Der Mensch als Teil der Warenkette

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Ein Riesenregal dominierte die Bühne, als das Landestheater Tübingen im Stadtgarten mit "Der gute Mensch von Sezuan" die Gmünder Theatersaison eröffnete.

Das Landestheater Tübingen zeigt in Schwäbisch Gmünd mit "Der gute Mensch von Sezuan" einen ebenso zeitlosen wie aktuellen Bert Brecht.

Schwäbisch Gmünd

Was hindert den Menschen daran, sittlich gut zu leben? Diese Frage stellt sich zu jeder Zeit anders. In Bert Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" ist es die wirtschaftlich schwierige Situation, die es den Menschen unmöglich macht. "Wie kann ich gut sein, wo doch alles so teuer ist", fragt sich die Protagonistin Shen Te. Heute sind es die Verführungen der Konsumwelt, die dazu führen, dass die westliche Welt so ausbeuterisch lebt.

Der abgerundete Amazon-Pfeil musste gar nicht auf den Paketen sein, und schon war die Anspielung klar: Ob chinesischer Tagelöhner oder mit einem Klick einkaufen – "immer ist der Mensch nur Teil einer Warenkette, deren oberste Logik die Gewinnmaximierung darstellt", schreibt Dramaturg Adrian Herrmann im Programmheft. Am Mittwochabend eröffnete das Landestheater Tübingen die Saison mit dem epischen Theaterstück, und Pakete spielten als Requisiten eine große Rolle.

Die Bühne wird beherrscht von einem Riesenregal. Es erinnert an Unterkünfte asiatischer Tagelöhner, deren enge Schlafkojen übereinandergestapelt sind; ein paar Fetzen als Vorhang sorgen für ein Mindestmaß an Intimität. Dieser trostlosen Bleibe kann die Prostituierte Shen Ta entfliehen. Sie war als einziger Mensch in Sezuan bereit, drei Götter in ihrer ärmlichen Behausung aufzunehmen. Apropos Götter: Bei dem Marxisten Brecht sind sie blasse, unbeholfene Gestalten, die selbst keine Ahnung haben, wie man unter widrigen Umständen gut sein kann. Dass sie ihre Gastgeberin mit tausend Silberdollar entlohnen, passt nicht so recht ins Bild.

Doch Shen Ta kann sich mit dem Geld wenigstens einen Tabakladen kaufen. Ihr Glück währt indessen nicht lange, plötzlich hat sie jede Menge Schmarotzer am Hals, die sie derart ausnutzen, dass sie den Tabakladen wieder verliert. Als auch ihr Geliebter nur auf den eigenen Vorteil aus ist, hilft nur eine Abspaltung: Sie schlüpft in die Rolle des erfundenen unnachgiebigen Vetters Shui Ta, der eine florierende Tabakfabrik aufbaut, in der sich das Prekariat an Paketen abschuftet.

In Paul Dessaus "Lied vom achten Elefant" wird auf einer anderen Ebene beschrieben, wie schnell die Ausgebeuteten selbst Teil des ausbeuterischen System werden. In der Tübinger Inszenierung sind die Lieder fester Bestandteil der Aufführung und sorgen unter der musikalischen Leitung von Dominik Dittrich für noch mehr Nachdruck der Parabel – so der Untertitel des Stückes, womit Brecht zum Ausdruck bringen will, dass die Geschichte auf andere Zeiten und Orte übertragen werden kann.

Womit das Publikum bei Amazon gelandet ist, bei Klimawandel und Migration und bei der zunehmenden sozialen Ungleichheit. Die Tübinger helfen nicht weiter: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen", heißt es im bekannten Epilog. Es hilft also nur selber nachdenken, "auf welche Weis dem guten Menschen man/zu einem guten Ende helfen kann."

Verdienten Applaus erntete die neunköpfige Truppe, allen voran Franziska Beyer in der Hauptrolle, unter Regisseur Dominik Günther, zumal der Aufwand in Zeiten von Corona für die Theater, aber auch das Gmünder Kulturbüro und den Stadtgarten sehr groß ist – "dabei sind wir doch auf Sie angewiesen/dass Sie bei uns zu Haus sind und genießen", heißt es ebenfalls sehr passend im Epilog.

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