„Den Tod mit Leben füllen“

+
Dr. Klaus Riede, Arzt und Stiftungsratsvorsitzender, will offen mit dem Thema Tod umgehen. Foto: HOJ
  • schließen

Warum sollte das Tabuthema Tod mehr Öffentlichkeit bekommen? Warum kann es für den Einzelnen bereichernd sein, sich mit seiner Endlichkeit zu beschäftigen? Dr. Klaus Riede gibt Antworten.

Schwäbisch Gmünd

Mit einem „Dialog über das Ende“ in Form von Bildern und Filmen widmet sich das Kloster der Franziskanerinnen der Endlichkeit und dem Leben. Die GT begleitet den Dialog mit einer Serie. In dieser Folge verrät Dr. Klaus Riede, der Vorsitzende des Stiftungsrates der Agnes-Philippine-Walter-Stiftung, die Träger des Hospizes ist, warum es bereichernd sein kann, sich mit dem „Tabuthema Tod“ auseinanderzusetzen.

Herr Dr. Riede, im Kloster-Hospiz rückt die Schau „Dialog mit dem Ende“ den Tod in den Mittelpunkt. Ist eine öffentliche Auseinandersetzung damit wirklich nötig?

Dr. Klaus Riede: Verordnen kann man einen offenen Umgang mit dem Tod nicht, das ist eben für viele ein sehr privates Thema.

Woher kommt das? Schließlich trifft es am Ende jeden.

Der Tod macht Angst, niemand weiß, was danach kommt. Dann der Moment des Todes: Man weiß nicht, wie wird es sein, habe ich Schmerzen, kann ich loslassen? Vielleicht fürchten manche auch: Wenn man darüber redet, dann redet man es herbei.

Und in der Gesellschaft?

Hier zeigt man vor allem Jubel, Trubel, Heiterkeit, stellt Erfolge und Positives in den Vordergrund. Das Thema Tod findet in der Öffentlichkeit nicht viel Raum. Dennoch: Es gibt Untersuchungen, wonach sich 87 Prozent aller Menschen ab 18 Jahren schon mit dem Thema beschäftigt haben. Man wird selbst älter, man erlebt Todesfälle in der näheren Umgebung oder schwere Krankheiten. Privat denken die Leute also schon darüber nach und entwickeln auch eine Meinung dazu. Die wird aber selten geäußert, das kostet Überwindung.

Warum?

Es ist ein angst- und schambesetztes Thema. In einer Untersuchung mit Leuten zwischen 16 und 30 stand aber weniger die Angst vor dem Tod als solche im Vordergrund als die Angst vor dem fehlenden Sinn, die Angst, das Leben nicht bewusst gelebt zu haben.

Wie haben Sie das als in ihrem Beruf Mediziner erlebt?

Die Leute wissen viel mehr darüber, als sie sagen. Gerade Ältere erleben den Tod, sind auf vielen Beerdigungen, schreiben Beileidskarten, bekommen selbst Beileidsbekundungen. Ganz tragisch ist, wenn Kinder sterben. Das ist ein so großes Trauma, das kaum zu überwinden ist.

Wie haben Sie diese Erfahrungen als Arzt verarbeitet?

Ich selbst war zum Zeitpunkt des Todes ja in den wenigsten Fällen dabei. Sterben findet meist in den eigenen vier Wänden statt, im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Ich erinnere mich an einen Fall, da hatte ich nach dem Tod eines Patienten ein sehr gutes Gespräch mit den Angehörigen. Da geht man sogar mit einem guten Gefühl raus, weil man weiß, die Familie kann es akzeptieren.

Haben Sie das Thema sonst als Tabu empfunden?

Wenn man es offen anspricht, erfahre ich im Einzelgespräch eher Aufgeschlossenheit. Vor allem bei etwas Jüngeren, die schwer erkrankt sind, kann es sein, dass sie nicht darüber reden wollen. Dann begleiten wir den Menschen bei diesem Prozess, warten, bieten uns an. Dann kommen die Leute meiner Erfahrung nach schon irgendwann. Mit Gewalt aufzuklären, das macht keinen Sinn.

Warum ist es sinnvoll, sich mit dem Tod zu beschäftigen?

Man kann religiös werden, es verdrängen oder sich dauernd damit auseinandersetzen. Ich glaube, es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen. Weil man dann sein Leben anders lebt. Die Bewusstmachung des Todes und der Vergänglichkeit hat zur Folge, dass man bewusster lebt, seine Lebensschale füllt und nachher auf etwas zurückblicken kann ohne Groll. Dazu gehört, sich auszusöhnen mit bestimmten Menschen oder Situationen. Wenn man diesbezüglich freier ist, kann man leichter gehen. Die Auseinandersetzung mit dem Tod bringt viel fürs Leben.

Haben Sie da Tipps?

Ich „sammle“ bestimmte Momente im Leben. Der Erste liegt 40 Jahre zurück. Das wusste ich damals nicht, aber im Rückblick hat er sich zu etwas Besonderem entwickelt. Von diesen Momenten habe ich mittlerweile sechs.

Sind Ihnen Menschen begegnet, die aktiv Sterbehilfe wollen?

Das nicht. Der Wunsch, keine Schmerzen zu haben, hingegen oft. Den können wir mit der Medizin auch erfüllen. Ich plädiere dafür, die Palliativmedizin anzunehmen und den Menschen hier die Angst zu nehmen. Ich finde, es ist Aufgabe der Gesellschaft, die Menschen so anzunehmen in ihrer Krankheit und ihrem Leid. Wer heute eine Patientenverfügung hat und nicht mehr essen und trinken kann, der stirbt innerhalb einer Woche einen Tod ohne Schmerzen.

Eine Patientenverfügung empfehlen Sie also?

Unbedingt! Zum einen beschäftigt man sich mit dem Thema. Zudem wissen Angehörige und Ärzte dann, wie sie sich verhalten sollen. Hier hat sich auch wirklich etwas verändert. Auch wenn der Tod in der Öffentlichkeit nach wie vor wenig besprochen wird, Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten machen viel mehr Menschen als noch vor 20 Jahren. Da war damals die absolute Ausnahme. Es gab auch Widerstand: Manche Schwestern in Pflegeheimen sagten damals: Man kann doch die Leute nicht verdursten lassen! Ich sagte, verdursten ist, wenn jemand in der Sahara leben will, aber kein Wasser hat. Einen älteren Menschen, der im Sterben liegt und kein Verlangen mehr hat, zu trinken, künstlich mit Flüssigkeit zu versorgen, ist genau der falsche Weg, der das Leiden verlängert. Das weiß man mittlerweile und die Akzeptanz des Todes ist hier ein Stück weit gewachsen.

Würden Sie sich mehr wünschen?

Je mehr man sich damit beschäftigt, desto besser wird das Leben, davon bin ich überzeugt. Auch Hospiz ist nicht nur ein Ort des Sterbens, sondern es soll als zweite Säule den Gedanken „Wie lebe ich?“ in die Gesellschaft tragen. Wenn mir die Vergänglichkeit bewusster ist, wird das Leben viel wichtiger, ich gehen anders mit den Mitmenschen und der Umwelt um, auch mit eigenen Fehlern. Mit sich ins Reine kommen verbessert die Lebensqualität. Man sollte sich zudem die Frage stellen: Wie will ich erinnert werden? Und danach sollte man leben.

Ein Tabu hat aber ja auch eine Funktion. Kann es schädlich sein, das so ins Licht zu zerren?

Wenn man dem Tabu die Angst nimmt, kann man beides stehenlassen, das Leben und den Tod. Wenn man nur das Negative ständig betont und unaufgelöst lässt, kommt man in eine depressiv, lähmende Grundhaltung. Aber wenn man den Tod mit Leben füllt, ist es für die Gesellschaft positiv.

Andere Kulturen gehen anders mit dem Tod um.

Alter, Sterben und Tod ist dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Im Mittelalter stand der Greis für den Tod. Die Menschen im Biedermeier schätzten eher die Weisheit und die Erfahrung der Älteren. Bei uns in den westlichen Gesellschaften wird jetzt der 'fitte Alte' propagiert, der noch alles kann. Manche trauen sich da gar nicht, ihre Beschwerden zu äußern, weil sie dann diesem Bild nicht entsprechen. Angenommen, Sie würden einen Trauerflor tragen. Früher war das durchaus üblich. Wie würde das unser Gespräch verändern? Das verunsichert. Soll man so jemanden ansprechen? Darf man da lachen? Würde man die Trauer mehr öffentlich zeigen, brächte das einen anderen Umgang mit sich. Oft hört man ja auch, der Verstorbene hätte gewollt, dass man fröhlich und gut weiterlebt.

Vortrag von Dr. Klaus Riede „Glückliches Alter“ am Dienstag, 13. September, um 19 Uhr. Anmeldung über https://veranstaltungen-kloster.de

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Kommentare