Der Diplomat unter den Abgeordneten

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Dieter Schulte
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Dr. Dieter Schule feierte am Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Weltweit war er im Einsatz, hatte aber immer einen Blick auf „seinen“ Wahlkreis.

Acht Mal wählten die Bürger im Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd Dr. Dieter Schulte direkt in den Bundestag. Nur der langjährige Bundesaußenminister und Vizekanzler Dietrich Genscher war damals länger im Bundestag als er. Am Mittwoch feierte Dr. Dieter Schulte, viele Jahre auch Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, seinen 80. Geburtstag.

Mit gerade mal 28 Jahren ist er 1969 jüngster Abgeordneter, verschafft sich aber schnell Respekt in der Fraktion und macht sich in Regierungskreisen bald als Diplomat für schwierige Fälle einen Namen. Mal holt er in Südamerika die Kohlen aus dem Feuer, mal ist er in Peking im Einsatz. So erinnert er sich an einen pikanten Auftrag der Bundesregierung. In einem südamerikanischen Hafen werden deutsche Schiffe beim Entladen regelmäßig benachteiligt, Schiffe anderer Nationen bevorzugt. Der Staatssekretär ist unterwegs zum südamerikanischen Verkehrsminister. „Auf dem Flug habe ich dessen Biografie angesehen und bemerkt, dass er genau wie ich in Paris studiert hat.“ Beide wohnten zur selben Zeit nur eine Parallelstraße voneinander entfernt. Schulte verwickelt den Minister in ein unterhaltsames Gespräch über die Pariser Zeit. Eine Stunde vergeht. Verhandlungen über die offizielle Mission werden zur Nebensache. Am Ende gibt der Minister bekannt: „Der Wunsch der deutschen Delegation wird erfüllt.“

Aber vor allem hat er „seinen“ Wahlkreis im Blick. Die Verkehrsachse Stuttgart – Schwäbisch Gmünd ist ihm von vornherein ein Anliegen. Schon bald kann er den vierspurigen Ausbau bis Gmünd durchsetzen. Dann, am Ende seiner Abgeordnetenzeit, gelingt ihm durch diplomatische Vorarbeit der Baubeginn für den Tunnel Schwäbisch Gmünd. „Keine leichte Arbeit“, so erinnert er sich. Der Landesverkehrsminister ist zurückhaltend, weil er durch den enormen Finanzbedarf für den Tunnel andere Verkehrsprojekte gefährdet sieht. Im Finanzausschuss in Bonn kann Schulte dann irgendwann überzeugen. Der Spatenstich im Gmünder Westen ist einer der letzten offiziellen Termine in Schultes Abgeordnetenzeit. „Ohne den Bau der Rampe 1999 hätten wir heute keinen Tunnel“, davon ist er überzeugt. Nur weil die Ortsumfahrung Gmünd als begonnene Maßnahme eingestuft ist, folgt 2008 der eigentliche Tunnelbau.

Keine leichte Arbeit.“

Dr. Dieter Schulte, über die politische Vorarbeit für den Tunnel in Gmünd

Ganz genau erinnert er sich an den Start: Dieter Schulte ist Mitglied der Jungen Union, hat schon eine Zweitkandidatur für den Landtag hinter sich. Dann überrascht ihn der damalige CDU-Ortsvorsitzende Willi Hagel. „Er rief mich an und kam gleich zur Sache: Ich sollte mich der Nominierung des CDU-Bundestagskandidaten stellen.“ Neben Schwäbisch Gmünd zählten Backnang und Schwäbisch Hall noch zum Wahlkreis. „Aber außerhalb Gmünds war ich ja völlig unbekannt“, erinnert er sich. Um sich durchzusetzen, braucht Dr. Dieter Schulte zwei Stimmen aus den Nachbarregionen. Die gibt es von einem Schwäbisch Haller, der sich an einen Auftritt Schultes in der dortigen Jungen Union erinnerte. Dann ließ sich noch ein Delegierter aus dem Welzheimer Wald überzeugen. Auf Anhieb erhält er 48 Prozent der Erststimmen und erzielt das Direktmandat als Nachfolger des damaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier. Später wächst die Zustimmung der Wähler auf bis zu 60 Prozent. Um den Direkteinzug in den Bundestag bangen, das braucht Dr. Dieter Schulte nie.

Zielstrebig war er, der 1941 im Spital in Gmünd zur Welt kam, schon immer. In jungen Jahren hilft Dieter Schulte im elterlichen Geschäft, dem Handelsbetrieb für Autoteile und Ersatzteile für Industrie und Handwerk. Kleines Geld verdient er sich später, weil er bei den Amerikanern in der Hardt-Kaserne abends Kegel setzt. Das Geld braucht er, weil er mit 16 das Parler-Gymnasium verlässt, um zwischen Mississippi und Missouri das Highschool-Diplom zu machen. Die Reise in die USA in einem umgebauten Frachter dauert 13 Tage. Fliegen ist zu der Zeit noch viel zu teuer. Er studiert Rechtswissenschaft in Heidelberg, Berlin und Würzburg, mit einem „Summa Cum Laude“-Abschluss verlässt er die Uni.

Zuvor schon begegnet er in Gmünd Christa Strietzel und findet damit die Frau fürs Leben. Beide sammeln Auslandserfahrung, Dieter Schulte kann in Paris promovieren, zum Doktor juris utriusque, für Staatsrecht und Kirchenrecht. Zwei Kinder folgen, Eva-Maria Schulte, heute Ministerialrätin im Staatsministerium, und Christoph Schulte, jetzt in dritter Generation Chef des Familienunternehmens. Die Pflichten des früheren Abgeordneten haben sich verändert. Heute nehmen ihn Enkelkinder in Beschlag, er genießt es, zusammen mit Christa Schulte in die Berge fahren zu können, ohne einen Rückruf aus Bonn befürchten zu müssen, schätzt Südtirol und seine Berge, von denen er so manchen erklimmt. Und er lässt es auch mal ruhig angehen, genießt von zuhause den Blick auf die Kaiserberge.

Wegbegleiter erinnert sich gerne an Dieter Schulte

Zur Demokratie gehört der Respekt vor dem Anderen. „Den hatten wir beide“, so erinnert sich der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Robert Antretter aus Anlass Dieter Schultes Geburtstag. Mehr noch, es sei trotz oft unterschiedlicher politischer Ansichten ein freundschaftlicher Umgang gewesen. Ohne Konkurrenzdenken, das hätte aufkommen können, „als ich stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verkehr des SPD-Bundestagsfraktion wurde“. Dieter Schulte war zu der Zeit verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion, später Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Antretter erinnert an persönliche Begegnungen mit Dieter Schulte, auch wenn es um die Ziele in der Region, um den Ausbau der B 29 oder anderer Verkehrswege ging. „Wir waren immer einer Meinung, was die Region betrifft“ sagt er und schätzt es bis heute, den Wahlkreis gleichzeitig mit Dieter Schulte vertreten zu haben.

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