelle auf Anfrage der Gmünder Tagespost genauer analysierte.

„Absolut extrem“

„Das war absolut ein Extremereignis“, sagt der Experte über die Zelle, die aus Richtung Reutlingen heranzog und über den Aasrücken dann das Remstal erreichte. Kümmerle ordnet das Unwetter ein: einmal pro Jahr gebe es statistisch gesehen einen Niederschlag, bei dem 16 Liter Wasser auf jeden Quadratmeter niedergehen. Ein Unwetter, das statistisch gesehen einmal in hundert Jahren vorkommt, bringe in dieser Gegen 48,4 Liter Regen auf den Quadratmeter. Das Unwetter am Mittwochabend aber lag in einer anderen Kategorie: Laut den Radarmessungen ging in der Gmünder Innenstadt noch „etwas weniger Wasser nieder“: 50 bis 85 Liter je Quadratmeter. Östlich der Innenstadt jedoch zeigt die Karte des Wetterdienstes für die Zeit zwischen 20 und 21 Uhr, den Höhepunkt des Unwetters, an einer Stelle Niederschlagsmengen von gut 100 Litern auf jeden Quadratmeter. Das sei, sagt Kümmerle „deutlich jenseits des 100-jährigen Unwetters“.

Es hätte noch viel mehr passieren können.“

Uli Kümmerle,, Meteorologe

Mehrere Gründe

Gibt es Gründe für einen so schweren Niederschlag? Da nennt der Meteorologe gleich mehrere. Zum einen sei die Wetterzelle langsam gezogen - ein Phänomen, das im Zuge der Klimaerwärmung immer häufiger beobachtet wird. Zum anderen sei die Luft derzeit mit sehr viel Feuchtigkeit beladen. Die Sonne bringe dieses Gemisch zum Brodeln. Und da diese Sonne ganz kurz nach der Sommersonnwende extrem lange drauf scheine, sei diese Erhitzung entsprechend stark gewesen. Kümmerle vergleicht das mit einem Topf Nudeln auf dem Herd. Derzeit heize der Herd das Nudelwasser mit der Stufe 10 an - und es kocht über. Im Herbst wäre der Einfluss der Sonne vielleicht noch mit der Stufe 5 des Herds zu vergleichen.

Ob so etwas in den Folgetagen nochmal geschehen kann, kann auch der Wetterkundler nicht sagen. Doch sei ein großer Teil des Wassers aus der Atmosphäre abgeregnet, so dass die Wahrscheinlichkeit nicht mehr so groß ist. Zudem nehme auch die Intensität der Sonneneinstrahlung nun mit jedem Tag ab.

Doch Uli Kümmerle sieht auch positive Seiten des Unwetters: „Es hätte noch viel mehr passieren können“. Geholfen habe den betroffenen Menschen, dass es auch an den Tagen zuvor schon immer wieder geregnet hat. Dadurch habe der Boden den Niederschlag in viel größerem Maße aufnehmen können, als wenn er knochentrocken gewesen wäre. Hinzu komme, dass diese Unwetterzelle durch ihre Zugrichtung ihre Fracht auf drei verschiedene Flusssysteme verteilt hat: die Fils, die Rems sowie Kocher/Jagst. So seien extreme Pegel-Höchststände ausgeblieben.

Kümmerles DWD-Kollege Andreas Pfaffenzeller kann noch weitere Zahlen nennen, die das Unwetter vom Mittwochabend in Gmünd beschreiben und einstufen:

In der Gesamtstadt lag die Niederschlagsmenge bei 25,4 Litern je Quadratmeter.

In Weiler, wo eine Messstation des Deutschen Wetterdienstes steht, kamen 80 bis 100 Liter auf jeden Quadratmeter Boden herunter.

Im gesamten Raum Gmünd lag die Regenmenge zwischen 40 und 50 Litern je Quadratmeter.

Gegen 23 Uhr zog eine weitere Unwetterzelle über Gmünd, allerdings mit weniger Niederschlag. Dazwischen lag der Niederschlag bei 5 bis 7 Litern.

Durchschnittlich fallen im Juni in Gmünd, wenn man die Daten der Jahre 1961 bis 1990 auswertet, 107,9 Liter.

Das Maximum eines Junis lag bei 258,6 Litern je Quadratmeter. Es fiel 1971.

Im Juni 2021 sind bisher 133,4 Liter je Quadratmeter in Gmünd gefallen.

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