Der Merkel-Fan sieht auch Fehler

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Beim Wahlkampf 2013 auf dem Gmünder Marktplatz: Norbert Barthle an der Seite von Kanzlerin Angela Merkel.
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Den Plenarsaal darf er nicht mehr betreten, am 1. Januar übergibt er seine Wohnung an Inge Gräßle: Nach 24 Jahren als Gmünder Abgeordneter nimmt Norbert Barthle Abschied aus Berlin. Ein Interview.

Schwäbisch Gmünd

Nach 24 Jahren ist Norbert Barthle nicht mehr im Bundestag. Im Interview spricht der frühere CDU-Abgeordnete über Sternstunden, Begegnungen mit Angela Merkel und über seine Zukunft.

Herr Barthle, nach 24 Jahren im Parlament, was werden Sie am meisten vermissen? Es ist ein eigenartiges Gefühl zu wissen, dass man den Plenarsaal nicht mehr betreten darf, weil dort nur Abgeordnete reindürfen. Die Vereidigung der neuen Regierung habe ich im Fernsehen verfolgt. Das erzeugt Wehmut - zu wissen, man ist endgültig in der Zuschauerrolle.

Es gibt den Begriff „Sternstunde des Parlaments“, welche haben Sie erlebt? Für mich waren das die Haushaltswochen, die Bereinigungssitzung im Haushaltsausschuss war immer ein Höhepunkt.

Der Begriff klingt eher nach Arbeit als nach Sternstunde. Beides. Aber Sternstunde deshalb, weil das Haushaltsrecht das Königsrecht des Parlaments ist. Es beschließen nicht die Minister, sondern die Parlamentarier.

Was waren die angespanntesten Tage Ihrer Zeit als Abgeordneter? Das war die Finanzkrise von 2009 bis 2011, eine brutal anstrengende Zeit. Während der Euro-Krise war der Druck immens, als wir diese Rettungsschirme gezimmert und Gesetze innerhalb einer Woche durchgepeitscht haben. Da bin ich über Tage hinweg nicht mehr dazu gekommen, mal meine Frau anzurufen.

Sitzungen bis spät in die Nacht, besonders auf EU-Ebene, waren eine Stärke von Angela Merkel. Wie haben Sie sie erlebt? Ich habe sie einige Mal begleiten dürfen auf Reisen, da hat sie auf der Hinreise Abgeordnete und Journalisten gebrieft, am Ziel folgte dann ein sehr eng getakteter Terminplan, auf der Rückreise hat sie wieder viele Gespräche geführt. Zurück in Berlin fuhr sie ins Kanzleramt zu den nächsten Terminen. Wir anderen sind erst mal nach Hause und haben uns ausgeruht. Sie hat ein unglaubliches Durchhaltevermögen, das hat sicher ihre Arbeit auch geprägt.

Was bleibt bei Ihnen hängen an Begegnungen mit der Kanzlerin? Als Haushälter hatte ich sehr viele. Ich vergesse einen Abend nie, da waren wir im Kanzleramt, und es ist spät und später geworden, dann fragt sie mich, wo ich wohne. Es liege auf ihrem Weg zu ihrer Wohnung, ob ich nicht mitfahren wolle? Und dann sitzt sie mit mir noch eineinhalb Stunden im Auto und redet mit mir, ganz normal. Ich denke, sie hatte einfach das Bedürfnis nach einem normalen Gespräch. Was macht Norbert Barthle als Rentner? Korrekterweise bin ich Pensionär. Normalerweise sind der Erfahrungsschatz und das Netzwerk eines Staatssekretärs immer noch gefragt. Ich werde vermutlich ein Beratungsunternehmen anmelden und mich beratend einschalten bei Themen, die mich bisher beschäftigt haben. Aus dem Verkehrsministerium mitgenommen habe ich das Thema Wasserstoff.

Hat Ihnen Angela Merkel verraten, wie es bei ihr weitergeht? Nein, da lässt sie gar nichts raus. Ich vermute, dass sie sich erst mal zurückzieht um runterzukommen. In der Regel werden ehemalige Staatenlenker und -lenkerinnen oft zu Vorträgen eingeladen, ihr wird es sicher nicht langweilig werden. Ich denke aber nicht, dass sie so etwas macht wie Gerhard Schröder und zu Gazprom (russischer Energiekonzern - Red.) geht oder einer ähnlichen Institution, das passt nicht zu ihr.

Welches Bild wird sich auf lange Sicht von ihr durchsetzen? Dominieren am Ende die positiven oder die kritischen Stimmen? Ich sehe sie mit unglaublich großem Respekt, bin insofern als Merkel-Fan einzuordnen, sehe aber auch ein paar Fehlentscheidungen. Sie wird auf jeden Fall als großer Krisenkanzlerin in die Geschichte eingehen; die großen Krisen, die in keinem Koalitionsvertrag standen, die hat sie sehr gut gemeistert. Wie ihr Erbe einmal von den Historikern bewertet wird, das maße ich mir nicht an zu sagen.

Was waren Fehlentscheidungen? Es wäre vielleicht glücklicher gewesen, wenn sie ein Jahr vor der Wahl versucht hätte, das Amt zu übergeben, damit der Nachfolger, die Nachfolgerin mit einem Amtsbonus in den Wahlkampf hätte gehen können. Dann wäre es vielleicht anders ausgegangen.

Nicht mit einer Niederlage in der Bundestagswahl für die CDU? Laschet war als Kandidat die falsche Wahl - hätte er gewonnen, wäre er die richtige Wahl gewesen.

Wie gut liegt Ihrer Partei die Oppositionsrolle? Bis jetzt noch gar nicht. Ich beobachte, dass die Fraktion noch nicht wirklich in der Opposition angekommen ist. Die sind geistig noch nicht dort, wo sie sein müssten als Opposition. Das wird eine schwierige Rolle werden, eingeklemmt zwischen den Rechtsradikalen und der Linkspartei.

Warum sehen Sie das als Problem? Die einen werden auf der einen Seite immer mehr fordern, die anderen auf der anderen Seite, da tust du dich schwer als CDU/CSU, die die Breite der Bevölkerung abdecken soll. Es wird nicht einfach, sich da als kräftige Opposition zu profilieren.

Ist Friedrich Merz der Richtige als CDU-Chef, was muss er hinkriegen? Ja, er ist kantig, und er hat ein gutes Team aufgestellt. Er muss jetzt die Spaltung der Partei überwinden.

Als 66-jähriger verkörpert er nicht gerade jugendlichen Aufbruch. Aber Friedrich Merz ist in seinem Denken jünger.

Das wird nicht immer so geschildert. Ich sehe das anders, er ist sehr zukunftsorientiert und offen für Neues, er ist ein jung gebliebener 60er.

Wo ist der talentierte Nachwuchs der CDU, wer ist der Kevin Kühnert Ihrer Partei? Wir haben gute junge Leute, zum Beispiel unter den Ministerpräsidenten, die wir in einigen Ländern noch haben. Bei Kühnert sehe ich etwas anderes kritisch, das Personalmodell nämlich, dass wir immer mehr Berufspolitiker bekommen, die nichts anderes gemacht haben im Leben - vom Kreißsaal in den Hörsaal und dann in den Plenarsaal. Das ist fatal und nicht zukunftsträchtig. Wenn es nach mir ginge, müsste jeder Bundestagsabgeordnete, bevor er überhaupt kandidieren darf, mindestens fünf Jahre Berufserfahrung haben.

Wie sieht Ihr Abschied aus Berlin aus, haben Sie noch eine Wohnung dort? Noch, aber die Wohnung übergebe ich zum 1. Januar an meine Nachfolgerin Inge Gräßle. Sie ist dankbar dafür, denn die Wohnung liegt ideal und es in Berlin derzeit unglaublich schwer, etwas zu finden. Meine Mitarbeiter werden von ihr übernommen, dafür bin ich auch dankbar.

Friedrich Merz ist sehr zukunftsorientiert, er ist ein jung gebliebener 60er."

Norbert Barthle,, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter
  • Norbert Barthle - seine Karriere in Berlin
  • Norbert Barthle (geboren 1952 in Gmünd) wurde 1998 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Bis 2021 vertrat der CDU-Abgeordnete dort den Wahlkreis Gmünd/Backnang. Von 2009 bis 2015 war Barthle haushaltspolitischer Sprecher der CDU-CSU-Fraktion, dann wurde er Staatssekretär im Verkehrsministerium (bis 2018) und im Entwicklungshilfeministerium (bis 2021). Seit 2018 war er zudem Griechenland-Beauftragter der Bundeskanzlerin.

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