Blick in die Münsterbauhütte

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"Erinnern. Erhalten. Neu denken" lautet das Motto zum Tag des offenen Denkmals. Besucher lernen die Arbeit der Münsterbauhütte kennen.

Schwäbisch Gmünd

Pandemiebedingt ist zur Sicherheit für die Besucher eine Einbahnstraße mit Abstandsgebot eingerichtet. Das Publikum hat die Möglichkeit, sich beim Weg durch den Innenhof und die überdachten Räume ein gutes Bild über das aktuelle und vergangene Geschehen um die Arbeitsstelle der Bauhandwerker zu machen. Schautafeln mit Texten und Illustrationen erläutern Arbeitsschritte und Techniken zur Stabilisierung von Bauteilen. "Starker Substanzverlust an Zierteilen; bevorzugter Taubennistplatz, daher stärkste Schäden durch Taubenkot" sind sorgfältig aufgelistete Schadensbilder, die mit aufgestellten Originalbeispielen eindrucksvoll ergänzt werden. So ist ein beschädigter Wasserspeier zu sehen, der in einer Arbeitszeit von 900 Stunden ersetzt wurde. Auch Werkzeuge wie Abgreifzirkel und Meißel sind zu sehen. Die Auflistung der etwa 200 registrierten Steinmetzzeichen, die am Münster gefunden wurden, macht den historischen Stellenwert der Bauhütte deutlich. Viele alte Zeitungsberichte ergänzen das Bild von den Ereignissen um die Münsterbauhütte. Schon im späten Mittelalter soll es eine Bauhütte beim Heiligkreuz-Münster gegeben haben. Um 1330 hatte Heinrich Parler die Bauleitung für die neue Hallenkirche übernommen. Weitere Ergänzungen am Gebäude machten in den folgenden Jahrhunderten immer wieder die zeitweilige Einrichtung einer Bauhütte notwendig.

Sanieren statt Bauen

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Aufgabenstellung. Neues Bauen war nicht mehr gefragt. An seine Stelle trat die Reparatur von beschädigten Gebäudeteilen – Sanierungsarbeiten und Erneuerungen wurden fällig. Die Erhaltung der Bausubstanz ist auch heute noch, nach über 150 Jahren, das Markenzeichen der Bauhütte, die als Meisterbetrieb ein Mitglied der Handwerkskammer Ulm ist.

Der stattliche Auftrag an die Bauhütte ist auf einer Schautafel am Münster dokumentiert. In elf Bauabschnitten sollen zusammen mit Restauratoren bis 2030 zahlreiche Sanierungsarbeiten vorgenommen werden. Die Arbeit ist heute nicht mehr durch traditionellen Austausch beschädigter Teile bestimmt. Der systematische Dreischritt von der Bestandsaufnahme über die Planung zur Maßnahme orientiert sich inzwischen an modernen, zerstörungsfreien Techniken und dem Ziel, eine Konservierung der historischen Bausubstanz in den Mittelpunkt zu stellen.

Adelheid Maria Weber ist sich ihrer vielschichtigen Aufgabe als Leiterin der Münsterbauhütte bewusst. "Eigentlich braucht es eine Armee von Leuten, um all die vielen Herausforderungen zu bewältigen", stellt sie fest. Rat und Tat kommen noch heute vom ehemaligen Baumeister Franz Huber, der sich vor 45 Jahren mit der damals akuten Einsturzgefahr des Münsters befassen musste. Weber ist es wichtig, solche Informationsveranstaltungen anzubieten: "Wir wollen die Bürger mitnehmen und ihr Interesse wecken." Auch der Münsterbauverein mit seinen fördernden Mitgliedern ist für solche Impulse dankbar. Vielleicht gibt es 2021 sogar eine Tagung zur Münstersanierung.

Denkmaltag: Mehr dazu lesen Sie in dem Bericht "Digitales Atelier als Türöffner".

Digitales Atelier als Türöffner

Schwäbisch Gmünd. Die gehauchte Sequenz mit den gedämpften Tönen der Querflöte von Bob Downes verlangt vom Betrachter schon zu Beginn des Films einen meditativen Zugang zum Gebäude. Das behutsame Eintauchen in die Vergangenheit der Bildhauerwerkstatt lässt eine Epoche wach werden, die scheinbar längst vergessen ist. Eine ruhig geführte Kamera lädt zur Annäherung an das alte Atelier im Gmünder Zeppelinweg 4 ein. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz und wurde 1925 erbaut. Damals war Jakob Wilhelm Fehrle bereits 41 Jahre alt und ein namhafter Künstler. Im Film wird er als "Meister der zeitlosen Plastik" beschrieben, der trotz der Studienreisen nach Berlin, München, Rom oder Paris immer wieder zu seinem Geburtsort Gmünd zurückfand.

Beim Blick ins Innere des Ateliers werden die Flöten- und Saxophontöne klarer und unterstreichen die Intensität der möglichen Eindrücke. Es scheint, als ob Fehrle nur kurz seine Werkstatt verlassen hätte. Auf alten Holztischen, auf Steinsockeln oder auch auf dem Fußboden sind zahllose Skulpturen scheinbar wahllos gruppiert. Dazwischen befinden sich auf Werkbänken die typischen Werkzeuge des Bildhauers.

Im Film schildert Museumsdirektor Dr. Max Tillmann erste Eindrücke bei der Begegnung mit einer Figur. Kunsthistorikerin Tamara Engert und Dr. Dieter Büchner vom Landesamt für Denkmalpflege weisen auf die kunsthistorisch bedeutsamen Experimente zwischen Jugendstil, Expressionismus und Kubismus hin. Auch Tochter Cornelia Fehrle-Choms kommt zu Wort und beschreibt die ausgeprägte Persönlichkeit ihres Vaters, der bis 1974 lebte.

Der Film von Nina und Klaus Sohl mit Sprecher Henrik van Ypsilon ist nur zehn Minuten lang und beschreibt ein bedeutsames kulturhistorisches Dokument. Ein Verweis auf die kulturpolitischen Hintergründe zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegsdemokratie ist jedoch unterblieben.

Der Film ist unter www.denkmalpflege-bw.de abrufbar.

Rainer Kollmer

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