Der Glaubenskampf unter dem Galgen

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Präzisionsarbeit: mit schwerem Gerät Mit Schwerlastkränen wird das über 30 Meter hohe Kounellis-Kunstwerk auf der Nordseite des Münsterplatzes in die Senkrechte gebracht. Fotos: GT-Archiv
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  Das Werk eines international bekannten Künstlers und die heftige Reaktion der Gmünder darauf machen beides weltbekannt. 

Schwäbisch Gmünd

Über Kunst kann man streiten - soll man sogar, denn auch die Diskussion ist ein Sinn der Kunst. Was da allerdings 1992 und 1993 mitten in Gmünd ablief, war eher ein Glaubenskampf.  Am 8. Oktober  1992 wurde   auf dem Münsterplatz „der Galgen“  aufgestellt: kein Instrument mittelalterlicher Justiz, sondern ein Werk des weltbekannten  Künstlers Jannis Kounellis.  Als Kounellis 2017 starb, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung über seinen Nachruf den Titel: „Wenn das Mobiliar am Galgen hängt“.  Denn wohl kein Werk hatte den Bildhauer so berühmt gemacht wie  die Konstruktion, über die eine Zuschauerin bei der Aufstellung  sagte: „Ich persönlich sehe diesen Galgen nicht als Kunstwerk, sondern als Verschandelung des Heilig-Kreuz-Münsters und der Stadt Schwäbisch Gmünd an“. 

Die 32 Meter hohe, durch einen Stahlkern stabilisierte Holzkonstruktion mit einem Ausleger, an dem ein mehrere Meter hoher, mit Möbeln gefüllter Leinensack hing,  war Teil der Aktion „Platzverführung“,   an der die Kunstregion Stuttgart auch mehrere Städte in der Umgebung teilhaben ließ.  Gmünd bekam Kounellis: einen international bekannten Künstler,  der auch Theaterstücke schrieb und als Bühnenbilder entwarf, der immer wieder sehr großformatig arbeitete und der auch immer wieder mit seinen Werken provozierte. 

Schon in den Monaten zuvor war sein Werk  für Gmünd heftig kontrovers diskutiert worden. Als  es im Oktober  1992 an der Nordseite des Münsters aufgestellt wurde,  verfolgte schon eine große Zahl von Zuschauern diese Aktion.  Schwerlastkräne  und ein Bauleiter  waren nötig, um  es  aufzustellen,  ein Statiker hatte bereits im Vorfeld  die nötigen Sicherungen  berechnen müssen.  Gmünd geriet wegen der scharfen Kritik  an dem Kunstwerk zwar überregional in die Schlagzeilen,  doch beim Aufbau schauten durchaus auch Befürworter zu.  „Der Galgen hat ein gewisses Etwas und macht Gmünd  zu einer Großstadt“, kommentierte ein Schüler die Aktion. Und ein Student meinte: „Das Kunstwerk erfüllt einen gewissen Zweck und ist somit interessant und zugleich provokant.“ Und der Künstler selbst? Der stand in Trenchcoat und mit Zigarette zwischen den Fingern etwas abseits und beobachtete die Szenerie.  Hinterher machte er den Handwerkern ein großes Kompliment. Er sei „absolut glücklich“, dass sein Werk nun stehe. Ausstellungsmanager Veit Görner kommentierte, dass Volkszorn  gegen moderne Kunst keinesfalls ein spezifisch Gmünder Phänomen sei.  Ähnliches habe er  auch bei der Aufstellung der Skulptur in Ludwigshafen erlebt.  Jeder müsse als Unbeteiligter seine Interpretation  für das Werk finden.  

Beifall und Pfeifkonzert

Bei der offiziellen Eröffnung des Kunstwerks am nächsten Tag jedenfalls überlagerte nach Einschätzung des Berichterstatters  der Beifall  gelegentliche Pfeifkonzerte.  Und wieder hatte das Werk viele Zuschauer angelockt. „Zum Kunstwerk ist die Skulptur durch die Diskussion längst geworden“, stellte  der Theologieprofessor und Jesuitenpater Friedhelm Mennekes fest. Der aus Köln angereiste Eröffnungsredner sagte, ein solches Werk sei nicht dazu da, allen zu gefallen, sondern dass Menschen darüber reden.  In der Skulptur sieht er  eine Abwandlung des Kreuzes und eine Mahnung zugleich, denn zu oft in der Geschichte  sei mit einer Abwandlung des Kreuzes Unheil  verbreitet worden.  Und der Gmünder Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster hielt den Störern der Veranstaltung entgegen: „Wenn Sie diese Skulptur nicht interessieren würde, wären Sie  nicht alle hierhergekommen.

Auf jeden Fall wirkte das Kounellis-Werk befruchtend auf andere Kreative. Schon bei der Eröffnung stand  der „Galgen-Glotzer“, ein Werk des Motorsägen-Künstlers Jörg Schulze, da, als würde er  den Galgen anstarren.  Und der Maler und Gastwirt Fritz  Miller malte eine ganze Reihe von Bildern des Münsterplatzes mit Galgen. 

Knapp ein Jahr lang sorgte  der Galgen für weitere Diskussionen. Ein Mann, der es nicht bei Worten belassen wollte, versuchte sogar einen Brandanschlag  auf die Konstruktion. Letztlich jedoch setzte die Natur dem Ganzen ein Ende:  Nachdem Herbststürme dem Sack  an der Skulptur arg zusetzten,  wurde der Galgen wieder abgebaut - offiziell  wegen  der Gefahr, dass herabfallende Möbelteile Passanten verletzen könnten.  Das Kunstwerk wurde im stätischen Bauhof gelagert, wo es verrottete.  

Viele Zuschauer bei der "Eröffnung" des Kunstwerks vor der aus aktuellem Anlass umbenannten Gaststätte "Stube am Münster".

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