Mit der Datenbrille im Kuhstall

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Beim Morgenkaffee checkt Landwirt Michael Weber schon die Daten seiner Melkroboter - zu Besuch in einem digitalisierten Stall.

Waldstetten. Wenn Michael Weber morgens zum Handy greift, schaut er als erstes, was seine drei Roboter in der Nacht gemacht haben. „Nach drei, vier Minuten weiß ich, ob ich gut gelaunt in den Stall gehen kann“, sagt der Landwirt aus Waldstetten. Denn an den Daten seiner Melkrobotor-App kann Weber ziemlich genau ablesen, ob es all seinen Milchkühen gut geht – oder ob es Probleme gibt.

In der Landwirtschaft auf der Ostalb ist die Digitalisierung längst angekommen. „Die Maschinen sind eigentlich Computer, das ist schon fast alltäglich“, sagt Hubert Kucher, der Kreisvorsitzende des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim. „Es ist nicht aufzuhalten. Und wir Landwirte sind dabei, wir waren schon immer für Technik offen – sonst würden wir noch mit der Hacke draußen stehen“, sagt Kucher.

Die Anwendungsbereiche sind vielfältig: Beim Düngen oder Ernten fahren die Landwirte GPS-gesteuert übers Feld. Das lohne sich bei der Bodenbearbeitung und der Sätechnik, erzählt Kucher. Überschneidungen, die beim Fahren nach Augenmaß kaum zu vermeiden sind, gibt es nicht mehr. Was wirtschaftlich und und umweltschonend zugleich ist, argumentiert Kucher. Wenn der Traktor etwa beim Ausbringen von Pflanzenschutzmittel an eine Stelle komme, wo er schon war, merkt das die Maschine sofort: „Bei Überlappungen machen die Düsen zu.“ Und Kucher fügt hinzu: „Im Grunde könnte man kreuz und quer über den Acker fahren.“

Auch bei Milchbauern wie Michael Weber geht es im Stall digital zu. Die Lüftung etwa kann digital gesteuert werden oder die Melkroboter. Weber hat drei davon im Einsatz. Geld spart er keines im Vergleich zur Kombination Mensch-Melkmaschine, rund 450 000 Euro hat Weber in seine drei Melkoroboter investiert. Aber sie ersetzen Personal, das für diese Arbeit ohnehin nur schwer zu finden ist. Und sie arbeiten Tag und Nacht durch. Auch die Kühe haben etwas davon: Tiere, die viel Milch produzieren, können öfter als die früher üblichen zweimal am Tag zum Melken kommen. Der Landwirt muss nicht dabei sein: „Die lernen das schnell, zur Belohnung gibt es Getreidefutter und ein Leckerli.“ Eben hat die Kuh Nicky beim Melkstand eingeparkt, dank eines Transponders um ihren Hals kennt der Roboter seine Besucherin mit Namen. Das Anlegen des Melkgeschirrs geht problemlos. „Das Gerät kennt die Koordinaten der Zitzen bei jeder Kuh“, erklärt Weber. Nicky gibt 50,5 Liter Milch pro Tag, im Schnitt kommt sie dafür 3,71 Mal täglich zum Melkstand. Steht alles auf der Touchscreen am Maschinengehäuse des Melkroboters. Weil die Milch gleich beim Melken über Sensoren untersucht wird, kann Michael Weber ständig die Milchqualität im Blick behalten. Es wäre noch viel mehr möglich: „Man kann die Aktivität der Kuh aufzeichnen, sogar wie lange sie wiederkäut“, erzählt Weber. Durch die Datenbrille eine Kuh anschauen und dazu ihre aktuellen Daten auf dem Display – auch das gibt's schon. „Das ist dann nur eine Frage des Geldes“, sagt Weber.

Flächendeckend ist die Digitalisierung der Landwirte auf der Ostalb noch nicht. „Wir sind noch am Anfang, weniger als ein Viertel der Landwirte wendet es schon an“, schätzt Hubert Kucher. Michael Weber jedenfalls kann sich seinen Arbeitstag nicht mehr ohne Handy vorstellen. „Es ist mein mobiles Büro“, sagt er. So häufig im Einsatz, dass der Akku nicht reicht bis zum Abend. Webers Ohr sieht aus, als ob er in einem Callcenter arbeiten würde, das Headset ist immer dabei. Und wo bleiben die Vorzüge des Berufs, die Ruhe in der Natur? Die habe man trotzdem noch, sagt Weber. Zumal früher gar nicht alles „gute, alte Zeit“ war. Zum Beispiel bei der Ruhe: „Wenn man früher auf dem Schlepper gehockt ist, haben einem abends die Ohren gepfiffen. Heute gibt es Hightechgeräte, mit denen es einfach Spaß macht zu arbeiten.“ Vor 50, 60 Jahren, davon ist Weber überzeugt, hatte es sein Berufsstand gewiss nicht besser: „Die harte körperliche Arbeit, wie sie die Landwirte früher hatten, hat oft zu gesundheitlichen Problemen im Alter geführt.“ Misstrauen gegen die Technisierung der Landwirtschaft gibt es natürlich: „Oft werden wir damit konfrontiert, dass wir keine Landwirte sind, sondern Unternehmer mit industrieller Herstellung“, so Weber. Aber der Beruf habe sich eben weiterentwickelt. Anders geht es nicht, findet Weber, das sieht er auch an den Lehrlingen, die er ausbildet. „Das sind top Leute, die könnten jeden anderen Beruf machen. Und die leben auch in der digitalen Welt, die wollen nicht mehr mit der Hacke aufs Feld.“ Und trotzdem bleibe es ein naturnaher Beruf: „Ich kann das Landleben, die Heimat schon genießen. Es gibt Bilder, die wir sehen, das sehen Städter nur auf dem Kalenderblatt.“

Keine Handarbeit, nur etwas Kontrolle ist nötig: Landwirt Michael Weber schaut einem seiner Melkroboter bei der Arbeit zu.

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