Bosch: 1000 leere Stühle gegen den geplanten Stellenabbau

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Wo sonst Laster ein- und ausfahren, ging am Montagmittag nichts mehr: IG Metall und Betriebsrat protestierten coronabedingt ohne große Menschenmassen, dafür mit einer stattlichen Anzahl an Stühlen vor der Einfahrt zum Bosch-AS-Werk 2 im Schießtal.
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Die Beschäftigten von Bosch AS protestieren gegen die geplanten Kürzungen des Unternehmens. Die Verhandlungen kommen derweil nicht voran.

Schwäbisch Gmünd

Präzise durchnummeriert stehen sie da: 1000 leere Stühle versperren am Montagmittag die Zufahrt zum Schießtaler Werk des Automobilzulieferers Bosch Automotive Steering (AS). Mit dieser Aktion protestieren die Beschäftigten des Unternehmens, IG Metall sowie Betriebsrat gegen den geplanten Stellenabbau am Standort Gmünd.

Um kurz vor Zwölf tritt Gewerkschaftssekretär Roland Hamm ans Mikrofon: "Diese Uhrzeit steht sinnbildlich für die Lage des Bosch-Standorts", sagt er. Und die 1000 Stühle stehen für jene 1000 Stellen, die Bosch bis zum Jahr 2022 in Gmünd abbauen will, weitere 1100 sollen bis 2026 folgen. Auf die Straße haben die Beschäftigten ein Schaubild gemalt. Es zeigt eine Kurve, die steil nach unten geht. Als Bosch den Standort 2015 übernahm, arbeiteten rund 6000 Menschen für den Lenkungshersteller, 2026 sollen es nach den Plänen der Geschäftsführung 2550 sein – weitere Einsparungen infolge der Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht mit eingerechnet. "Es ist eine Sauerei!", ruft Hamm. "Bosch hat als Stiftungsunternehmen eine besondere Verantwortung. Dieser wird der Konzern bislang absolut nicht gerecht."

Der Protest ist eine Reaktion auf die stockenden Verhandlungen. Seit Oktober haben sich Vertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeber nun bereits 15 Mal getroffen, ein Ergebnis ist nicht abzusehen, auch wenn das Unternehmen am Wochenende mitgeteilt hat, dass man einen Abschluss bis Ende Juni anstrebe. "Die Pläne von Bosch AS bedeuten eine Katastrophe für die Beschäftigten, deren Familien sowie die ganze Region", sagt Hamm.

Andrea Sicker, als Erste Bevollmächtigte der IG Metall Nachfolgerin von Hamm, erklärt: "Bosch sieht die Ressource Mensch als Selbstbedienungsladen." Deshalb brauche es öffentlichen Druck, um Bewegung in die Verhandlungen zu bekommen. Dort trete man aktuell auf der Stelle.

Die Arbeitnehmervertreter haben, wie berichtet, schon vor mehreren Wochen einen Forderungskatalog erstellt. Darin fordern sie unter anderem eine langfristige Perspektive für den Standort, neue Produkte, Qualifizierungsmaßnahmen sowie den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. "Ich glaube weiterhin, dass wir gemeinsam mit der Unternehmensführung eine Perspektive schaffen können", sagt Lieb, der allerdings hinzufügt: "Wir müssen weiter kampfbereit bleiben und zusammenstehen."

Es ist eine Sauerei!

Roland Hamm Gewerkschaftssekretär IG Metall

Die leeren Stühle, die die Organisatoren aus den umliegenden Sporthallen der Stadt ins Schießtal brachten, sollen den Auftakt bilden zu einer ganzen Reihe von Protestaktionen, wie Hüseyin Ekinci, Leiter des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers bei Bosch AS, erklärt. "Der Arbeitgeber muss sich bewegen. Wir werden nicht still sitzen und zulassen, dass unsere Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden."

Bedrohte Tradition: Die Geschichte des Bosch-AS-Standorts

Die Hoffnungen waren riesig, als der Bosch-Konzern 2015 erklärte, das bisherige Gemeinschaftsunternehmen ZFLS zu 100 Prozent zu übernehmen. "Der Standort wurde mit Feierlichkeiten und großen Versprechungen übernommen. Seitdem wurde nur auf Kosten der Arbeitnehmer gespart", sagt Roland Hamm von der IG Metall. 2015 lag die Zahl der Mitarbeiter bei 6000, aktuell bei 4600 und 2026 – wenn es nach dem Willen der Geschäftsführung geht – bei 2550.

Gegründet wurde der Gmünder Standort 1937 von ZF. Am 15. Juni nahm er mit 21 Mitarbeitern seinen Betrieb auf, am Jahresende sind es 142, ein Jahr später folgt ein zweites Werk. 1950 arbeiten bereits 1500 Menschen in Gmünd für ZF. Deren Zahl steigt stetig, der Konzern vergrößert seinen Standort, 1952 wird bereits die 500 000. Lenkung gefertigt. Bereits im Jahr 1954 ist ZF Gmünd der größte europäische Lenkungshersteller.

Zusammenschluss 1999 gründen ZF und Bosch das Joint-Venture ZFLS, ZF bringt die Sparten Lenkungstechnik und Lenksäulen ein, von Bosch kommt das Know-how in Elektronik, Elektrik und Sensorik. Der Umsatz wächst von 1,27 auf 4,4 Milliarden Euro. 2015 folgt dann die Übernahme durch Bosch.

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