Der kahle Kopf entlarvt den Sünder

  • Weitere
    schließen
+
Gästeführer Günter Haußmann nahm eine Gruppe hitzebeständiger Interessierter am Samstag auf eine Reise durch die Gmünder Historie. Er spannte dabei den Bogen vom Mittelalter und der Hexenverfolgung bis ins frühe 20. Jahrhundert.

"Wenn die Steine reden könnten" hätten sie in der Stauferstadt viel zu sagen. Gästeführer Günter Haußmann hielt am Samstag Anekdoten hierzu bereit.

Schwäbisch Gmünd

Das Mittelalter wird in der heutigen Zeit gern durch die romantische Brille betrachtet. Minnesänger, holde Maiden in samtigen Gewändern und tapfere Kreuzritter werden beschrieben. Was sich allerdings tatsächlich abspielte, zeigen Aufschriebe und Dokumente. Und da muss die romantische Brille schnell abgelegt werden. Viele Anekdoten zur Historie der Stauferstadt gab Gästeführer Günter Haußmann am Samstag bei der Stadtführung "Wenn die Steine reden könnten" zum Besten. Dabei legte er weniger den Fokus auf die Gemäuer, als auf die Persönlichkeiten, die in diesen wohnten. Die, mal mehr, mal weniger ehrbar waren.

Sprünge durch Jahrhunderte

Es war keine leichte Aufgabe für die acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Stadtführung, sich eineinhalb Stunden lang auf das Vorgetragene und oft Vorgelesene zu konzentrieren. Was vor allem den 33 Grad Celsius geschuldet war, die die Aufmerksamkeit trübten. Und wer nicht schnell genug "umswitchen" konnte, fand sich nach zwei Sätzen in einem neuen Jahrhundert wieder. Da erzählte Haußmann von den Passionsspielen, die einst auf dem Platz vor dem Portal des Münsters aufgeführt worden waren. Wie deren Kulisse aussah, veranschaulichte er anhand einer Zeichnung aus den Chroniken des Dominikus Debler.

Auch ging's um die Hexenverfolgung, bei der in Schwäbisch Gmünd 52 Menschen auf dem Scheiterhaufen landeten, oder, wenn der Scharfrichter ein Einsehen hatte, "nur" der Kopf abgeschlagen wurde. Die Verfolgung wurde einst 1613 ausgelöst, als ein verheerendes Unwetter über der Stadt wütete und man dringend einen Schuldigen suchte.

Kurz zuvor fand sich die Gruppe mit ihrem Gästeführer noch im Jahr 1340, als das erste Gmünder Pogrom dafür sorgte, dass Juden, derer es überdurchschnittlich viel in der Stadt gab, kurzerhand als "Brunnenvergifter" bezichtigt und umgebracht wurden. Durch dieses bestialische Morden entledigten sich reiche Gmünder Familien ihrer Schulden, die sie bei den jüdischen Geldverleihern hatten. Das Ausüben eines Handwerks war den Juden untersagt. Und so wurden die "noblen Herren" auf einen Schlag ihre Schulden los. "Bequeme Lösung", wie der Gästeführer kommentierte.

Undenkbar, dass im Mittelalter eine Demonstration stattgefunden hätte. Das Volk war meist geknechtet. Und wer sich nicht an die Vorgaben hielt, galt als Sünder. Da wurde als Zeichen einfach die Haartracht durch Kahlschlag per Rasur entfernt, und der Besuch einer Kirche, etwa der Johanniskirche, blieb verwehrt. Bis der Glatzkopf schließlich wieder durch die "Erlöserpforte" treten durfte. Der Gästeführer deutete bei dieser Anekdote auf den bearbeiteten Stein an der Südseite der Johanniskirche, die einen Mann mit kahlem Kopf zeigt, der von einer Schere umrahmt ist.

Raue Sitten

Kurz danach wieder ein Sprung durch die Jahrhunderte. Die Gruppe landete im 20. Jahrhundert, als 1912 ein anonymes Schreiben die Türmerin des Johannisturms der "Hurerei" bezichtigt. Nachforschungen ergaben, dass es die üble Verleumdung eines Uhrenmachers war, da er selbst wegen Tierquälerei von der Türmerin Frau Bücheler angezeigt worden war.

Haußmann streifte auch den verheerenden Brand 1793, ausgelöst durch einen unvorsichtigen Gasthausbesucher. Ein ganzes Stadtquartier wurde so ausgelöscht. Die heutige "Brandstatt". Oder er erklärte im Spitalinnenhof, wie im 13. Jahrhundert eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Alten herrschte.

"Es hat sich nichts geändert", bemerkte er lakonisch, dass die betuchten Senioren damals im Pfründenwesen ihr Hab und Gut den Spitalbrüdern vermachten, und bis zu ihrem Ableben bei ihnen im Spital quasi Luxus genossen. Hingegen die Armen, die im anderen Trakt lebten, mussten für ihren Unterhalt betteln gehen.

Durch Stiftungen und Schenkungen erfreuten sich die Spitalbrüder stetig wachsenden Reichtums. Es gab aber auch eine Auflage für die reichen Senioren: Wer seinen Lebenspartner verlor, durfte nicht mehr heiraten. Grund: Die Spitalbrüder wollten erben. Ein entsprechender Vertrag musste beim Einzug unterzeichnet werden. Pech hatte, wer alt und krank war. Denn der landete laut Haußmann im Siechenhaus. Ihm blieb das Spital verwehrt.

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL