Der Liebling der Flower-Power-Zeit

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Die Innenausstattung wurde komplett überarbeitet.

Oldtimer(1). VW-Bulli T2 von Gisela und Thomas Ocker. Das Auto wandelt sich vom Arbeitstier zum schicken Lifestyle-Objekt.

Schwäbisch Gmünd

Scott McKenzie begrüßt 1967 mit seinem Flower-Power-Song "San Francisco" vielleicht auch die Geburt des VW T2, im Volksmund besser als VW-Bulli bekannt. Mehr Bezug zwischen Auto und Jugendbewegung gibt es nicht. Mit Blumenstickern beklebt wird das Auto zum Symbol der Flower-Power-Zeit.

Gisela und Thomas Ocker aus Bettringen sind zu der Zeit noch keine wirklichen Fans des Vielzweckautos. Sind sind gerade dabei, dem Krabbelalter zu entwachsen. Kindheitserinnerungen schaffen aber einen frühen Bezug zum Bulli. "Ich träumte schon immer von diesem Auto", sagt Gisela Ocker, die das Oldtimervirus vom Vater geerbt hat.

Für sie ist der VW-Bulli mehr als ein Vorzeigeobjekt. Mit dem Auto aus dem Jahr 1979 fährt sie bei Schönwetter schon mal zum Bäcker. Und vor allem unternimmt das Paar kleine Urlaubsreisen zu Campingplätzen im Ländle und darüber hinaus. Dann genießen Gisela und Thomas Ocker nicht nur das Zuhause im Bulli, sondern auch dessen freundliche Ausstrahlung. "Oft heben Leute am Straßenrand den Daumen, freuen sich beim Anblick des Oldtimers", sagt sie und spricht dabei aus Erfahrung.

Rückblende: Ein Urlaub in Österreich vor zehn Jahren. Ockers reisen durchs Land und sehen in einem Dorf vor einem Stuckateurgeschäft mehrere ziemlich mitgenommene VW T1, die erste Serie des VW-Busses, stehen. Gisela Ocker will sich das ansehen, "aber da waren wir schon vorbei". Vier Tage später kommt es dann doch zu einem Zwischenstopp an der Stelle und der Besitzer führt das Paar um die Ecke, dort steht ein orangefarbener T2. In Gedanken ist das Auto dann schon gekauft. Zurück in Schwäbisch Gmünd, reservieren Gisela und Thomas Ocker das Auto. Den nächsten Schritt unternehmen Tochter Lisa und Michael, ein Freund der Familie Ocker. Sie fahren mit dem Anhänger nach Österreich, um das automobile Glück nach Gmünd zu bringen. Dort begeistert es auch Tochter Carla, selbst Eigentümerin eines Motor-Klassikers: sie pflegt und fährt eine Vespa.

Die nötige Restaurierung wird nicht zum Eilauftrag. Es dauert einige Jahre, dann nimmt das Projekt Fahrt auf. Der Unterboden muss geschweißt werden, die Karosserie braucht dringend einen neuen Lack. Die Vorarbeit leistet wieder Lisa Ocker, kämpft so manchen Monat gegen den Rost an. Für die optische Aufwertung sind auch manche Anbauteile nötig. An der Front glänzt ein nagelneues VW-Emblem, wo zuvor ein Reserverad montiert war. Radkappen und Türgriffe blinken in der Sonne. Thomas Ocker legt auch innen Hand an. Sitze gab es dort nicht, deshalb wurde gleich nach einer perfekten Urlaubslösung gesucht: Der Sitz lässt sich dank ausgeklügeltem System zum Bett umbauen.

Komfort, was ist das?

Ich träumte schon immer von diesem Auto.

Gisela Ocker

Eine Freundin Gisela Ockers unterstützt die Oldtimer-Restaurierung. Sie näht Sitzbezüge und Vorhänge, ein Sattler fixiert einen kompletten Dachhimmel. "Da war zuvor nacktes Blech", sagt Thomas Ocker, der auf etwas Wohnlichkeit Wert legt. Der Begriff Komfort kommt in Zusammenhang mit einem T2 Transporter nicht auf. Klimaanlage und Sitzheizung sind auch 1979 noch nicht Stand der Zeit. Und nur die wenigsten Bulli-Besitzer können in den 1970er-Jahren Scott McKenzies "San Francisco" im Radio hören. In den ersten Baujahren ist nicht einmal ein Radioschacht vorhanden, geschweige denn ein Gerät selbst. Der VW-Bus ist damals noch nicht in den Herzen angekommen. Sondern im Handwerk. Das Auto steht damals nie in der Garageneinfahrt einer gutbürgerlichen Wohnsiedlung. Eher hinterm Schuppen, damit man ihn nicht sieht. Er ist ausschließlich Arbeitsgerät wie Schubkarre oder Speiswanne des Maurers.

Heute profitieren die Liebhaber des T2 von dieser ursprünglichen Bestimmung. Der Bulli geht durch Dick und Dünn, lässt auch Gisela und Thomas Ocker nie im Stich. Damit das so bleibt, kommt das Auto einmal im Jahr zum Bulli-Spezialisten, den sie in Augsburg gefunden haben. Den Kontakt finden Gisela und Thomas Ocker beim Käfertreffen in Lenglingen und beim Bullitreffen am Hammerschmiedsee. Nicht immer sind es Ausflugsziele, wenn der Bus bewegt wird. "Gute Freunde der Familie chauffieren wir auch mal zur Hochzeit", sagt sie und nennt ihre Altersgenossen Andrea und Jochen Grötzinger, die sich vor wenigen Tagen das Ja-Wort gegeben haben.

Kräftig unterwegs

Auch der Bulli ist ein Partner fürs Leben. Gisela und Thomas Ocker geben ihn nicht mehr her, sondern genießen gerne mal längere Fahrten. "Auf der Autobahn mit 100 km/h zu fahren ist so entspannend", meint Thomas Ocker. Dazu muss sich der Bus nicht einmal anstrengen. Er verfügt schon über den 2-Liter-Motor mit 70 PS, den VW damals auch in sportlichere Autos verpflanzt. Der VW-Porsche 914 hat diese Maschine (mit 80 oder 100 PS), auch die VW-Modelle 411 und 412 sind damit ausgestattet. Zu Beginn müssen im T2 47 PS bis zu 2,3 Tonnen – wenn der Wagen voll geladen ist – vor sich herschieben.

Bis ins Detail liebevoll ausgestattet.
Ein Auto für den Freizeitspaß: Gisela und Thomas Ocker nutzen den Bulli T2 im Sommer so oft wie möglich. Nach viel Fleißarbeit glänzt er wie neu.
Nur für Freunde ist der Bulli auch mal Hochzeitskutsche. Hier mit Andrea und Jochen Grötzinger, vorne Gisela Ocker.
Der Motor hat mit seinen 70 PS genug Kraft für ein bequemes Reisetempo.

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