Der Hundeführerschein: Geldmacherei oder sinnvoll?

  • Weitere
    schließen
+
Hunde sollen nicht auf Sportflächen.
  • schließen

Was Fachleute vom geplanten Hundeführerschein halten - und wie die Erfahrungen damit in Niedersachsen sind.

Schwäbisch Gmünd

Es gibt Leute, die sagen, das ist doch Geldschneiderei.“ Cornelia Schutt erzählt das. Sie gibt Kurse beim GHV Nordheide, einem Hundeverein in Jesteburg, Niedersachsen. Dort gilt seit 2013, was die künftige Koalition in Baden-Württemberg nun plant: Hundebesitzer brauchen einen Führerschein fürs Tier.

Umsonst ist das nicht zu haben. „Bei uns kostet der Sachkunde-Kurs 75 Euro, der praktische Teil noch mal genau so viel“, erzählt Schutt. Die praktische Prüfung werde abgenommen, ehe der Hund ein Jahr alt ist. „Die theoretische Prüfung muss man machen, bevor man den Hund kauft“, so Schutt.

Pia Biber, Hundetrainerin aus Gmünd, und Hans Wagner, der Tierheimleiter am Dreherhof, finden diese Reihenfolge richtig und wichtig. Wagner betont das „bevor“ extra deutlich, wenn er über Mensch und Hund und Sachkenntnis redet. Denn seiner Erfahrung nach denken zu viele nicht genug über die Konsequenzen nach, wenn sie sich einen Hund zulegen. Indem Leute zum Beispiel den Hund einer Rasse wählen, die nicht zu ihren Lebensumständen und Fähigkeiten passt. „Wir erleben, dass manche Leute total überfordert sind“, sagt der Tierheimleiter.

Es geht um mehr als Sicherheit

Wagner hat Fälle erlebt, in denen das Ordnungsamt einschreiten musste. „Einmal ging es um einen Hirtenhund, 60 bis 70 Zentimeter groß, und die Besitzer waren 80 Jahre alt.“ Dann werde das Tier zur Gefahr für Menschen und andere Hunde – „wenn er keine Erziehung genossen hat“. Es ist das Kernargument für den Sachkundenachweis, wie der Hundeführerschein im Fachbegriff heißt.

„Hund wird mitgeschleift“

Es geht aber um mehr als Sicherheit. Wenn sich Hundebesitzer auskennen, vermeidet das Stress und Leid auf beiden Seiten, bei Tier und Mensch. „Es geht nicht nur ums Beißen, die Hunde sind manchmal sehr gestresst. Denn es gibt einfach viele Leute, die nicht wissen, welche Bedürfnisse ein Hund hat. Der wird dann mitgeschleift, das ist traurig anzusehen. “ Den besseren Fall beschreibt Hans Wagner so: „Wenn der Hund Unterordnung lernt, dann habe ich einen angenehmen Begleiter an meiner Seite.“

Den Hundeführerschein als Pflicht habe sie sich „schon lange gewünscht“, sagt Pia Biber. Elf Jahre lang hat sie die Hundeschule „ForDogis“ betrieben, kürzlich hat sie aufgehört.

Von 2013 bis 2016 hat Biber jedes Jahr – für Leute, die das von selbst wollten – einen Kurs für den Hundeführerschein angeboten. „Zwischen 150 und 200 Euro“ habe die Ausbildung am Ende jeden Teilnehmer gekostet, erzählt sie. „Aber dann war kein Interesse mehr da, leider.“

„Ein Fehler ist es bestimmt nicht“, sagt Hans Wagner über die Führerschein-Idee von Grünen und CDU, „es ist wichtig für Leute, die noch nie einen Hund hatten“. Darauf zielt auch die Regelung in Niedersachsen ab. „Befreit von der Hundeführerschein-Pflicht sind Hundebesitzer, die in den vergangenen zehn Jahren mindestens zwei Jahre durchgehend einen Hund ohne Probleme gehalten haben“, erzählt Uwe Schutt, der Vorsitzende des GHV.

Hans Wagner ist überzeugt davon, dass es auf der Ostalb genug Fachleute in Hundeschulen und Hundevereinen gibt, um entsprechende Kurse zu geben, die ein Gesetz dann quasi vorschreiben würde. Wobei es noch keine genaue Regelung gibt in Baden-Württemberg, erst eine politische Absichtserklärung. Denkbar ist auch, dass man die praktische Prüfung zu absolvieren versuchen kann, ohne vorher einen Praxiskurs gemacht zu haben. Weil Kurs und Prüfung, so erklärt es Cornelia Schutt, wie in der Fahrschule im Grunde getrennte Dinge sind.

Fast 2300 Hunde in Gmünd

Betroffen von der Regelung sind im Gebiet der Stadt Schwäbisch Gmünd über 2000 Hundehalter. Tendenz steigend in den letzten Monaten. Anfang 2021 waren 2284 Hunde in Gmünd gemeldet, allein im Januar kamen 48 Neuanmeldungen dazu. Die Zahl der Beißvorfälle, die vom Ordnungsamt registriert wurden, hat nicht zugenommen in den vergangenen Jahren, wie Stadtpressesprecher Markus Herrmann erläutert. Zwischen jährlich sieben und zwei Beißangriffen auf Menschen schwankte die Zahl im Zeitraum von 2017 bis 2020.

2000 Euro im Jahr

Die Verantwortung, das betont Hans Wagner noch einmal, fängt aber schon vorher an. Es sei wichtig zu wissen, was auf einen zukommt, in vielerlei Hinsicht: „Da geht es auch um die Kosten“, sagt der Tierheimchef. Schließlich könne ein Hund schon 2000 Euro im Jahr kosten, „das setzt sich zusammen aus Futter, Steuer, Versicherung und Kosten für den Tierarzt, die bei älteren Hunden beträchtlich steigen können“, zählt Biber auf.

Noch etwas empfiehlt Hans Wagner vorher zu klären: „Es ist auch wichtig, ob man jemanden hat, der einspringen kann, wenn man krank wird oder weit weg in Urlaub fahren möchte.“

Wir erleben, dass manche Leute total überfordert sind.“

Hans Wagner, Leiter Tierheim Dreherhof

Ein wichtiges Erziehungsziel: dass der Hund an der lockeren Leine mitläuft und auf seinen Menschen achtet. Foto: pixabay

So sind die Regeln

Pflichten: Außer dem Sachkundenachweis schreibt das Niedersächsische „Gesetz über das Halten von Hunden“ vor, dass jeder Hund versichert ist und einen Mikrochip trägt und dadurch identifizierbar ist.

Ausnahmen: In einigen Fällen sind Hundebesitzer von der Pflicht befreit, etwa Tierärzte, Menschen, die einen Blinden-/Begleithund haben, wenn der Hund eine Jagdhundprüfung hat.

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL