Das Ungeheuerliche benennen

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Erzbischof Dietrich Brauer (r.) von der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland predigt gemeinsam mit Dekanin Ursula Richter in der Gmünder Augustinuskirche .
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Warum es am Karfreitag 2022 nur ein Thema geben kann, den Krieg in der Ukraine, macht Erzbischof Dietrich Brauer von der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland deutlich.

Schwäbisch Gmünd

Kurz bevor die Sonne aufgeht, ist die Nacht am dunkelsten“, zitierte Erzbischof Dietrich Brauer in seiner Karfreitagspredigt in der Augustinuskirche Selma Lagerlöf und machte damit Hoffnung, dass es die Perspektive eines neuen Morgens gibt. Wie sich die Welt über der Ukraine und Russland derzeit verdunkelt, hat das Oberhaupt der evangelisch-lutherischen Kirche Russlands zuvor mit klaren Worten benannt: Das Böse habe sich, wie schon mehrmals in der Geschichte, materialisiert und sei Fleisch geworden. „Und wir haben keine Ressourcen, um dem etwas entgegenzustellen.“

Ohnmacht hat Erzbischof Dietrich Brauer am eigenen Leib erfahren. Dekanin Ursula Richter beschrieb in ihrer Begrüßung, wie der Druck auf ihn zugenommen habe, weil er sich nicht der Forderung des russischen Präsidialamtes an alle religiösen Führer beugte, sondern die laut Putin „besondere Operation“ in der Ukraine als Schande und Krieg gegen die Menschlichkeit verurteilte. Im März kam der Erzbischof mit seiner Familie aus Russland nach Deutschland und kann derzeit nicht zurück.

An Karfreitag stehe Jesu Leiden am Kreuz und sein Tod vor unseren Augen. Von der Passion spannte die Dekanin den Bogen zu den „schnell aufgestellten Kreuzen für die ermordeten Menschen in der Ukraine in Gärten, an Straßenrändern und an Massengräbern“. Mit Annette Kurschus, der EKD-Ratsvorsitzenden, nannte sie Jesus einen Leidensgenossen all derer, „die dort von Soldaten gefangen genommen, gefoltert und getötet werden“.

Auch der Erzbischof knüpfte an die Passionszeit an, eine ganz besondere. Der Krieg sei für alle in der Ukraine und viele in Russland eine schreckliche Erfahrung. „Wir sind wie gelähmt und wissen nicht, was wir tun sollen“, sprach er die Hilflosigkeit an und fuhr fort, man könne kaum bereit sein, dem offensichtlich Bösen zu begegnen?“ An mehreren Stellen verwendete der Theologe das Wort „böse“, um die ungeheuerliche Aggression zu beschreiben. Besonders perfide sei es, wenn sich das Böse tarne und als gut präsentiere. Weil so viele Geiseln der wahnsinnigen Interessen sind, sei es wichtig, an sie zu denken und zu verstehen, was wirklich geschieht.

Brauer nannte es eine Tragödie, dass sich Menschen als Licht der Welt ausgeben, in Wahrheit aber Handwerker der Finsternis sind. Viel zu viele seien nicht in der Lage, vernünftig zu denken und machen sich über den einfachen, naiven Glauben lustig, dass die Zukunft nicht der Lüge und Gewalt gehöre. Doch sie gehöre den Sanftmütigen, denen, die reinen Herzens sind und die Frieden stiften.  

Resigniert fragte er, was man als Christ noch tun könne, wenn man die Wahrheit nicht mehr sagen und nicht für den Frieden beten darf. Er verwies auf das Kreuz: Jesus habe die Hauptlast der Finsternis getragen. Doch nach dem Kreuz komme die Auferstehung. Jeder Schrei, der zum Himmel aufsteige, werde nicht unbeantwortet bleiben, endete seine Predigt voller Hoffnung.

Auch in den Fürbitten waren der Krieg in der Ukraine und die Repressionen in Russland Thema. Gebetet wurde für alle, die um Leib und Leben fürchten müssen, weil sie die Wahrheit nicht verleugnen und weil sie gegen den Krieg sind. „Sei mit den Gefangenen und Opfern der Unterdrückung, den Leidgeprüften und Bedrückten.“ Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst mit Wandelkommunion von Bezirkskantor Thomas Brückmann und der Augustinuskantorei.

Nach dem Kreuz kommt die Auferstehung.“

Erzbischof Dietrich Brauer
Erzbischof Dietrich Brauer (r.) von der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland predigt gemeinsam mit Dekanin Ursula Richter in der Gmünder Augustinuskirche .
Erzbischof Dietrich Brauer (r.) von der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland predigt gemeinsam mit Dekanin Ursula Richter in der Gmünder Augustinuskirche .

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