Das stille Sterben der Schausteller

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Die leere Hütte von Daniel Rieg

Marktgeschehen Seit Monaten sind einige Schaustellerbetriebe mit einem "Berufsverbot" belegt. Nur wenige können mit einem zweiten Standbein etwas Geld in die Kasse spülen. Von Andrea Rohrbach

Schwäbisch Gmünd

Kein weihnachtlich erstrahlender Marktplatz, kein Duft nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln, kein Glühweinaroma wird in diesem Dezember durch die historische Innenstadt Gmünds ziehen. Riesenrad und Kinderkarussell bleiben in den Lagern, Ochs, Esel und Schafe der lebendigen Krippe verbringen die Vorweihnachtszeit in den heimischen Ställen. Für viele der Marktbeschicker ist die Absage des 48. Gmünder Weihnachtsmarkts ein weiterer Schritt Richtung Insolvenz.

Die letzte Hoffnung, in diesem schweren Jahr wenigstens noch etwas Umsatz machen zu können, hat sich mit der Komplettabsage des 48. Gmünder Weihnachtsmarktes vollends zerschlagen. Die kleinen, meist familiär getragenen Betriebe haben, je nach Ausrichtung ihres Gewerbes, seit einem Jahr keine Märkte mehr beschicken können. Frühlingsfeste, Krämermärkte und jetzt der Weihnachtsmarkt wurden abgesagt. Mit diesem seit zwölf Monaten herrschenden "Berufsverbot" stehen die Betriebe buchstäblich mit dem Rücken zur Wand und die beginnt allmählich zu bröckeln.

Angst um die Existenz

Durften Gastronomen wenigstens über die Sommermonate öffnen, gab es für die Schausteller keinerlei Einkommensmöglichkeiten. Die Alternative, ihre Produkte zum Mitnehmen anzubieten, ist bei vielen Betrieben schlicht unmöglich. Aber auch bei den Schaustellern laufen die regulären Kosten weiter. Viel Geld auf die Seite legen, ist nicht möglich. Das Gewerbe verlangt nach ständigen Neuerungen, um attraktiv zu bleiben, so berichten die Händler. Die Enttäuschung und die Existenzangst sitzt bei vielen, die den Gmünder Weihnachtsmarkt mit ihrem Sortiment bereichern wollten, tief.

Die Absage trifft alle Marktstandbetreiber mit voller Härte.

Daniel Rieg vom Weinhaus Rieg

Viele Schausteller und Standbetreiber sind so frustriert, dass sie keine Auskünfte über ihre derzeitige Situation und ihre Zukunft machen können oder wollen. Einigkeit herrscht aber in einem Punkt: Durch das "Berufsverbot" und dem damit verbundenen Einnahmeverlust werden einige das kommende Jahr beruflich nicht mehr erleben.

Dabei blickt das Markttreiben in Deutschland auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurück. Bereits der griechische Philosoph Pythagoras merkte um 570 vor Christus an: "Wo Jahrmarkt ist, ist pures Leben." Einige wenige Händler sind in der etwas komfortableren Situation, mit einem zweiten Standbein den finanziellen Ausfall der abgesagten Märkte wenigstens zu einem Teil auffangen zu können. Trotzdem trifft auch diese Händler die Absage. Daniel Rieg vom Weinhaus Rieg hat im vergangenen Jahr viel Geld in seine, extra für den Gmünder Weihnachtsmarkt gefertigte, Holzhütte investiert. Weingläser, Durchlauferhitzer und Heizung kosteten ebenfalls.

Absage trifft alle hart

Riegs Glühweinhütte schlug bei den Besuchern bombastisch ein, die regelmäßige Livemusik, verbunden mit Glühweingenuss, sorgte für großen Zulauf. Jetzt steht die Hütte ungenutzt beim Lager des Weinhandels in Bettringen. Die geplanten Sonderveranstaltungen, die Rieg alternativ zum Weihnachtsmarkt anbieten wollte, mussten wegen der Hygieneschutzmaßnahmen gestrichen werden. Die Absage des Weihnachtsmarktes treffe alle Marktstandbetreiber "mit voller Härte", meint Rieg der die Kollegen bedauert, die nur vom Markttreiben leben. Danny Dridi hat aus der Not eine Tugend gemacht: Seit 15 Jahren betreibt "Dridi Veredelungen" mit Stickereien, Gravuren und Textildruck zwei Stände auf den Gmünder Märkten. Jetzt hat Dridi kurzerhand seinen "persönlichen" Weihnachtsmarkt in seinen Betreib in Hussenhofen verlagert. Hier können die Kunden, wie sonst auf dem Weihnachtsmarkt vor Ort bestellen und die Produkte mitnehmen.

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Die Glühweinhütte von Daniel Rieg wäre jetzt normalerweise brechend voll: Beim Gmünder Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr war sie ein Treff für Glühweingenuss und Musik. Wegen Corona geht dieses Jahr nichts.

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