Auf Abstand im Frauenhaus

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Im Frauenhaus finden jedes Jahr im Schnitt um die 20 bis 30 Frauen und 25 bis 35 Kinder Schutz – abgesehen vom Umbaujahr 2019. Wegen Corona hat sich die Zahl 2020 nicht erhöht, berichtet Margit Schiele vom Landratsamt. Grafik: ca/
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Der Umbau der Frauen- und Kinderschutzeinrichtung kam gerade rechtzeitig, um dort die Corona-Hygieneregeln einhalten zu können.

Schwäbisch Gmünd

Das Frauenhaus im Altkreis Gmünd ist aktuell voll belegt. Vier Frauen und zwei Kinder leben derzeit in der Frauen- und Kinderschutzeinrichtung des Landkreises, wie dieser zum Schutz der Frauen geheime Zufluchtsort offiziell heißt. Insgesamt sind dort auf zwei Stockwerken fünf Zimmer verteilt, die sich die Frauen jeweils mit ihren Kindern teilen. Das Zimmer, das außerhalb der beiden Wohnungen liegt, bleibt seit März frei. "Für den Fall, dass eine Frau in Quarantäne muss", erklärt Margit Schiele, stellvertretende Leiterin des Geschäftsbereichs Soziales im Landratsamt.

Obwohl die Frauen- und Kinderschutzeinrichtung somit einen Platz weniger zur Verfügung hat als sonst, habe das Landratsamt bisher nicht auf das Corona-Nothilfepaket zugreifen müssen, das die Landesregierung für die Miete von Ausweichquartieren bereitgestellt hat. Die Ausweichquartiere sollen dazu dienen, dass in den Frauenhäusern Infektionsschutz und Quarantäne möglich sind. Zumal auch die Zahl der schutzsuchenden Frauen im Sommer in einigen Städten im Land gestiegen ist. Es zeigte sich, dass sich in manchen Familien während des Lockdown im März und April Spannungen verschärft haben, doch die Frauen hatten kaum Chancen, ihren Peinigern daheim zu entkommen. Mit den Lockerungen wurde es für sie einfacher, sich Hilfe zu suchen. "Auch wir haben damit gerechnet, dass sich das zeitversetzt bei der Nachfrage niederschlägt", sagt Margit Schiele. Doch der Anstieg sei ausgeblieben. Es sei in den vergangenen Jahren immer wieder mal vorgekommen, dass die Frauen- und Kinderschutzeinrichtung voll belegt war. Dann fragten die Mitarbeiter in einem der anderen 41 Frauenhäuser im Land an, die alle miteinander vernetzt sind.

In sicherer Entfernung

Die nächsten Frauenhäuser sind in Heidenheim, Göppingen und im Rems-Murr-Kreis, es könne aber auch sein, dass eine Frau nach Stuttgart oder Karlsruhe kommt, sagt Sozialpädagogin Laura Schoch, die eine von insgesamt drei Mitarbeiterinnen in der Schutzeinrichtung ist. Wenn die Gefahr groß ist, dass ein Täter eine Frau aufsucht, die vor ihm geflüchtet ist, werde diese gezielt in einem anderen Landkreis in Sicherheit gebracht.

Fern von Freundschaften und bekannten Strukturen muss sie sich dann völlig neu orientieren. Während des Lockdown sei dies eine noch größere Herausforderung gewesen, als es ohnehin schon ist. "Die Frauen bringen einen Rucksack an Problemen mit", weiß Margit Schiele, "und werden dann auch noch aus ihrem Sozialverband gerissen", ergänzt Laura Schoch. Corona bringt weitere Unsicherheiten mit sich. Da sei es kein Wunder, dass die Frauen verstärkt Rede- und Beratungsbedarf haben. Um bei Gesprächen die Hygieneregeln einhalten zu können, haben die Mitarbeiter eine Plexiglasscheibe im Beratungszimmer aufgebaut. Manche Unterhaltungen habe sie auch bei einem Spaziergang auf Abstand geführt.

Noch eine Neuerung hat Corona nötig gemacht: Am Wochenende, wenn keine Mitarbeiterin in der Einrichtung ist, haben die Frauen dort bisher Schutzsuchende aufgenommen, wenn diese mit der Polizei gekommen sind. Jetzt sind Aufnahmen nur an Werktagen möglich, weil die Ankommenden zu Corona-Symptomen und Kontakten befragt werden müssen. Der Notfallplan für die Frauen wäre dann bis Montag eine Pension.

Ansonsten gelten im Frauenhaus dieselben Coronaregeln wie in anderen Wohngemeinschaften. Die zwei Frauen, die im März dort gewohnt haben, lebten zusammen wie eine Familie. Als im April eine dritte Frau mit ihrem Kind dazu kam, bezog diese ein Zimmer in der zweiten Wohnung und hatte mit den anderen nur auf Abstand, mit Maske oder via Telefon Kontakt.

Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad, jede Wohnung eine eigene Küche und einen Gemeinschaftsraum. Mittlerweile. Das Frauenhaus ist erst vor Kurzem erweitert worden. Die Bauarbeiten sind im Juli 2019 gestartet und waren pünktlich vor dem Lockdown fertig. Ende Februar konnten die Frauen aus einem Ausweichquartier zurück in die Frauen- und Kinderschutzeinrichtung ziehen, erzählt Margit Schiele – "das kam wirklich gerade rechtzeitig".

Der Umbau schlägt sich 2019 in der Statistik nieder: Im weniger geschützten Ausweichquartier hatte das Landratsamt keine stark gefährdeten Frauen aufnehmen können. 2019 ausgenommen, hat das Frauenhaus im Durchschnitt in den vergangenen zehn Jahren 20 bis 30 Frauen pro Jahr aufgenommen und 25 bis 35 Kinder. Die durchschnittliche Verweildauer lag bei 25 bis über 60 Tagen.

Erreichbar ist die Frauen- und Kinderschutzeinrichtung montags bis freitags ab 9 bis 13 Uhr unter (07171) 2426. Außerhalb dieser Zeiten und in Notfällen können sich Frauen unter (07171) 3580 an die Gmünder Polizei wenden. Auch das bundesweite Hilfetelefon ist unter (0800) 0116016 rund um die Uhr besetzt.

Margit Schiele
Laura Schoch

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