Der nicht ganz alltägliche Blick ins Abgeordnetenleben

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Seine letzte Rede im Bundestag hielt Christian Lange im Juni 2021 in Berlin. Politik, sagte er einmal, heißt dicke Bretter bohren.
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Christian Lange erzählt aus seinen Jahren als SPD-Bundestagsabgeordneter. Und aus seiner Zeit als Justizstaatssekretär.

Schwäbisch Gmünd

In sechs Wahlperioden hat er etwa 150 Reden im Deutschen Bundestag gehalten. Nach 23 Jahren hat Christian Lange Abschied genommen. Der Sozialdemokrat trat kein siebtes Mal mehr an. Im Gespräch mit der Gmünder Tagespost blickt Lange auf die Jahre zurück, in denen er den Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd im Bundestag vertrat.

Was er am meisten vermissen werde? „Die Kolleginnen und Kollegen nach Mitternacht im Plenarsaal“, sagt Lange. Und erklärt: Zu diesem Zeitpunkt gebe es dort eine ganz besondere Atmosphäre, eine Mischung aus übernächtigt und humorvoll. Dass er nicht mehr stundenlang auf der Regierungsbank sitzen muss, darüber hingegen sei er froh, sagt Lange, der sich vorgenommen hat, sich mehr zu bewegen, zu laufen, Rad zu fahren.

Fragt man Christian Lange nach Sternstunden des Parlaments, so fällt ihm nicht nur eine ein. Fünf Bundespräsidentenwahlen nennt er, zweimal die Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler und die Debatte zur Sterbehilfe. „Ich habe mich dafür ausgesprochen, die gewerbsmäßige Sterbehilfe unter Strafe zu stellen, egal ob in kommerzieller oder nicht kommerzieller Absicht“, erklärt er. Ob spannend oder angespannt, es gab viele Tage in 23 Jahren, an sich sich Lange erinnert. Es seien immer die Tage vor großen Entscheidungen gewesen. Seine erste Wahl in den Bundestag. Seine Wahl zum Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion, seine beiden Berufungen zum Justizstaatssekretär.

Das Amt verändere einen Menschen schneller als der Mensch das Amt, auf dieses Zitat des ehemaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer reagiert der Staatssekretär a.D. leicht flapsig. „Selbst nach acht Jahren in der Regierung kann ich mein Auto noch selber fahren und auch die Fahrkarte für den Zug selbst lösen“, sagt Lange.

Was bleibt Christian Lange von Angela Merkel in Erinnerung, die er 16 Jahre lang als Kanzlerin erlebt hat? „Ihr Humor, ihre Detailkenntnis und ihre Engagement für Israel“, sagt Lange. Letzteres habe ihn mit der Kanzlerin verbunden, von der der Satz stammt, dass die Sicherheit Israels „Teil unserer Staatsräson“ sei. Darüber habe er öfters mit ihr gesprochen.

So ist es nur konsequent, dass Christian Lange in dem Buch „MdB a.D.“, in dem 34 ehemalige Parlamentarier aus ihrem Abgeordnetenleben erzählen, von seinen Erfahrungen mit und Reisen nach Israel berichtet. Zum Beispiel davon, wie er es mit Hilfe des damaligen Außenministers Joschka Fischer möglich machte, die Gmünder Ausstellung über die jüdischen Bsamim-Türme in Jerusalem zu zeigen. Die Reise zur Eröffnung war seine erste Reise in den jüdischen Staat. Am Ende seiner Abgeordnetenjahre hofft er, dass er, trotz erneut aufkeimendem Antisemitismus in Deutschland, mit seinem Engagement für jüdische Kultur einen Beitrag für das jüdische Leben in Deutschland leisten konnte.

Christian Langes größter Erfolg? Da nennt der Abgeordnete a.D. sofort und spontan die Straßenbaumaßnahmen, die ihn 23 Jahre lang beschäftigt haben. Vom Gmünder Tunnel über die Lorcher Ortsumgehung, die Mutlanger Ortsumgehung und die Mögglinger Ortsumgehung bis zur Entscheidung für den Böbinger Tunnel.

„Natürlich Christine Lambrecht“, die jetzige Verteidigungsministerin, antwortet Lange auf die Frage, wer für ihn der beste Minister oder die beste Ministerin war. Mit ihr habe er eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. „Das hat mir richtig Spaß gemacht und zusammen haben wir richtig viel gerockt.“ Ein Beispiel nur: das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, mit dem soziale Medien verpflichtet werden, Hasskommentare und Kriminalität nicht einfach nur zu löschen, sondern auch zu melden.

Was macht der Privatier Christian Lange in der Zukunft? In den nächsten Monaten will er „an der Ostsee abkühlen“, so, wie es die Gesetzeslage vorschreibt. Denn danach darf er in der freien Wirtschaft 18 Monate lang keinen Job annehmen. Langweilig ist's Christian Lange trotzdem nicht. Er sei beschäftigt, sagt er und nennt mehrere Ehrenämter bei der Deutschen Stiftung für Internationale Rechtliche Zusammenarbeit, als Mitglied im Vorstand der Atlantikbrücke, als Mitglied im Kuratorium Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und im Kuratorium Festival Europäische Kirchenmusik.

Wie bewertet Lange die Rolle der SPD in der jetzigen Regierung und die der CDU in der Opposition? „Die SPD und vor allem Olaf Scholz können regieren und wollen regieren.“ Der Koalitionsvertrag sei dafür eine gute Grundlage. Die CDU, meint er, könne sich auf der Oppositionsbank regenerieren. Mit dem Personal der 90er-Jahre aber, das Angela Merkel weggebissen habe, werde dies schwer werden.

  • Über Christian Lange
  • Der 1964 in Saarlouis geborene Sozialdemokrat und Jurist Christian Lange hat von 1998 bis 2021 23 Jahre lang den Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd im Deutschen Bundestag vertreten. Lange zog regelmäßig über die SPD-Landesliste in den Bundestag ein. Von 2013 bis 2021 war er zudem Parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium. Lange trat schon als Schüler 1982 in die SPD ein, wegen Helmut Schmidt. In Waiblingen machte er Abitur, in Tübingen studierte er. 2021 trat Lange bei der Bundestagswahl nicht mehr an.
Dazwischen liegen 23 Jahre: Christian Lange hält im Dezember 1998 in Bonn seine erste Rede als SPD-Bundestagsabgeordneter.

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