Beeindruckendes Leben nachgespürt

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Foto-Ausstellung ehemaliger Synagogen in Polen und der Ukraine in der VHS.
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Ausstellung in der Gmünder VHS lässt eine entschwundene Welt erahnen.

Schwäbisch Gmünd

Fotografie neben Fotografie, dicht an dicht, hängen sie im Foyer der VHS. Fast 100 Bilder von Eva Maria Kraiss aus den Jahren 2016 bis 2019. Sie „erzählen“ von der beeindruckenden, lebendigen ostjüdischen Kultur, die Geschichte der Synagogen und ihrer Gemeinden „in der entschwundenen Welt Galiziens, Wolhyniens, der Bukowina, Podoliens und anderer Regionen Polens und der Ukraine.“ Die Heimat der Schriftsteller Josef Roth, Bruno Schulz, Rose Ausländer, Paul Celan und Gregor von Rezzori. Aber auch, wie Kraiss sagt, „die Welt der Schtetl, chassidischen Wunderrabbis und der jiddischen Sprache.“

Den Blick geöffnet

Die Fotos anzuschauen ist eine Sache, aber Eva Maria Kraiss’ Erläuterungen und Geschichten eröffnen den Blick auf eine Zeit, die viele vergessen möchten. Vor 80 Jahren begann die systematische industrielle Vernichtung der Bevölkerung im östlichen Europa durch deutsche Soldaten, der „vergessene Holocaust“. Doch gleichzeitig eröffnet die Ausstellung den Blick auf eine faszinierende Kultur, die aus noch bestehenden Synagogen und Mauerresten Einzigartiges und Kunstvolles erahnen lässt.

Bestehende Synagogen konnte Eva Maria Kraiss leicht finden. Schwieriger wurde es, wenn die Bauten nur noch Ruinen waren oder heute Supermärkte, Kinos oder Werkstätten sind.

Respektlos war der Umgang mit den Gebetshäusern im Zweiten Weltkrieg. Danach hieß es oft, warum eine Synagoge erhalten oder wieder aufbauen, wenn es keine Juden mehr gibt. Die heute noch existierenden 400 polnischen und ukrainischen Synagogen lassen sich vier Bereichen zuordnen: Aktive Synagogen, restaurierte Synagogen als Dokumentationszentrum oder Museum, zweckentfremdete Synagogen und zerfallene, beschreibt Eva Maria Kraiss.

Erkennungszeichen Okkulus

Die Ausstellung ist eine spannende kulturelle Reise in die Vergangenheit, die tiefe Einblicke gewährt in jüdisches Leben. Ein wichtiger Baustein der Geschichte Europas voller Schönheiten, die zu sehen oder nur noch zu erahnen sind. Oft erkannte Kraiss in den Mauerresten eine Synagoge nur an dem „Auge“, dem Okkulus, das Fenster im Obergeschoss, das nach Jerusalem ausgerichtet ist. Viele Bauwerke sind mit Fenstern im maurischen Stil geziert, einige wurden als Wehrsynagoge erbaut zum Schutz der Bevölkerung gegen Überfälle. Die Häuser der umgebenden Schtetl waren einfach in Architektur und Einrichtung, die Synagogen dagegen mit Malereien, Fresken und kostbar gearbeiteten Thoraschreinen ausgestattet. Der Aron ha-Kodesh (Thoraschrein) der Synagoge von Bobowa von 1778 mit leuchtend bunten Tier- und Pflanzendarstellungen ist noch erhalten und gehört zu den wertvollsten in Polen.

Die Passion früh entwickelt

Wenn Eva Maria Kraiss durch die Ausstellung führt, werden vergangene Jahrzehnte und Jahrhunderte lebendig. Sie lässt nichts aus, wenn es um die Geschichte der Synagogen in Polen und der Ukraine geht. „Verwüstet - Verfallen - Wiederbelebt“ ist auch der Titel der Broschüre, von ihr geschrieben und gestaltet.

Ihre Passion entwickelte die pensionierte Geschichtslehrerin schon früh. Das „Dritte Reich“ interessierte sie mehr als Kaiser und Könige der Vergangenheit. Als Stadträtin von Schwäbisch Hall besuchte sie häufig die polnische Partnerstadt Zamosz in Gallizien. Die Stadt, auch das osteuropäische Jerusalem und „Padua des Nordens“ genannt, ist als Renaissancestadt konzipiert. Heute wurde eine neue Synagoge nach altem Vorbild aus Holz gebaut errichtet, die nicht aktiv als Synagoge benutzt wird, sondern seit 2011 Museum und Bildungszentrum ist mit erhaltenen Originalelementen wie dem Rahmen des Thoraschreins und Stuckornamenten.

Steinerne Geschichtsbücher

Es ist ihre Passion geworden, immer weiter nach Zeugnissen von Synagogen und dem jüdischen Leben in diesen Regionen zu suchen. „Für mich waren und sind Synagogen steinerne Geschichtsbücher“, sagt Kraiss, die nach der Corona-Krise wieder aufbricht, um zu schauen, wie es „ihren“ Synagogen geht und was noch herauszufinden ist.

Die Fakten zur Ausstellung

Die Ausstellung „Verwüstet Verfallen Wiederbelebt“, ehemalige Synagogen in Polen und Ukraine ist zu sehen im Foyer der Gmünder VHS bis zum 22. Juli.

Führungen mit Eva Maria Kraiss sind am Mittwoch, 7.. und 16. Juli, jeweils ab 14 Uhr; Anmeldung erbeten unter Telefon. (07171) 925150

Eva Maria Kraiss (l.) führt durch die Foto-Ausstellung in der Gmünder VHS. Foto: Tom

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