Schulen fordern Zeit und Vertrauen

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Sind die Schulen zu lange geschlossen, hinterlässt dies Spuren bei den Schülern, die so schnell nicht aufzuholen sind. Deshalb will sich die Stadtverwaltung mit einer Resolution ans Kultusministerium wenden. Symbolfoto: pixabay
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Ab Montag sollen die Kitas öffnen, ab Dienstag die Schulen Wechselunterricht bieten, wenn die Inzidenz unter 165 bleibt. Schulleiter und Stadträte wollen beim Kultusministerium auf Missstände hinweisen

Schwäbisch Gmünd. Die Kitas sollen am kommenden Montag wieder normal öffnen, die allermeisten Gmünder Schulen ab Dienstag Wechselunterricht anbieten – wenn die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis unter 165 bleibt, sagt Schul- und Sportamtsleiter Klaus Arnholdt: „Und davon gehen wir jetzt einfach aus.“ Über diese geplanten Öffnungsschritte hat das Schul- und Sportamt die Eltern von Kindergartenkindern am Mittwoch informiert. Die Schulleiter werden die Eltern von Schulkindern in Kenntnis setzen, wie der Wechselunterricht ab Dienstag an den verbleibenden vier Schultagen vor den Pfingstferien laufen soll. An wenigen Schulen werde der Wechselunterricht erst am Mittwoch oder Donnerstag beginnen. Das regelten die Schulen intern.

Er freue sich, die Kinder wieder an die Schule holen zu dürfen, sagt Veit Botsch, geschäftsführender Schulleiter der Gmünder Gymnasien, als es im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats um die „Corona-Krise“ an Gmünder Schulen geht. Denn „die Kinder waren jetzt seit über 150 Tagen nicht an der Schule“. Schulleiter haben sich an die Stadtverwaltung gewandt und auf Lerndefizite hingewiesen. Doch es gehe nicht nur um Deutsch, Mathe, Englisch, sondern „um Erfahrungen aus erster Hand“, sagt Adelheid Singer-Luschka, Rektorin der Adalbert-Stifter-Realschule. Fern- und Wechselunterricht wirkten sich unterschiedlich bei den Schülern aus, berichtet Veit Botsch. Am Hans-Baldung-Gymnasium seien es ein bis zwei von 30 Schülern in einer Klasse, „die wir verloren haben“.

Aufgabe des Kultusministeriums

Auf diese Missstände wollen die Schulleitungen und die Stadtverwaltung in einer Resolution an das Kultusministerium hinweisen. Darüber hinaus hatte die Stadtverwaltung vor, gemeinsam mit den Schulleitern konkrete Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Doch die Diskussion habe gezeigt, dass das Problem vielschichtiger sei als angenommen, sagt Erster Bürgermeister Christian Baron. Für jede Schulart, gar jede Schule müsste ein differenziertes Konzept entworfen werden. Dieses umfasse dann nicht vier Seiten, sondern 400. Christian Baron meint, „es ist nicht Aufgabe unserer Schulleitungen, umsetzbare Konzepte für die Schulen im Land zu formulieren“. Das sprenge auch den Rahmen einer Gemeinderatsdebatte. Dafür gebe es Spezialisten im Kultusministerium. Er wolle es daher in der Resolution bei der Beschreibung der Probleme und bei drei Kernaussagen belassen: „Die Schulen brauchen deutlich mehr Zeit und Flexibilität, als ihnen das jetzige System ermöglichen kann.“ Und – das will die Stadtverwaltung auf Anregung der Schulleiter im Entwurf für die Resolution ergänzen – die Schulen brauchen Vertrauen vom Kultusministerium.

Die Formulierungen im Resolutionsentwurf findet CDU-Stadtrat Paul Schneider „zu harmlos“: „Wir müssten mehr Druck aufbauen.“ Zu der Forderung nach Zeit sagt er, diese koste Geld. Daher müsse die Stadt schauen, dass sie Fördermittel bekomme. „Natürlich brauchen die Schulen Geld“, betont auch Grünen-Stadtrat Thomas Krieg. Er will deshalb den Halbsatz im Resolutionsentwurf gestrichen wissen, dass es ein Rettungspaket „nicht in Form von hohen Geldsummen“ brauche. Christian Baron schlägt vor, das Wort „nur“ einzufügen: „Auch hier bedarf es eines Rettungspaketes. Nicht nur in Form von hohen Geldsummen.“

Weil einige Lerninhalte nicht vermittelt werden konnten, regt SPD-Stadtrat Dr. Uwe Beck an, den Lehrplan zu entschlacken und die Prüfungsanforderungen für zwei Jahre zu ändern. In der Diskussion hatten Rektoren erklärt, dass sie nicht mit dem Niveau runtergehen, sondern die Qualität halten wollen, sagt der Erste Bürgermeister dazu.

Zwei Schuljahre zum Aufholen

Linke-Fraktionssprecher Sebastian Fritz schlägt vor, Studierende der Gmünder Pädagogischen Hochschule einzubinden. Das Kultusministerium plane bereits, Referendare einzusetzen, sagt FWF-Fraktionschefin Karin Rauscher. Sie fragt nach dem Zeithorizont, bis wann Schüler das Verpasste aufholen könnten. „Mindestens zwei ganze Schuljahre“, schätzt Adelheid Singer-Luschka.

Bürgerliste-Stadträtin Brigitte Abele findet, „die Resolution ist okay“. Und kündigt an, ihre Fraktion werde dieser zustimmen. Dazu hat sie am Mittwoch, 9. Juni, Gelegenheit, wenn die Entscheidung darüber im Gemeinderat ansteht.

Die Kinder waren jetzt seit über 150 Tagen nicht an der Schule.“

Veit Botsch, geschäftsführender Schulleiter

Der Appell ans Kultusministerium

Auszüge aus dem Entwurf für die Resolution, wie die Verwaltung sie den Stadträten vorgeschlagen hat:

„Die Corona-Krise hat die Schulen seit März 2020 fest im Griff. Lockdowns, Fernunterricht, Wechselunterricht, Quarantäne und die fieberhafte Umstellung auf Digitalformate bestimmen die nun über ein Jahr anhaltende Dauerkrise. Es ist wahrscheinlich, dass sich dies zumindest bis zum Schuljahresende 2021 fortsetzen wird. Unsere Schulen beobachten mit großer und wachsender Sorge, dass die Situation des ausschließlichen Fernunterrichts Kinder und deren Familien überfordert [...]. Der Frust wächst und der Bildungsplan kann nur eingeschränkt umgesetzt werden. Eine schriftliche und mündliche Leistungsmessung ist weniger aussagekräftig und abhängiger vom familiären Lernumfeld. Dies ist auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit. Am meisten leiden Kinder und Jugendliche, deren persönliches Umfeld keine Unterstützung bieten kann. [...] Auch nach Wiederaufnahme des regulären Schulbetriebs sind die Folgen der Pandemie bei den Kindern und Jugendlichen nicht weggeblasen. Sie können aber auch nicht im Rahmen oder am Rande des regulären Betriebes kompensiert werden. [...] Die bewährte Kompensation bei längeren Leistungstiefs war bislang die Wiederholung einer Klasse. In der jetzigen Situation ist dies aber nicht die passende Lösung. [...] Mit so genannten Lernbrücken versuchen wir, in zwei Wochen einen Rückstand aufzuholen, der für diese Zeit viel zu umfassend geworden ist. [...] Wir wollen und werden als Pädagogen, Schulträger und Schulgemeinschaften mit ganzer Kraft dafür arbeiten, dass diese Pandemie so wenig Bildungsverlierer hinterlässt wie möglich, aber wir benötigen dazu die passenden Instrumente. Wir können mit den vorhandenen Möglichkeiten, vor allem mit unserer motivierten Lehrerschaft, unsere Schüler an dem jeweiligen Bildungsstand abholen und zusammen die Rückstände aufholen. [...] Auch hier bedarf es eines Rettungspaketes. Nicht in Form von hohen Geldsummen, sondern in Form von Zeit, um das Verlorene wieder aufzuholen. Wir bitten Sie, die [...] Probleme gemeinsam zu lösen, indem sie unseren Schulen die Flexibilität einräumen, die sie dafür benötigen.“

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