Ruinen, die Synagogen waren

  • Weitere
    schließen
+
Viele sind zerstört, viele werden anders genutzt, nur wenige dienen auch heute noch als Synagogen. Ausstellungsmacherin Eva Maria Kraiss (li, mit VHS-Leiterin Ingrid Hofmann) kann zu jedem ihrer Fotos viel erzählen.
  • schließen

Das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben“ beginnt mit einer Fotoausstellung in der VHS über Synagogen in Osteuropa - vorerst ist aber nicht geöffnet.

Schwäbisch Gmünd

Viele Ruinen hat Eva Maria Kraiss fotografiert, und Sporthallen, Wohnhäuser, Museen, Galerien, einen Supermarkt, ein Kino, eine Schnapsfabrik. Alle diese Gebäude haben eines gemeinsam: Sie waren Synagogen, bevor sie im zweiten Weltkrieg von Deutschen zerstört oder zweckentfremdet wurden.

Kraiss' Fotos sind nun in einer Ausstellung in der Gmünder Volkshochschule zu sehen - eigentlich, wie VHS-Leiterin Ingrid Hofmann sagt, und sie hofft, wie so viele, auf die Zukunft. Sobald es die Corona-Verordnungen zulassen, wolle man beginnen. „Verwüstet Verfallen Wiederbelebt“, so ist der Titel der Ausstellung, mit der das Gmünder Programm anfangen sollte zum bundesweiten Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Vier lange Forschungsreisen

Die Ausstellung zeigt 101 großformatige Fotos, die zusammen mit dem 152 Seiten starken Ausstellungskatalog Geschichte und Geschichten erzählen. Eva Maria Kraiss, pensionierte Realschullehrerin aus Schwäbisch Hall, befasst sich seit Jahrzehnten mit jüdischem Leben und was in Deutschland und Europa nach der Vernichtung davon übriggeblieben ist.

Auf vier langen Reisen ist Kraiss durch Polen und die Ukraine gefahren, um ehemalige Synagogen ausfindig zu machen. 200 verschiedene Gebäude hat sie mit den Jahren gefunden und fotografiert. Ihre Bilder dokumentieren trotz des vielen, was vernichtet und verschwunden ist, den architektonischen und künstlerischen Reichtum der Synagogen in Osteuropa.

Ein Lebensthema

Wer mit Kraiss redet, merkt, dass es ein Lebensthema für die 1944 geborene frühere Stadträtin geworden ist. „Wie dort in wenigen Jahren eine Kultur und ihre Religion vernichtet worden ist, das macht mich fassungslos.“ Den Anfang ihres Engagements hat vor 35 Jahren ein Besuch in der Haller Partnerstadt in Polen, Zamosc, gemacht. Und wer Kraiss zuhört, wenn sie zu jedem Bild erzählen kann, spürt geradezu, wie gern sie eine ganze Gruppe von Ausstellungsbesuchern vor sich hätte. „Dass die Ausstellung nicht geöffnet werden kann, hat mir schon den Stecker gezogen“, sagt Kraiss.

Aufgebaut ist alles wie geplant im Foyer der Volkshochschule, nun warten und hoffen Ingrid Hofmann und Eva Maria Kraiss, dass bald auch Besucher kommen dürfen, „zunächst wohl mit Führungen auf Anfrage“, so Hofmann. Bis 24. Juni, zwei Wochen länger als ursprünglich geplant, soll die Ausstellung, die schon in Hall, Crailsheim und Siegen zu sehen war, nun stehen bleiben. Und die Geschichtsforscherin, die sich das Fotografieren auf hohem Niveau selbst beigebracht hat, würde sich nicht scheuen, von Schwäbisch Hall immer wieder nach Gmünd zu kommen, um Besuchern persönlich ihre Bilder zu zeigen und zu erklären.

Info: Mehr als zehn Veranstaltungen gibt es in Gmünd in diesem Jahr zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Die Ausstellung „Verwüstet Verfallen Wiederbelebt“ ist die erste in der Reihe.

Zu sehen, was da vernichtet wurde, macht mich fassungslos.“

Eva Maria Kraiss

Zurück zur Übersicht: Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL