Passanten hinterlassen ihre Spuren auf Plakaten

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Auf Plakatwänden, hier am Spital, können Bürger antworten. Im Bild mit Ozan Bayıl, Ayse Erzeybek und Isabella Tomasini

Studierende der Hochschule für Gestaltung erforschen die „Repräsentation des Fremden“.

Schwäbisch Gmünd. Sie stehen am Forum Gold und Silber, in der Bocksgasse und an weiteren exponierten Stellen, fordern die Kreativität der Passanten heraus: Plakate mit viel unbedruckter Fläche laden zum Beschriften ein. Die einzige Frage: „Was verbindest Du mit dem Begriff?“. In einem Fall heißt das Stichwort „wild“, im anderen Fall auch „zivilisiert“ oder „exotisch“.

Hinter der Aufforderung, sich hier schriftlich zu verewigen, stehen Ozan Bayıl, Aise Erzeybek und Isabella Tomasini, Studierende im Studiengang Kommunikationsgestaltung der Hochschule für Gestaltung (HfG). Die Aktion in den Straßen der Stadt ist Teil ihrer gemeinsamen Bachelor-Abschlussarbeit zum Thema „Repräsentation des Fremden“.

Nicht alle haben die Plakat-Aufrufe richtig verstanden. Weder Fuchs noch Hase sind mit „wild“ gemeint. Isabella Tomasini: „Wir beschäftigen uns mit der Problemstellung, dass Darstellungen des Fremden koloniale Denkmuster und kognitive Stereotypen reproduzieren. Mit den Plakaten wollten wir ehrliche, unbeschämte Antworten aus den Teilnehmenden herauslocken und diese Problemstellung ‚testen‘, weshalb wir bewusst auf inhaltlichen Kontext verzichtet haben.“ Aise Erzeybek ergänzt: „Ziel des Projektes ist es, koloniale Denkmuster zu hinterfragen und zu reflektieren, so dass diese nicht weiterhin in unserer Sprache, in unserem Fall vor allem in unserer visuellen Sprache, nicht weiter reproduziert werden, da sie diskriminierend und verletzend sein können.“

Über mangelnde Beteiligung müssen sich die drei Studierenden nicht ärgern. „Wir fanden extrem viele Antworten auf den Plakaten“, sagt Ozan Bayıl. Und neue Erkenntnisse: Es gehe um das Wechselverhältnis zwischen zwei Identitäten. „Zur Definition des Eigenen benötigen wir also immer ein Anderes.“ Oft bevorzuge dieses Denken die eigene Seite, so dass „das Andere“ als das Negative erscheint.

Passanten greifen zum Stift

Ein Beispiel hierfür ist das Begriffspaar „wild/zivilisiert“. Assoziationen der kommentierenden Menschen mit dem Begriff „wild“ waren etwa „ungezähmt“, „gefährlich“, „sittenlos“ oder „gewalttätig“, während der Begriff zivilisiert mit Begriffen wie „Fortschritt“, „Höflichkeit“ oder „Tischmanieren“ verknüpft wurde. Ozan Bayıl: „Auf der anderen Seite gibt es auch positiv besetzte Sehnsuchtsbilder, auf die wir unsere unerfüllten Wünsche projizieren. Diese testeten wir mit Plakaten zum Begriff 'exotisch', auf welchem sich Antworten wie 'Bauchtanz', 'Sex mit Latinas' oder 'Cocktails am Strand' sammelten.“

Die „Repräsentation des Fremden“ soll beleuchten, wie andere Menschen dargestellt werden, wie damit in der Gesellschaft sprachlich umgegangen wird, meint Professor Marc Guntow, der die Studierenden betreut. „Eigentlich ermuntern wir Studierende, in solchen Fällen Interviews in der Öffentlichkeit zu führen“, sagt er. In Corona-Zeiten geht man andere Wege der Beteiligung. Plakate mit der Aufforderung, sich zu äußern, sind die Alternative. Das Thema soll den Stand der Gesellschaft beschreiben. Wie das Fremde in der Werbung auftaucht, wie „exotische“ Menschen dargestellt werden, wie das Thema im Sprachgebrauch verortet ist.

Was das „user testing“ ans Tageslicht gebracht hat, welche weitere Erkenntnisse zum Thema „Fremde“ zusammengekommen sind, das findet sich in einer Dokumentation zur Bachelor-Arbeit wieder. Wo in der Gesellschaft koloniale Denkmuster auftauchen, wie die Menschen damit umgehen und welche Möglichkeiten es gibt, am Thema zu arbeiten, das könnte nach Ansicht von Ozan Bayıl, Aise Erzeybek und Isabella Tomasini durchaus in einer öffentlichen Präsentation aufgerollt werden. Ob das jetzt physisch möglich wird oder wegen der Corona-Vorschriften virtuell ablaufen muss, bleibt erst einmal offen.

Gut für den Schulunterricht

Professor Marc Guntow hätte die Ergebnisse gerne in der Semesterausstellung - geplant für das Wochenende 16. bis 18. Juli – gesehen. Nach heutigem Stand findet diese Präsentation aber nicht statt. Für Marc Guntow könnte die „Repräsentation des Fremden“ zu einer spannenden Ausstellungssituation werden, das Publikum für dieses Thema sensibilisieren. „In jedem Fall ist das eine Ausstellung mit Bildungscharakter“, so der HfG-Professor. Für ihn denkbar, dass die Ergebnisse der Bachelor-Arbeit in Popup-Ausstellungen in Schulen ihren Platz finden, vielleicht auch in einer Präsentation im Lindenmuseum in Stuttgart.

Kuno Staudenmaier

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