Auf den Spuren jüdischer Familien

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"Zukunft braucht Erinnerung" - Besuch bei Stolpersteinen der Familie Kahn

Zum jüdischen Gedenkjahr hatte das Religionspädagogische Institut Schwäbisch Gmünd zu einem Gang durch die Geschichte der Stadt und ihrer jüdischen Mitbürger geladen.

Schwäbisch Gmünd

Das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland war für 40 Personen Anlass, sich mit dem Religionspädagogischen Institut auf die Spuren der ehemals in der Ledergasse 12 ansässigen jüdischen Familie Kahn zu begeben, die von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurde. Nach der Begrüßung durch Institutsleiterin Ulrike Engel erzählte Inge Eberle vom „Arbeitskreis Erinnerungskultur in Schwäbisch Gmünd“ vom Leben und Wirken der Familie.

Nur wenige wissen, dass Familie Kahn – Abraham und seine Frau Selma sowie deren Sohn Leopold – in der Ledergasse eine Stoff-Spielwarenfabrik mit um die 30 Beschäftigten betrieben, die es an Ansehen und Qualität durchaus mit der Firma Steiff in Giengen aufnehmen konnte. Zum Beweis hatte Inge Eberle einen Original-Kahn-Teddybären mitgebracht, den Selma Kahn kurz vor ihrer Deportation einer ehemaligen Mitbewohnerin für ihr zu erwartendes Kind schenkte. Die Kahns waren bekannt als streng, aber doch mildtätig: so wurde vor jedem Weihnachtsfest eine Kuh geschlachtet, deren Fleisch als Weihnachtsgeschenk an die Betriebsangehörigen verteilt wurde.

Bereits in den Wirren der Weltwirtschaftskrise mussten die Kahns im Jahr 1930 die Produktion einstellen und lebten danach unter dem zunehmenden Einfluss der Nationalsozialisten mehr schlecht als recht, bis sie 1941/1942 deportiert und ermordet wurden. Einzig der jüngste Sohn Hugo konnte sich dem Zugriff der Nationalsozialisten entziehen und wanderte zusammen mit seiner Frau Margot 1937 nach Amerika aus.

Synagoge und Chanukkafest

Der weitere Weg führte die Gruppe am Jubiläumstag zur Gedenktreppe der Gmünder Synagoge am Josefsbach. Die Synagoge stand in den Jahren 1926 bis 1939 an der Stelle der heutigen Kreissparkasse und spielte eine große Rolle im kulturellen und religiösen Leben der jüdischen Gemeinde in Schwäbisch Gmünd. Tilman John – ebenfalls Mitglied des Arbeitskreises – gab hier einen Einblick in das jüdische Chanukkafest.

Unterstützt wurde der Vortrag durch den fünfstimmigen Gesang des Chorals „Sch´ma jisroel“ sowie des Chanukka-Gesangs aus Anlass des jüdischen Lichterfests, in dessen Mittelpunkt der neunarmige Leuchter, die Chanukkia steht. Auch jüdische Ess- und Festgebräuche wurden in diesem Zusammenhang vorgestellt und als Kostprobe gab es „Fettgebackenes“ – eine Art Krapfen.

Der Weg führte nun durch die Bocksgasse zum Haus Nummer 29, dem ehemaligen Kaufhaus Meth. Der aus Oberschlesien eingewanderte jüdische Kaufmann Alfred Meth betrieb hier das erste moderne Kaufhaus Schwäbisch Gmünds, in dem es allerhand Dinge des täglichen Gebrauchs, aber auch Spielzeug zu erwerben gab – sicherlich gehörte auch die Familie Kahn zum Kreis der Kunden im damals größten Warenhaus in Schwäbisch Gmünd. Auch Alfred Meth zeigte sich sozial sehr engagiert, was regelmäßige Zuwendungen an die karitativen Einrichtungen der Stadt beweisen.

Dennoch sah er sich schon bald antisemitischen Anfeindungen gegenübergestellt. Bereits am 18. Juni 1930 wurden die Schaufenster mit Hakenkreuzen verunstaltet und 1936 musste Meth sein Kaufhaus weit unter Wert verkaufen und wanderte nach überstandener Verschleppung mit Frau und Tochter nach Amerika aus.

Vorbei an der 1995 am Prediger befestigten Gedenktafel zur Erinnerung an die damals in Schwäbisch Gmünd lebenden und von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Mitbürgern ging es zur Johanniskirche, wo Inge Eberle in beeindruckender Weise von Hugo Kahn und der Kontaktaufnahme zu dessen Tochter Doris Feldman im Jahr 2012 sprach.

Ein Trip verändert das Leben

Nach langer Suche konnte Inge Eberle Ms Feldman in Boston ausfindig machen und wollte sie zur Verlegung der Stolpersteine zur Erinnerung an ihren Onkel Leopold sowie ihre Großeltern Abraham und Selma nach Schwäbisch Gmünd einladen. Die damals bereits über 80-jährige Doris Feldman kam nach anfänglicher Ablehnung – „für mich ist es nicht vorstellbar, jemals nach Deutschland zu reisen, dieses Land zu betreten, nach all dem, was meiner Familie angetan wurde“ – tatsächlich mit ihrem Mann Saul zur Gedenksteinverlegung in der Ledergasse 12 und sagte nach ihrer Abreise tief bewegt: „The trip changed our whole life.“

„Zukunft braucht Erinnerung“ ist das Motto der Stolpersteine-Aktion. Mittlerweile sind vom Künstler Gunter Demnig europaweit 75 000 Stolpersteine verlegt worden, die an deportierte und ermordete jüdische Mitbürger erinnern – 17 davon in Gmünd; die ersten 2008 auf Initiative von Tilman John in einem Schulprojekt.

Zum Abschluss der Spurensuche erfüllte der fünfstimmige Choral „Sch´ma jisroel“ den Raum der Johanniskirche und machte die 90-minütige Reise in die Vergangenheit auch klanglich zur beeindruckenden und nachdenklich stimmenden Begegnung mit der Gmünder Geschichte.

„Zukunft braucht Erinnerung“ - Besuch bei Stolpersteinen der Familie Kahn
„Zukunft braucht Erinnerung“ - Besuch bei Stolpersteinen der Familie Kahn

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