Bücher im Dritten Reich: Hitler wichtiger als Goethe

+
Schulbücher der Nazizeit im Schulmuseum

Karl Hermann Koschorreck über besondere Fundstücke aus dem Schulmuseum.

Schwäbisch Gmünd. Im Schulmuseum gibt es im Fundus eine reichhaltige Sammlung von Fibeln, Lesebüchern und Schulbüchern aller Fächer aus den letzten 120 Jahren. Die Lesebücher aus dem „Dritten Reich“ unterscheiden sich von allen anderen krass, was Dogmatismus und eine sehr verengte Sicht betrifft, meint Karl Hermann Koschorreck. So werden im deutschen Lesebuch für Volksschulen (5. und 6. Schuljahr), Berlin 1935, Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart schon im Inhaltsverzeichnis die Schwerpunkte auf Heimat, Vaterland, heroische germanische Helden, deutsche Helden des Mittelalters bis in den Ersten Weltkrieg gelegt. Im Vorwort beginnt der Herausgeber Rust mit dem Gruß an den Leser: „Heil Hitler“, das Buch endet mit dem „Reichschoral“, in dem Gott zum Beschützer des „Führers“ wird, die letzte Zeile „unser Deutschland, Herr, Dein Land“ preist.

Missbrauch der Religion

Adolf Hitler selbst kommt als Autor insgesamt mit drei Texten zu Wort, zwei behandeln seine mit Begeisterung erlebte„Feuertaufe“ in Flandern 1914 und sein vorübergehendes Erblinden im Gaskrieg in der gleichen Region im Herbst 1918. Der dritte Beitrag bringt einen Redeausschnitt von 1933 „Es wird uns nichts geschenkt im Leben“, in dem er das verblendete deutsche Volk wieder zur „Wahrheit“ erziehen will.

Auch seine politischen Unterstützer kommen zu Wort, Joseph Goebbels, Hermann Göring, Paul Hindenburg, Baldur von Schirach und viele andere aus der zweiten und dritten Reihe der Nazis. Etwa zweimal Maria Kahle mit Texten über „Ostlanddeutsche“ und deutsches „Blut“, „Rasse“ und „Wesensart“ jenseits der Staatsgrenze weit im Osten.

„Dem Führer“ sind viele Beiträge gewidmet, etwa im gleichnamigen Gedicht von Will Vesper wird ihm zugejubelt als „Herzog des Reiches“, der „schon lange im Herzen“ der Deutschen wurzelt. Hochrangige Dichter werden als Zierde eingesprengselt mit Fabeln oder völlig unpolitischen Gedichten etwa von Chamisso oder Mathias Claudius: “Ein Lied hinterm Ofen zu singen.“ Walther von der Vogelweide ist mit dem allerersten Beitrag des Buchs als Verfasser eines fremdenfeindlichen Gedichts vertreten, das heute in keinem Lesebuch mehr steht: „Deutsche Zucht“ mit dem schlimmen Satz: „Übel möge mir geschehen,“/ wenn dem Herzen „wohlgefalle/ fremder Lande Brauch“.

Das „Deutsche Lesebuch für höhere Lehranstalten, Ausgabe B für Mädchen“ für Klasse 5 ist in Leipzig und Berlin im Verlag B. G. Teubner 1939 erschienen. Da sollte man annehmen, dass das Niveau zu- und der politische Zweck abnimmt. Weit gefehlt. Hitler ist mit Texten 14 mal vertreten, Kampf für das Deutschtum, gegen die Juden, deutsche Helden, deutsche Ansprüche spielen eine noch größere Rolle. Dem Kapitel „Führer im Kampf ums Reich“ sind allein 35 Seiten zugeordnet. Es gibt zwar ein Kapitel mit dem Titel „Des Volkes Frauen“ von 20 Seiten, aber auch hier überwiegt die dargestellte Tendenz des Heroismus. Etwa im Text von Thilo von Trotha: „Die Mutter und der Krieg“ auf der letzten von 5 Seiten: „Ob man für sein Volk lebt oder stirbt, ist gleich, wenn nur beides groß geschieht“. Dieses letzte Kapitel im Schulbuch endet mit einem Text von Adolf Hitler: für Männer und Frauen gibt es „nur ein Recht, das zugleich die Pflicht ist, für die Nation gemeinsam zu leben, zu arbeiten und zu kämpfen.“ Kampf also das letzte Wort im Buch für Mädchen, da liegt auch das Sterben im nächsten Krieg nahe.

Einige hochrangige Dichterworte sind wieder als Ornament einmontiert, damit die Lektüre nicht zu einseitig und damit ermüdend wirkt. Zum Beispiel Eichendorffs romantisches Gedicht „In Danzig“, das ganz ohne Deutschtümmelei auskommt. Friedrich Schiller ist nur mit dem „Lied von der Glocke“ vertreten, Goethe zweimal mit dem „Erlkönig“ und dem Kurzgedicht „Nimmer sich beugen“, das vom Lehrer etwa im Krieg politisch instrumentalisiert werden kann, aber allgemein menschlich gemeint ist. Sprechend ist, welche ganz hochrangigen Dichter keinen Platz finden: der Aufklärer Lessing, der soziale Dramatiker Büchner, der größte Lyriker deutscher Sprache Heinrich Heine, Gerhard Hauptmann, Heinrich und Thomas Mann, alle großen Autoren der Weimarer Republik, die 1939 meist im Exil leben.

Schulklassen, die das Schulmuseum besuchen, können dort hoffentlich bald wieder den großen Unterschied zu ihren Lesebüchern erkennen und damit Folgen ziehen: kein Nationalsozialismus in welcher Verkleidung auch immer, hofft Karl Hermann Koschorreck.

Schulbücher der Nazizeit im Schulmuseum
Schulbücher der Nazizeit im Schulmuseum
Schulbücher der Nazizeit im Schulmuseum
Schulbücher der Nazizeit im Schulmuseum

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare