Der Oldtimer mit dem WLAN-Symbol

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Schon damals eine stattliche Erscheinung: Der Ford 20m war immer ein echtes Reisefahrzeug.

Oldtimer (2). Der Ford 20m XL und die heutigen Besitzer Mesut Ugur Isik und Selda Isik. Das Auto weckt die Erinnerungen an die Kindheit.

Schwäbisch Gmünd

Ein Sechszylinder in der Garage ist in den 1970er-Jahren noch ein Statussymbol, auch wenn das Auto kein Stern am Kühler ziert. Die Familie Isik am Gmünder Marktplatz gönnt sich damals einen Ford 20m mit der besonderen XL-Ausstattung, mit dem 90 PS starken Sechszylindermotor und den markanten Doppelscheinwerfern, die ihn vom Basismodell 17m unterscheiden.

Gekauft wird das Auto 1975, in dem Jahr, in dem Sohn Mesut Ugur zur Welt kommt, dessen Kindheit viel mit dem Familienauto zu tun hat. Der es später bedauert, dass der stattliche braunmetallic-farbige Ford verkauft wurde, dass sich die Spuren verloren haben. Geblieben sind in jede Fall die Erinnerungen – und schon bald das Verlangen, genau so einen Ford neu zu entdecken.

Mesut Ugur Isik, inzwischen mit Selda Isik verheiratet, sucht lange – und wird schließlich in Lorch fündig: Als wäre es das Auto aus der Kindheit, Farbe und Ausstattung sind identisch mit dem einstigen Familien-Ford. Nur das Baujahr des werksintern P7 genannten Autos der oberen Mittelklasse unterscheidet sich: Er stammt aus dem Jahr 1971, wird also schon bald 50. Genau das sieht man dem Auto nicht an: Kein Rost, die Innenausstattung perfekt, der Motor klingt kerngesund. "Ein toller Treffer", sagt Isik, der schon während der Suche nach dem Oldtimer bei der Zulassungsstelle die einstige Autonummer - sie war gerade wieder frei – hat reservieren lassen. Die Eltern sind immer noch dabei, in Gedanken und vor allem im gerahmten Foto, das vom Innenrückspiegel baumelt.

Aber anders als bei den Eltern wird der Wagen heute eher zu kleinen Ausfahrten genutzt. "Einmal waren wir mit dem 20m in der Schweiz", sagt Selda Isik, die gerne mitfährt, aber selbst keine solchen automobilen Emotionen aus der Kindheit mitgenommen hat. Ausflugsfahrten mit Sohn und Tochter im Ford sind aber angesagt.

Wo ist der Fensterheber?

Der Nachwuchs hat das Auto längst ins Herz geschlossen. Und wundert sich über so manche Details. Der Junior vermutet gar WLAN im Auto, so interpretiert er das Logo auf dem Kippschalter für den Scheibenwischer. "Am Anfang waren die Kinder auch auf der Suche nach dem Schalter für die Fensterheber", sagt Mesut Ugur Isik. Die Kurbel ist für sie etwas ganz Neues.

Am Anfang waren die Kinder auch auf der Suche nach dem Schalter für die Fensterheber.

Mesut Ugur Isik, Oldtimer-Besitzer

1975 ist das alles erste Sahne. Der Oldtimer-Liebhaber erinnert sich vor allem an die langen Fahrten in die Ferien. Die Eltern stammten aus der Türkei und das war klares Urlaubsziel. "Zehn Mal ist mein Vater mit uns im Ford dort hingefahren", sagt Isik. Die einfache Strecke bis zum Ziel rund 3700 Kilometer. "Wir waren vier Tage unterwegs." Erinnerung und Gegenwart liegen oft nah beieinander: Ein altes Foto zeigt den heutigen Besitzer als kleinen Jungen vor dem Auto, ein fast identisches Bild gibt es heute vom Sohn der Familie.

Das Auto hat die Strapazen weggesteckt. Auch der heutige Oldtimer hat die Isiks noch nie im Stich gelassen. Das Auto erinnert lediglich daran, dass es aus einer anderen Zeit kommt. Die Lenkung von damals ist nicht ganz so präzise wie heute. Die hintere Starrachse informiert die Insassen dafür direkter über den aktuellen Straßenzustand. Kurven mag der 20m nicht so wie moderne Autos. Elektronische Helfer wie ESP sind natürlich nicht an Bord. Aber schon allein wegen der Fahrzeuggröße kommt in den 1970er-Jahren im Ford das Gefühl auf, sicher unterwegs zu sein.

Ein Verkaufserfolg

Dieser Ford 20m aus der Reihe P7 folgt auf einen Vorgänger, der nur neun Monate gebaut wurde. Dessen Hüftschwung - im Volksmund Kummerfalte genannt - und ein unglücklich designtes Heck fallen beim Publikum durch. Der Nachfolger P7b macht das alles besser, wird zum Verkaufserfolg. Erstmals ist das neue Sicherheitslenkrad mit zusammenschiebbarem Pralltopf an Bord. Neu auch die heizbare Heckscheibe und eine mit der Scheibenwaschanlage kombinierte, fußbetätigte Tippwischschaltung für den Scheibenwischer. Der ehemalige 20M TS wurde nun von der neuen Luxusversion 20M XL abgelöst. Breite Chromleisten am Radlauf. Metalliclackierung, echtes Holzfurnier über die gesamte Breite des Armaturenbrettes, auf dem Instrumententräger, auf der Mittelkonsole und an allen Türoberkanten und ein holzgemasertes Lenkrad gehören dazu.

Glück für alle, die ein intaktes Fahrzeug besitzen. Zum einen sind Rostschäden und gravierende technische Mängel arbeitsaufwendig und damit teuer. Zum anderen gibt es so gut wie keine neuen Originalteile aus der Zeit mehr. Fords zentrales Ersatzteillager ist 1977 abgebrannt, dort lagerten fast alle Teile für diese älteren Baujahre. Es gibt nachgefertigte Blech- und Technikteile. Die aber würde Mesut Ugur Isik auf keinen Fall selbst einbauen. Er hat für das Lehramt in deutscher Sprache studiert. Spaß macht es ihm aber, das Auto zu pflegen, Chrom und Lack zu polieren. Und die Accessoires schön zu dekorieren: Etwa die Illustrierte, die auf der Ablage vor dem Heckfenster liegt: "Frau mit Herz", Ausgabe Mai 1971.

Auch Selda Isik ist vom Autoschrauben weit entfernt. Sie betreibt ein Friseurgeschäft und ist sich sicher: "Ich kann schöne Frisuren machen, aber ganz sicher keine Autos reparieren."

Der Ford 20m XL und die heutigen Besitzer Mesut Ugur Isik und Selda Isik. Den Oldtimer haben längst auch die Kinder ins Herz geschlossen und genießen kleinere Ausfahrten.
Die Zeitschrift auf der Heckablage ist so alt wie das Auto.
Ein V6-Motor sorgt auch heute noch für gute Fahrleistungen.
Das war 1971 noch ganz neu: Ein Lenkrad mit Prallplatte.
Mesut Ugur Isik 1978 vor dem Ford der Familie.

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