Böse Erinnerungen in Gmünd an Erstickungstod in den USA

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Was an einem Vormittag im Mai auf dem Bahnsteig in Loirch geschehen ist, hatte nun ein Nachspiel im Gmünder Amtsgericht.
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Amtsrichter stellt nach Videovorführung im Gerichtssaal fest: Polizisten haben bei Einsatz am Lorcher Bahnhof korrekt gehandelt.

Schwäbisch Gmünd

Die Parallele war frappierend: Beteiligte und Zuhörer einer Strafverhandlung im Amtsgericht sahen am Freitag auf dem neuen Großbildschirm im Saal, wie eine Gruppe Polizisten einen Mann mit dunkler Hautfarbe zu Boden bringt, während der Mann mehrfach gut hörbar ruft: „Ich kann nicht atmen.“ Wohl jeder im Saal dachte an das Video von der Verhaftung des dunkelhäutigen George Floyd in den USA, der 2020 dabei erstickt war, weil ein Polizist auf seinem Nacken gekniet hatte. Die Szene war durch alle Nachrichtensendungen gegangen. „Das kennt mittlerweile die ganze Welt“, sagte auch Amtsrichter Johannes Heth am Freitag. Floyds Ausruf „I can't breathe“ (ich kann nicht atmen) wurde zu einem globalen Slogan gegen Polizeiwillkür. Nur wurde das Video, das im Gmünder Amtsgericht gezeigt wurde, nicht in den Straßen von Minneapolis aufgenommen, sondern auf dem Bahnsteig in Lorch an einem Vormittag im Mai vergangenen Jahres. Und der angeklagte 35-jährige N. versicherte, dass einer der Beamten ihm das Knie in den Nacken gedrückt habe.

Genau gesagt waren es drei Videos, die die Verfahrensbeteiligten genauestens studierten. Aufgenommen worden waren sie von Polizisten, die den Einsatz am Lorcher Bahnhof mit ihren Bodycams festgehalten hatten. Es sind natürlich keine professionellen Aufnahmen wie in Fernsehkrimis: Manches wird im Knäuel der ringenden Menschen verdeckt, die „filmenden“ Polizisten sind ständig in Bewegung.

Auch einer der Beamten zieht im Zeugenstand den Bezug zum Fall George Floyd. Schon in der Ausbildung werde den Beamten beigebracht, dass ein solcher „lagebedingter Erstickungstod“, wie es in der Fachsprache heißt, auch bei einer körperlichen Auseinandersetzung niemals vorkommen darf. „Da sind wir mittlerweile so sensibilisiert.“

Für Richter Heth ist nach sehr ausführlichem Studium der Aufnahmen klar: Ein Knie in N.'s Nacken ist nicht zu sehen. Möglicherweise sei N.'s Kopf mit einem Knie zu Boden gedrückt worden, das würde auch eine Verletzung an N.'s Kopf erklären. Den Kopf so zu fixieren, sei zwar unangenehm, aber nicht lebensbedrohlich, meint auch Staatsanwältin Falkenstein.

Dabei war der Einsatz der Polizei in Lorch eigentlich eine Routinesache - die dann allerdings eskalierte, so Johannes Heth. Eine Passantin hatte von der anderen Seite der Gleise her einen Streit unter einer Gruppe von Menschen auf dem Bahnsteig gesehen. Als sie herüberrief, was denn los sei, wurde sie vom einzigen Mann in der Gruppe, N., übel beleidigt, so die Anklage. Daraufhin alarmierte sie die Polizei, die mit drei Streifenwagen anrückte. Die Beamten wollten - sehr höflich, wie der Richter anhand der Videos feststellte - N.'s Personalien feststellen. Von dem 35-Jährigen sei die Aggression ausgegangen, das zeigten die Videos und das sagt auch eine Bekannte von ihm, die dabei war. Die Staatsanwältin führt nicht nur diverse Beleidigungen gegen die Beamten an, am Ende seien auch fünf Polizisten verletzt gewesen. Einer war wegen eines verdrehten Knies mehrere Tage dienstunfähig.

Dabei war auch N.'s Freundin K. Und sie habe ihrem Freund helfen wollen. Natürlich habe sie sich gewehrt, als sie festgehalten wurde, und es sei „gut möglich“, dass sie auch sehr unfreundliche Worte gesagt habe. Deshalb saß sie am Freitag neben ihrem Freund auf der Anklagebank.

N. räumte ein: „Ich war an dem Tag nicht hundertprozentig bei mir.“ Man habe die Nacht zuvor durchgefeiert, dabei auch Alkohol und Drogen konsumiert. Wie er sich gegen die Beamten gewehrt habe, wisse er „in etwa“ noch. Einen habe er zum Beispiel in den Schwitzkasten genommen. Und er fasste zusammen: „Mein Verhalten war auch nicht richtig.“

N. akzeptierte sofort das Urteil, das Johannes Heth nach vierstündiger Verhandlung verkündete: wegen Beleidigung und Körperverletzung an Vollstreckungsbeamten sieben Monate Haft, zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss er 1000 Euro an den Hilfs- und Wohltätigkeitsverein Schwäbisch Gmünd bezahlen, mit einem Bewährungshelfer zusammenarbeiten und ein Anti-Aggressionstraining absolvieren. Die Anklage gegen K. wurde aus prozessualen Gründen fallengelassen.

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