Das System aus den Angeln heben

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Mit Plakaten, Reden und einer Installation macht die Gmünder Fraueninitiative auf dem Marktplatz auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam.AÌÌFoto: Tom
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Die Gmünder Fraueninitiative fordert mit einer „Stuhlkreis“-Aktion eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit und erklärt, warum sie für Frauen eine Falle ist.

Schwäbisch Gmünd.

Ist die Familie die erste Form der Sklaverei?“ Provokanter hätte die Frage der Gmünder Fraueninitiative am Samstag auf dem Johannisplatz nicht ausfallen können. Doch sie erreichte ihr Ziel: eine Diskussion darüber, wie ungleich Care-Arbeit in unserer Gesellschaft verteilt ist.

Für die Frauen hat die Tatsache, dass sie den Großteil der Familienarbeit stemmen, bittere Konsequenzen. Eine davon ist die Altersarmut, ein „klar weibliches Phänomen“, erklärt Barbara Herzer, die zusammen mit Freya Zanek und Ann-Katrin Lauer sowie rund zwanzig weiteren Frauen in den „Stuhlstreik“ trat, so nannten sie die Diskussionsrunde.

Das Motto der Fraueninitiative anlässlich des internationalen Weltfrauentags am 8. März: „Wir halten den Laden nicht länger am Laufen! Wir machen ihn dicht!“

Mit einer großen Leinwand in der Bocksgasse veranschaulichten sie die Ungleichverteilung: Bei den sorgenden Tätigkeiten wie Erziehung, einkaufen, putzen, waschen, kochen, Pflege von kranken oder alten Familienangehörigen lastet die meiste Arbeit auf den Schultern der Frauen, im Schnitt 4,25 Stunden pro Tag; Männer investieren dagegen im Durchschnitt nur 1,23 Stunden.

Die Care-Arbeit zuhause setzt sich im Berufsleben fort, da vor allem Frauen in den schlechter bezahlten Gesundheits- und Pflegeberufen arbeiten. „Bis heute verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt 18 Prozent weniger Gehalt als Männer“, konstatiert Freya Zanek.

Hinzu komme, dass 79 Prozent der Teilzeit-Beschäftigten Frauen sind. Zanek sprach von einer „Verdrängung ins Private“, wenn Frauen Kinder bekommen, was zu ökonomischer Abhängigkeit zwischen den Geschlechtern führe. Letzten Endes sieht sie in der „geschlechterbasierten Gliederung der Arbeit“ eine Folge unsers Gesellschaftssystems und der kapitalistischen Produktionsweise.

Sorgen und versorgt werden habe keinen Platz in einem profitorientierten Wirtschaften, fuhr Zanek fort. Ihre provokante Frage am Ende ihres Statements lautete: „Hat das Leben im Kapitalismus einen Platz?“

Was sie mit Leben in einem voll umfänglichen Sinn meint, hatte sie zuvor mit der „Vier-in-einem-Perspektive“ von Frigga Haug erläutert: Jeder Mensch sollte Zeit für Erwerbsarbeit und Sorgearbeit haben, und er sollte Muße haben, sich persönlich zu entfalten und sich im politisch-gesellschaftlichen Bereich u engagieren.  

Den Frauentag machten die drei Akteurinnen der Fraueninitiative zu einem Frauenkampftag, ihr Kampfruf: „Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben. Lasst uns das System aus den Angeln heben.“

Auf die Care-Arbeit bezogen, bedeute dies, sie als eine grundlegende Aufgabe von Arbeit in der Gesellschaft zu sehen, und nicht als Privatangelegenheit von zumeist Frauen. Ihre Vision: Eine Welt, in der Arbeitszeit und die Lebenszeit gerecht verteilt ist.

Auch konkrete Forderungen wurden laut, zum Beispiel „Kitaplätze statt Herdprämie.“ Oder dass sich beide Partner die Erziehungsarbeit teilen und während der Familienphase nur 50 Prozent arbeiten.

Auf den Einwand, das sei nicht immer möglich, gab sich Ann-Katrin Lauer ein weiteres Mal kämpferisch: „Es liegt an uns, es zu ermöglichen.“ Bei den Teilnehmerinnen des Stuhlkreises rannten sie und ihre beiden Mitstreiterinnen offene Türen ein. Nur in einem Punkt regte sich Protest. Familie mit Sklavenarbeit gleichzusetzen, da machten die Anwesenden nicht mit. Sklaven seien nicht gefragt worden und hätten keine Wahl gehabt. Frauen zwinge in der Regel niemand zur Familie. Vielmehr müsse die Schieflage ins Gleichgewicht gebracht werden, dass vor allem Frauen auf Kinder aufpassen.

Hat das Leben im Kapitalismus einen Platz?“

Freya Zanek, Fraueninitiative
Frauenstreiktag

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