Beifallsstürme fürs Höllenfeuer

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Volles Haus und viel Applaus bei der Premiere am Freitagabend im Schönblick.

Matthias Ihdens Stück zum Reformationsjubiläum kommt beim Publikum im Forum Schönblick an.

Schwäbisch Gmünd

Das Volk als Spielball der Herrschenden: In der Aufführung "Höllenfeuer – Luther, der Rebell" inhaliert das Publikum diese unheilvolle Allianz von Politik und Kirche vor 500 Jahren. Im vollen Haus des Forums Schönblick in Schwäbisch Gmünd prallen im Minutentakt Gegensätze aufeinander, Angst und Hoffnung machen sich den Platz streitig.

Autor und Regisseur Matthias Ihden gönnt keine Verschnaufpause, die Spannung zieht sich durchs ganze Stück. So kommt der Schlussapplaus nach zweieinhalb Stunden gefühlt viel zu früh. Was Besucher in dieser Zeit erleben, was Schauspieler und Mitwirkende hinter der Bühne in der Zeit leisten, ist außergewöhnlich. Wie die Inszenierung selbst. Sie muss auf der Forum-Bühne ohne Vorhang auskommen: Ihden gelingt der Szenenwechsel durch geschickte Lichtsteuerung. Das fehlende Element erweist sich nicht als Defizit, sondern als Möglichkeit, die Dramatik zu steuern.

Da ist zunächst Papst Leo X., gespielt von Ralf David. Die erste Szene sagt den Zuschauern, wo die (Kirchen)welt hinsteuert. Im Hintergrund erklingt noch "die schöne Stimme der hübschen Venezianerin." Ihr und den weiteren Freuden des Lebens gilt seine ganze Aufmerksamkeit. Seinen Nuntio Aleandro (Carlo Degen) und Kardinal Kajetan (Pat Mueller) lässt er wissen: "Es geht um Reichtum, Macht und Freuden des menschlichen Lebens." Allenfalls noch um den Bau der Petrus-Kirche. Er braucht Geld. Viel Geld. Am liebsten von seinen Gläubigen und denen, die kirchliche Karrieren anstreben.

Für die Nachfolge des Erzbischofs von Mainz denkt das Trio an Erzbischof Albrecht von Magdeburg. Gerne nimmt Leo X. die eigentlich verbotene Ämterhäufung in Kauf. Für 50 000 Golddukaten. Refinanziert durch den schon beginnenden Ablasshandel. Jetzt kommt der Augustinermönch Martin (Luther) ins Spiel. Ihden präsentiert ihn als Mann des einfachen Volkes und inszeniert das bis ins Detail. Als er bei Agnes‘ Familie zu Gast ist, greift er den Suppenlöffel fäustlings und lässt auch die weiteren Tischmanieren edler Häuser vermissen. Martin echauffiert sich längst über die Ungerechtigkeiten, wettert gegen den Ablasshandel.

Der Auftritt des Dominikanermönchs Johann Tetzel – Michael Schaumann ist wieder einmal in einer Glanzrolle – gibt Martin Luther den Rest. Tetzel schart das darbende Volk um sich und verspricht den Menschen das "Höllenfeuer ohne Hoffnung auf Erlösung", sollten sie nicht den letzten Groschen für den Ablass herausrücken.

Mit einem Blick ins Familienleben zeigt Ihden auf, wie sich die Kirche bis ins letzte Eck des Wohnzimmers durchsetzt. Agnes (Luisa Katharina Davids) gesteht ihrer Mutter, Ehebruch begangen zu haben. Dramatische Szenen gipfeln im Selbstverständnis der Mutter: "Sei doch vernünftig und kaufe einen Ablass." Zeit für die 95 Thesen: Die Szene konzentriert sich auf den allein agierenden Luther. Der Kampf zwischen ihm, dem Papst und weltlichen Mächten beginnt. Kurfürst Friedich von Sachsen (Joachim Meyer) überzeugt (im Originalkostüm von Peter Ustinov) darstellerisch und steht Luther bei. "Der sagt, was die Menschen denken." Leo X. nimmt den Ablass-Gegner in Deutschland ("Wittenberg, wo ist Wittenberg") nicht wirklich ernst, seine Einflüsterer Nuntio Aleandro und Kardina Kajetan lässt er erst mal abblitzen. Das ändert sich rasch, die Papsttreuen stellen Luther nach. In Augsburg entkommt er seinen Häschern dramatisch und nur knapp. Ihden lässt die Hauptfigur an einem Seil von der Decke vorbei an den Zuschauern im Forum fliehen. Die Ereignisse überstürzen sich.

Unterschiedliche Charaktere wurden genial inszeniert.

Martin Scheuermann, Schönblick-Geschäftsführer

Die klare Sprache

Wie intensiv das Publikum diesen Luther miterleben kann, liegt an vielen Details, an der Möglichkeit, Bühne und Zuschauerraum zu verschmelzen. Und es liegt an der Sprache. Ihden verzichtet ganz auf mittelalterliche Redewendungen. "Wenn komplizierte Inhalte zu transportieren sind, ist es schlecht, auch noch eine komplizierte Sprache ins Spiel zu bringen", sagt er. Die Schauspieler reden wie im richtigen Leben. Unbemerkt rast die Zeit. Auf der Bühne und letztlich auch beim Publikum. Ein langes Stück kommt kurzweilig an. Ein Verdienst des Regisseurs, aber auch aller Beteiligter. In weiteren Hauptrollen sind Uwe Kreusel als Johann Petzensteiner, Ingrid Krusch als Frau Bruckner und Dannie Lennertz als Sekretär von Kurfürst Friedrich zu sehen. Tim Oberndörfer spielt den Kaiser perfekt, Franco Tirletti schlüpft in die Rolle des Sekretärs von Nuntio Aleandro.

Mehr als 70 Mitwirkende auf der Bühne kommen aus dem Staufersaga-Verein. Hinter der Bühne hält Gundi Mertens die Fäden in der Hand. Die Kostüm-Assistenz obliegt Anita Weber. Mertens schätzt die "großartige Leistung auf der Bühne". Es komme gut rüber, wie das Ereignis die Welt verändert hat. Martin Scheuermann, Schönblick-Geschäftsführer und Gastgeber, schätzt es, dass "das große Werk von Matthias Ihden das Anliegen der Reformation auf den Punkt bringt. Ihden hat die unterschiedlichen Charaktere genial inszeniert." Die historischen Gewänder sind für ihn eine Augenweide, das sagt er auch an die Adresse von Gundi Mertens. Die Kooperation von Staufersaga-Verein und Schönblick strahle weit über Gmünd hinaus.

Weitere Aufführungen sind am Samstag, 21. Oktober, um 19 Uhr, am Sonntag, 22., um 15 und um 19.30 Uhr, und am Dienstag, 31. Oktober, um 19.30 Uhr. Karten gibt's im Gmünder i-Punkt, Tel. (07171) 603 4250, und an der Abendkasse.

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